Nähkästchen

Johannes Sieber: «Gefühle passieren einfach»

Johannes Sieber hat den Begriff Liebe aus dem Nähkästchen gefischt.

Johannes Sieber hat den Begriff Liebe aus dem Nähkästchen gefischt.

Kulturunternehmer Johannes Sieber von Gaybasel plaudert aus dem Nähkästchen. Über Liebe, Coming-Outs und Toleranz

Herr Sieber, worüber reden wir?

Johannes Sieber: Über Liebe. Grosses Thema! Wie viel Zeit haben wir?

Wir nehmen uns Zeit. Wie definieren Sie Liebe?

Puh, das lässt sich schwer in Worte fassen. Gefühle passieren einfach.

Sind Sie einer, der sich schnell verliebt?

Ist schon vorgekommen, ja. Ich bin sehr begeisterungsfähig für Menschen, unterscheide aber zwischen flüchtiger Liebe und Liebe, die tief geht.

Wie lieben Sie?

Ziemlich unaufgeregt. Auch sehr entschieden. Liebe gibt mir Stabilität. Meine Partnerschaft erlebe ich als eine Art Hafen.

Können Sie sich an Ihre erste grosse Liebe erinnern?

Ohja, mit acht Jahren im Pfadilager! Ich war total verknallt in einen Kollegen meines Bruders. Das hatte – klar – noch nichts Sexuelles. Damals war mir nicht klar, was es bedeutet, dass ich in einen Jungen verliebt bin.

Wann realisierten Sie, dass Sie schwul sind?

Sehr spät, mit 20. Ich checkte lange nicht, dass «schwul» etwas mit mir zu tun haben könnte, kannte das nicht aus meinem Umfeld. Erst, als mir gesagt wurde, es stimme was nicht mit mir, realisierte ich, dass ich schwul bin.

Wie verlief Ihr Coming Out?

Besser als bei anderen. Zuerst erzählte ich es meinem Bruder, dann der Mutter. Sie reagierte nicht überrascht, machte sich aber Sorgen, dass ich Diskriminierung erfahren könnte. Und mein Vater brauchte ein bisschen länger, um es einzuordnen. Weil ich mal eine Zeit lang mit einer Frau zusammen gewesen war. Ich liebte sie, aber es fehlte etwas.

In vielen Familien ist Homosexualität immer noch ein Tabu. Mussten Sie eine Liebe mal verheimlichen?

Ja, zu Beginn der Pubertät. Ein Freund musste den Kontakt zu mir abbrechen, weil es für die Mutter nicht okay war. Wir fanden trotzdem einen Weg.

Am Freitag ist internationaler Coming Out Day. Wie engagieren Sie sich als Gründer von Gaybasel?

Es gibt verschiedene Aktionen, die wir pushen. Das war und ist ja die Idee von Gaybasel: die Szene zu vernetzen und queere Veranstaltungen zu bewerben. Für mich persönlich ist es aber kein spezieller Tag. Ich bin der Meinung, dass Coming Out ein Prozess ist und immer stattfindet. Aber es ist gut, dass es ihn gibt, um sexuellen Minderheiten Mut zu machen. Die Gesellschaft macht sich noch immer allzu oft lustig, allgemein über Minderheiten. Schwulenwitze etwa sind fest verankert. Das ist unreflektiertes Gehabe.

Wurden sie schon mit Gewalt – sowohl körperlicher als auch verbaler – konfrontiert, weil Sie schwul sind?

Natürlich. Das passiert jedem, der dazu steht. An der Zürich Pride 2019 wurde ja ein Paar auf dem Nachhauseweg zusammengeschlagen. Ich selber wurde noch nie körperlich attackiert. Aber auch nur, weil ich es nicht provoziere.

Inwiefern?

Ich würde mit meinem Freund an gewissen Orten in Basel nachts niemals Hand in Hand rumlaufen, meine Liebe zu ihm zeigen. Wenn die vollständige Akzeptanz da wäre, würde ich mich ganz anders verhalten.

Traurig. Warum riskieren Sie es nicht?

Weil ich nicht immer Lust auf Auseinandersetzungen habe.

Dann hat sich die Akzeptanz gegenüber LGBT in der Schweiz in den vergangenen 14 Jahren nicht verbessert? Damals haben Sie ja Gaybasel gegründet.

Es hat sich sicher etwas getan. Erfreulich ist , dass gestandene Institutionen wie das Theater Basel oder die Kaserne Inhalte programmieren, die sich im Kontext der Queer Culture bewegen. Ich bin auch froh, dass sich die Basler Regierung für ein Verbot von Konversionstherapien ausgesprochen hat.

Der Bundesrat nicht.

Das hat mich überhaupt nicht überrascht. Er hat es damit begründet, dass es keine bereichsspezifischen Gesetze gibt, in die ein Verbot integriert werden könnte. Das ist ein hausgemachtes Problem!

Inwiefern?

Homosexualität kommt im Gesetz nicht vor. Sowohl auf Bundes- als auch kantonaler Ebene sind die Rechte von LGBT bis heute nicht institutionalisiert. Es existiert zum Beispiel keine Statistik zu Gewalt gegenüber Homosexuellen, es gibt keine explizite gesetzliche Grundlage, um Stellen, die LGBT beraten – analog zum Männer- und Frauenbüro–, finanziell zu unterstützen, deshalb handelt es sich bei Gaybasel ja auch um eine zivilgesellschaftliche Initiative.

Warum werden Sie nicht in der Politik aktiv?

Ich glaube, meine Positionen sind nicht mehrheitsfähig. Aber eigentlich müsste ich es versuchen. Zwar hat es schon Schwule und Lesben im Grossen Rat, aber zu wenig.

Mit einer von Ihnen, Michela Seggiani, sind Sie daran, das Regenbogenbüro aufzubauen, eine Art Anlaufstelle für sexuelle Minderheiten.

Die Idee dafür entstand, weil mich bei Gaybasel regelmässig Anfragen für psychologische Betreuung, aber auch rechtliche Beratung erreichen, etwa bei Diskriminierungsfällen. Hier wollen wir vermitteln. Aber es dauert sicher noch ein halbes Jahr, bis wir starten können. Gaybasel soll eine Veranstaltungsseite bleiben.

Der Kanton finanziert das Frauen- und Männerbüro mit. Nun wäre es doch schön, wenn er das Regenbogenbüro unterstützt.

Sicher. Ich sehe das sogar als staatliche Aufgabe! Aber eben, wegen der rechtlichen Situation ist das noch nicht möglich, es existiert kein öffentlicher Auftrag. Ich bin gespannt, was die Regierung auf den Anzug Bertschi antworten wird. Diese verlangt, dass die Zuständigkeit zu LGBT-Themen geklärt wird.

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Autorin

Rahel Koerfgen

Rahel  Koerfgen

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