Ozeanium

Jetzt spricht der Freundeverein des Zolli: «Die Opposition ist für mich unfassbar»

Der Baselbieter Alt-Regierungsrat Peter Schmid ist Präsident de Freundevereins des Zolli und fasziniert von der Tierwelt. Das Ozeanium sieht er als positive Weiterentwicklung der Basler Institution.

Peter Schmid, Präsident des Freundevereins des Zolli, erzählt von seiner Leidenschaft für den Zoo, seiner Auffassung von Tierethik – und warum er die Heftigkeit der Ozeanium-Gegner nicht versteht.

Beim Spazieren durch den Garten zeigten sie auf das Nilpferd Wilhelm. Sie sind also vertraut mit der Tierwelt im Zolli?

Peter Schmid: Ich pflege einen intensiven Kontakt, ja. Das Faszinierende beim Zoo ist, dass sich durch regelmässige Besuche eine Vertrautheit entwickelt.

Was ist Ihr Lieblingstier im Zolli?

Da müsste ich einige nennen. Aber seit ich 2004 Präsident vom Freundeverein geworden bin, habe ich ein viel breiteres Interesse an der Tierwelt entwickelt. Ich glaube, es liegt daran, dass ich die Evolutionstheorie besser verstanden habe.

Als Religionspädagoge kommen Sie aus der Theologie.

Ich war nie ein Gegner der Evolutionstheorie. Hingegen habe ich verstanden, dass sich aus der Sicht der Evolution jedes Lebewesen auf dem höchsten gegenwärtigen Stand seiner Entwicklung befindet. Daraus ergibt sich ein veränderter Blick auf die Wertediskussion. Ich konnte zudem meinen romantisierenden Blick auf die Natur revidieren: Tiere erleben in der Wildnis Stress, werden krank, leiden Hunger und Durst. Über die Hälfte der Tiere sterben vor dem Erwachsenenwerden.

Ist denn ein Tier glücklicher im Zoo?

Das weiss ich nicht. Ich würde sagen, es ist nicht unglücklicher. Aber diese Frage bringt uns an die Grenze zur ethischen Debatte. Ist ein junger Löwe, der von seinem Vater zur Rivalitätsvermeidung getötet wird, glücklicher als einer, der im Zoo geboren und uralt wird? In den Zoos leben Tiere viel länger als in der Natur, weil sie ihren Feinden und Krankheiten nicht oder weniger ausgesetzt sind.

Ihre Gegner behaupten, ein Tier leidet im Zoo, weil sein Lebensraum eingeschränkt ist.

In der Tierethik gibt es verschiedene Strömungen. Eine davon, nach meiner Wahrnehmung eine lautstarke Minderheit, versucht, Unterschiede zwischen Mensch und Tier völlig einzuebnen und entwickelt dabei oft menschliche Denkmodelle, die wie so vieles im Leben keineswegs frei von Widersprüchen sind. Eine andere, breitere Strömung, bekennt sich einer Ethik, die eng mit biologischen Befunden verknüpft ist. Die eifrigen Tierethiker proklamieren, dass Tiere im Zoo generell leiden. Aber wo zeigt sich dieses Leiden zum Beispiel bei Wilhelm, dem Flusspferd?

Können Sie ausschliessen, dass Wilhelm in seiner Anlage leidet?

Ich würde mit dem Begriff der Entspannung argumentieren. 1961 hat Heini Hediger, Pionier der Tiergartenbiologie, zehn Funktionsweisen für das Wohlbefinden der Tiere definiert. Sie wurden in der Zwischenzeit verfeinert. Wie bewegt sich ein Tier? Frisst es? Pflanzt es sich fort? Zeigt es Stresssymptome oder wirkt es völlig entspannt? Ein behauptetes Leiden ohne Symptome ist nicht Ethik, sondern blosse Vermutung.

Sind der Zolli und das geplante Ozeanium eine Art «Arche Noah»?

Ich betrachte mein Engagement beim Zolli Basel als Beitrag zum Tierschutz, als Teil der gemeinsamen Anstrengung der Wissenschaft, der Tierschutzorganisationen und der Medien. Es ist belegt, dass Tierkenntnisse bei einem Zoobesuch zunehmen. Schwieriger zu messen sind Haltungsänderungen. Da finde ich es unfair, dass man von Zoos etwas erwartet, das man kaum von einer andern Bildungseinrichtung verlangen würde.

Der Philosoph Markus Wild meint, dass beim Zoo bloss ein Schaueffekt entsteht, während Filme und andere pädagogische Mittel mehr Lerneffekt erzielen.

Ein Kind, das vor einem Aquarium steht, wird beim ersten Besuch vor allem Farben sehen. Wenn es dabei bleibt, hätte Herr Wild wahrscheinlich recht. Aber die Hoffnung und das Konzept eines zoologischen Gartens ist, dass es weiter geht. Ein Kind kann mehrmals kommen, beim Programm «Zolligumper» mitmachen, ein familiäres und schulisches Umfeld haben, das es auf Ökologie sensibilisiert. In diesem Gesamtkonzept sehe ich die Bedeutung eines Zoos. Niemand behauptet, dass man nach nur einem Besuch ein neuer Mensch wird. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass die 2000 Klassenbesuche und über 1200 Führungen im Jahr sowie die zahlreichen Veranstaltungen des Freundevereins nichts bewirken. Der Nützlichkeitsgedanke stört mich, gerade bei einem Hochschullehrer wie Herrn Wild. Er selber ist Philosoph: Wie misst man die Wirkung der Philosophie?

Ermöglicht der Zoo mehr als ein Film?

Ich lasse mich nicht auf die absurde Debatte ein, ob ein Dokumentarfilm mehr Wirkung erzielt als ein Zoo. Ich würde behaupten, Aquarien und Zoos ermöglichen einen unmittelbareren Eindruck. Ich habe zum Beispiel Ruhara, eine Elefantenkuh mit gleichem Jahrgang wie ich, bis zu ihrem Tod mit 59 Jahren erlebt. Es ist faszinierend, ein Tier so lang zu begleiten.

Ist es das wert, Tiere einzusperren?

Ja. Die Argumentation der Käfige hat mit dem bereits erwähnten, untauglichen Versuch zu tun, Tierwelt und Menschenwelt zu vermischen. Bei uns erinnert das Bild von Käfigen an Gefängnis. Der Vergleich ist fast schon geschmacklos. Tieranlagen haben sich in den letzten Jahrzehnten unglaublich gewandelt. Der Blick auf Tiere hat sich verändert. Früher wollte man das Tier generisch und aus dem Zusammenhang gerissen sehen, heute will man es in seinem Lebensraum zeigen.

Zoos pflegen heutzutage, weniger Tiere auf mehr Platz zu halten. Ist das Ozeanium ein Rückschritt?

Es kommen ja nicht mehr Tiere auf das Zolli-Areal, sondern auf die Heuwaage. Die Bewegung der Tiere hat stark mit der Nahrungssuche zu tun. Sie als Spaziergänger zu betrachten, ist wiederum ein anthropomorphisches Bild. Die Platzfrage muss man sich immer stellen, aber sie wird überschätzt. Es war aber richtig, auf Eisbären oder Tiger zu verzichten. Zoos entwickeln sich weiter und ihre Mitarbeitenden sind kritikfähig. Die Zukunft reduziert sich nicht auf das Ozeanium.

Wie erklären Sie sich die Heftigkeit der Opposition gegen das Ozeanium?

Für mich ist sie unfassbar. Wenn Argumente in der Luft schwirren, die vom Tierschutz bis hin zur Frage reichen, ob man nicht lieber Sozialwohnungen oder einen Spielplatz auf der Heuwaage bauen soll, wird es stürmisch. Tierschutz hat ja im Allgemeinen absolut berechtigte Ansätze: die Kritik an der Fleischproduktion zum Beispiel. Diese Grundsorge teile ich völlig. Ich habe hier aber den Eindruck, der Zoo dient als Stellvertreter: Er ist fassbar. Die diffuse Welt der Fleischindustrie ist es nicht. Darüber hinaus denke ich, wir leben in einer Zeit tiefer Entfremdung zur Natur. Auch, oder vielleicht gerade eben bei eifrigen Tierschützern, mit der Idee vom stressfreien Leben in der schönen Natur. Wo gibt es noch freie Natur?

Das Konzept von Freiheit ist ja an sich etwas Menschliches.

Genau. Tiere wie die Antilopen könnten bei uns die Gehege problemlos überspringen. Sie fühlen sich hier sicher, finden Nahrung. Das heisst nicht, dass man Tiere wohlernährt in kleinstmöglichen Räumen halten darf, aber es relativiert den Aspekt der Fläche. Es geht vielmehr um die Qualität und Struktur der Anlage. Der Zolli verzichtete weitgehend auf Futterzeiten und führte die Futtersuche ein, um der Langeweile der Tiere vorzubeugen.

Wie beurteilen sie die Chancen für die Abstimmung am 19. Mai?

Es wird schwierig. Das Durcheinander der Argumentationslinien macht mir Sorgen. Die absurde Behauptung zum Beispiel, man habe bei der Visualisierung die reale Grösse des Gebäudes verschwiegen. 

A propos Schweigen: Der Zolli will nicht kommunizieren, wie es die Aquarien des Ozeaniums füllen wird. Hat man wirklich keine Vorstellung davon?

Im Mai wird über den Bebauungsplan auf der Heuwaage abgestimmt und nicht über ein Detailkonzept des Ozeaniums. Deshalb stehen die Einzelheiten in der Tat noch nicht fest. Die Fachleute des Zolli werden zunächst die Themen definieren. Anschliessend wird es um die Frage gehen, welche Fische die Themen beleben und ob sie sich für ein Leben im Aquarium eignen.

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