Stille. Selbst der sonst kaum überhörbare Punk-Sound vom Wagenplatz fehlt. Und die Gäste in der «Landestelle» gegenüber sind auch keine wilden Partymenschen, sondern unter anderem ältere Leute, die sich eine Kaffee-Pause gönnen auf ihrem Spaziergang dem Rhein entlang. Einzig ein Stadtreinigungswagen macht kurz Lärm, fegt den gröbsten Dreck weg, fährt weiter. «Fuck the Police» steht weiterhin auf dem Boden geschrieben; genauso wie «Shit Mode».

Mit «Shit» hat das Projekt nichts zu tun, das hier entsteht, zumindest nicht in den Augen der meisten Menschen. Bloss die Bewohner des besetzten und von der Regierung geduldeten Wagenplatzes finden es «Shit», dass sie nun dauerhaft Gesellschaft haben auf «ihrer» Brache – vom Verein Shift Mode, der das Areal vor zwei Wochen übernahm und der langsam sichtbar wird.

Passerelle für Quartier geplant

Fünf Container stehen bisher auf dem riesigen Platz. Darin schwitzen und schweissen Handwerker. Sie bauen aus zwei Containern die Bar Lady Bug, die Mitte August als erstes Projekt von Shift Mode eröffnet werden soll. «Wir warten noch auf die Baubewilligung», sagt Katja Reichenstein von Shift Mode. Sobald diese vorliege und die Bar funktionstauglich sei, lege man los. Bereits 40 Projekte sind bei Reichenstein und ihrem Partner Tom Brunner eingegangen. Alles werde man nicht umsetzen können. «Wir wollen langsam wachsen.»

Der Verein hatte im Frühling von der Regierung den Auftrag erhalten, die Brache mit öffentlichen Projekten zwischenzunutzen und so das Quartier zu beleben. «Manche Bewohner befürchten nun, dass unsere Projekte das Quartier aufwerten, und ihre Wohnungsmieten steigen», sagt Reichenstein. Sie könne diese Leute aber beruhigen und ihnen klarmachen, dass es einzig und allein darum gehe, den Ort zu beleben.

Damit dann auch tatsächlich alle etwas davon haben, und dies möglichst unkompliziert, führt das Bau- und Verkehrsdepartement derzeit eine Machbarkeitsstudie für eine Passerelle durch. Quartierbewohner, die gegenüber des Platzes leben, sollen über eine kleine Brücke direkt auf das Areal gelangen können, statt wie jetzt einen grossen Umweg machen zu müssen. Denn: Zuggeleise verunmöglichen einen direkten Zugang zum Areal. Roland Frank von der Abteilung Stadtentwicklung ist sehr angetan von dieser Idee: «Wir begrüssen die Prüfung einer solchen Passerelle», sagt er zurückhaltend. Klarer in ihrer Formulierung ist Katja Reichenstein, die es im Sinne einer quartierfreundlichen Nutzung für wichtig, wenn nicht sogar für nötig hält, eine Brücke zwischen dem Shift-Mode-Areal und den Quartieren Klybeck und Kleinhüningen zu schlagen. Auch die Grossrätin Heidi Mück vom Grünen Bündnis setzt sich mit Vorstössen für das Quartier ein und kämpft dagegen, dass eines Tages eine «abgetrennte» Luxussiedlung neben dem sozial schwachen Kleinhüningen entsteht. Denn so ist es geplant, allerdings erst in ferner Zukunft. Shift Mode hat den Zuschlag erhalten, bis sicher 2019 auf dem Platz bleiben zu können.

Derzeit führen Reichenstein und Brunner Gespräche mit Anwohnern, Behörden, Künstlern. Selbst mit den Wagenleuten gibt es einen Dialog, Projekte wollen diese bei Shift Mode aber keine realisieren. «Es ist leider eher ein Nebeneinander als ein Miteinander», sagt Reichenstein. Sie hat Verständnis für den Groll der Leute, betont aber, dass es nicht ihr Verein war, der die Räumung im Juni angeordnet hat, sondern eine Bedingung der Regierung: Der Wagenplatz darf nur 2500 Quadratmeter beanspruchen. Sonst wird geräumt. So ist es dann auch passiert.

Grund war die Kunstmesse Scope, die jeweils im Juni den Platz mietet. 2015 wird die Messe erneut durchgeführt, allerdings nicht wie bisher in einem Zelt, sondern – wenn alles nach Plan läuft – in Holzhütten: Scope ist dabei, Geld für die Bauten aufzutreiben. Shift Mode soll darin Projekte realisieren, die ausziehen, wenn die Scope stattfindet. Es wäre eine Win-Win-Situation, noch ist der Scope-Chef aber auf Investoren-Suche. Sollte er scheitern, ginge die Welt nicht unter: «Dann backen wir eben kleinere Brötchen», sagt Reichenstein. Gedeckte Räume würden langsamer und in Zusammenarbeit mit einzelnen Projekten entstehen. Langsam wachsen eben.