Flüchtlinge und Fotografie

Joel Sames aus Lausen reist in Bilder und Taten – von den Flüchtlingsrouten im Balkan bis hin zum Schlamm von Calais

Joel Sames in seinem Haus in Lausen.

Mit seiner Kamera reist der Baselbieter durch die Welt und versucht zu helfen. Mit dem Projekt Rastplatz unterstützte er Migranten im Balkan, in Paris und an der Küste zum Ärmelkanal.

An der französischen Küste des Ärmelkanals strandeten jahrelang Menschen, die Asyl in England suchen. Sie sassen im Schlamm der Flüchtlingslager fest und waren der Gewalt der Polizei, der konkurrenzierenden Mafiagruppen sowie den Regenschauern Nordfrankreichs ausgeliefert.

Sie waren angetrieben von der Hoffnung, in einem Lastwagen eingepfercht zu werden, um die Fahrt nach Grossbritannien wagen zu dürfen. Manchmal versetzten Schiessereien das Lager in Trauer. Das alles geschah kaum 700 Kilometer von Basel und unseren Sofas entfernt, nämlich in Dunkerque und Calais.

Inmitten dieses Elends befand sich im Winter 2016 eine Handvoll Helfer des Baselbieter Projektes «Rastplatz». Joel Sames aus Lausen ist einer von ihnen.Der freischaffende Fotograf hat das Projekt mitinitiiert, das seit Beginn der Flüchtlingskrise 2015 aktiv ist. Sie begleiteten die Flüchtlingskarawanen im Balkan, etablierten sich im Schlamm von Dunkerque oder den dunklen Ecken der französischen Hauptstadt. 

Sie kochten vor Ort, brachten Kleider. Sames wollte konkret helfen, versuchte auch, zu fotografieren und dokumentieren. Hier verband er sein humanitärer Elan und sein künstlerisches Schaffen. «Lange habe ich gedacht, ich müsste mich irgendwie definieren können. Bin ich Fotograf oder humanitärer Helfer? Irgendwie habe ich mich nun damit abgefunden, eine Art vielfältiger Gesamtentwurf zu sein.»Tatsächlich ist sein Leben eine Slalomreise zwischen zahlreichen Interessen, Leidenschaften und dem Hinterfragen von Selbstverständlichkeiten.

Sein stürmisches Leben brachte ihn von zahlreichen Ländern wie Afghanistan, Iran, Sri Lanka und Kambodscha bis nach Paris, wo er das Dasein von heimatlosen Flüchtlinge dokumentiert hat. Es brachte ihn auch immer wieder ins Baselbiet zurück. «Inmitten der sanften Juraberge fühle ich mich beheimatet», sagt er. Er lebt in Lausen, in einem kleinen, alten Holzhaus inmitten eines überwucherten Gartens. Ein ruhiger Hafen für ein stürmischer Charakter.

Calais, Paris Dschungel Joel Sames Rastplatz

Ein rebellisches Kind gegen verständnisvolle Eltern

Er wurde 1975 in Deutschland geboren. Sein Vater war Pfarrer. Seit seinem 14. Lebensjahr lebt Sames im Baselland. Als Kind legt er eine für das Mittelkind typische Eigensinnigkeit vor. «Meine Schwester hat mir mal gesagt, ich habe mich aus einem Korsett befreit.

Ich selber habe das nie so empfunden: Ich bin einfach stets meinen eigenen Leidenschaften gefolgt und liess mir nichts vorschreiben. Meine Eltern vertrauten mir und waren sehr tolerant.» Dabei war er zuerst Heavy-Metal-Fan und brachte die schlimmsten Death-Metal Platten mit äusserst schrecklichen Albumcovers nach Hause. Später entdeckte er die Hip-Hop-Kultur und wurde DJ.

Sich selber oder einen Zweck erfüllen?

Trotz seiner Vorlieben für Subkulturen absolviert er eine konventionelle Lehre als Agro-Biologie-Laborant bei der Ciba-Geigy, das später zur Novartis wurde. Dort blieb er auch einige Jahre nach der Lehre. Zunehmend wurde ihm klar, dass ihm das nicht entspricht. «Ich kam zum Schluss, dass ich nicht meine kostbare Lebensenergie damit verschwenden wollte.» Es war ein Befreiungsschlag, die Idee von Beruf hinter sich zu lassen. «In unserer Kultur werden wir nicht dazu erzogen, nach dem zu suchen, was uns erfüllt. Wir werden dazu erzogen, einen Zweck zu erfüllen», sagt er.

Nach einer abgeschlossenen Berufsmatur traf er «die beste Entscheidung seines Lebens»: Er kaufte ein One-Way-Ticket nach Bangkok. Ohne Plan und Zeitlimite. Schliesslich reiste er auf einer anderthalb Jahre dauernden Reise durch Asien auf dem Landweg zurück in die Schweiz und durchquerte dabei Länder wie Pakistan und den Iran. Zurück in die Schweiz schlägt er sich einige Zeit lang mit Nebenjobs durch und entwickelt sich Schritt für Schritt zum Fotografen. Er absolviert das Studium «Hyper-Werk» an der Hochschule für Gestaltung und Kunst, eine Mischung zwischen Kunst und Projektmanagement. Nebenan bringt er sich alles selber bei, auch der Videoschnitt.

Seither lebt er von Aufträge und geht seinen Leidenschaften nach. Mal reist er einige Wochen nach Uganda oder Kambodscha, um die lokale Hip-Hop-Szene zu dokumentieren oder arbeitet mit Hingabe für lokale Kleinfestivals. Sein soziales Engagement verflechtet sich stets mit seinen künstlerischen Werken. 2013 gewinnt er den Spezialpreis Swiss Foto Award für eine Fotostrecke über Sri Lanka. «Ich bin dankbar, so viele Möglichkeiten erhalten zu haben», sagt er. Er spricht auch vom Luxus, den er geniesst, weil er in der Schweiz lebt. «Wobei in der Schweiz meine Lebensart nicht als luxuriös gilt», sagt er schmunzelnd.

Er lebt im hier und jetzt, besitzt wenig, hat keine Pensionskasse, keine dritte Säule. «Manchmal macht mir das Sorgen. Dann denke ich wieder lange nicht mehr dran.» Von seinem Engagement zieht er eine tiefe Zufriedenheit. Wenn man ihn lobt, weil er so grosszügig sein soll, antwortet er: «Im Grunde genommen mache ich ja das für mich selbst. Mich erfüllt das, jemandem zu helfen. Hätte ich nicht das Bedürfnis danach, würde ich es nicht machen.» 

Dieses Bedürfnis entdeckte er erneut, als er 2015 die Flüchtlingskrise in den Medien verfolgte. «Ich dachte mir plötzlich: Dieser Mann aus Syrien mit den Kindern in den Armen hätte mein Vater sein können» Mit einem VW-Bus und Kochausrüstung aus Festivals fuhren seine Partnerin, er und eine Handvoll Freiwilliger nach Serbien. «Vor Ort war alles ausser Kontrolle.» Sie konzentrierten sich auf die Nothilfe. «In diesen Situationen fühlte ich mich lebendig. Ich improvisiere gern, das entspricht meiner Impulsivität.» Für ihn machte das alles Sinn. «Wir waren konkret dabei und halfen Menschen.»

Oft fühlten sich die Helfer und er auch hilflos vor dem ganzen Elend, das sie nicht eindämmen konnten, höchstens hie und da ein wenig lindern. Die Bilder, die er während seines Engagements mit Rastplatz in Paris erschuf, wird er an der Kulturnacht Ende November in Liestal ausstellen in einer begehbaren Installation.

Unterdessen wird Sames, getrieben von seinen humanistischen Überzeugungen, weiterhin mit einer Kamera im Rucksack und eine Handvoll Empathie weitermachen. Egal, welche Kurven sein Leben nimmt.

Rastplatz 500 Schlafsäcke für Paris

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