Uhrmacher
John Joseph kann jede mechanische Uhr reparieren

Gibt eine Uhr heute den Geist auf, landet sie ruckzuck in der Tonne. Das schmerzt den Basler Uhrmacher John Joseph. Vor allem antike Grossuhren haben es ihm angetan. Sein Atelier in der Steinenvorstadt ist eine wahre Schatzkammer.

Muriel Mercier
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An den Wänden im Atelier hängen neben ganzen Uhren auch viele Einzelteile.
Pendulen soweit das Auge reicht.
Für die Arbeit an einem Uhrwerk braucht Joseph Geduld und eine ruhige Hand.

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Kenneth Nars

Tick-tack, tick-tack, tick-tack. Der Takt der Zeit. Das Ticken von 25 Uhren gleichzeitig strömt eine ungemeine Ruhe aus. Der Raum scheint winzig. An den Wänden hängen neben Pendulen in verschiedenen Farben und Verzierungen Werkzeug, grosse Zifferblätter aus Silber – und an einer Schnur sind gut 100 Uhrenschlüssel aneinandergereiht. Das 40 Quadratmeter grosse Atelier ist das Reich von John Joseph. Der Uhrmacher steht an seinem Arbeitsplatz. Er hat seine Uhrmacherlupe aufgesetzt, fixiert konzentriert das Uhrwerk in seiner linken Hand und beginnt, mit der Pinzette daran zu arbeiten.

Jospehs Vorliebe als Restaurator gilt den grossen Uhren. Also allen, die die Grösse einer Taschenuhr übersteigen, erklärt er. Ist irgendetwas bei deren Mechanik kaputt, konstruiert er die zerstörten Teile selber, denn Ersatzteile gebe es dafür keine. Aus diesem Grund lehnt er denn auch die Reparatur von Armbanduhren ab. Denn wer keine Konzessionen hat, bekommt auch für diese keine Bestandteile mehr. Der Grund ist einfach: Die Uhrenindustrie will ihr Monopol behalten und neue Uhren verkaufen. «Mit Reparieren macht man kein Geld.»

Lohnt es sich wirklich?

Überhaupt ist es meist eine persönliche Entscheidung des Kunden, ob er seine Pendule, Bodenstanduhr oder Tischuhr restaurieren lassen möchte. Reparieren kann Joseph alles. «Die Frage ist, wie verhältnismässig eine Revision ist.» Denn der Wert der Uhr ist in den letzten 15 Jahren enorm gesunken. Für eine Comtoise-Uhr – Kunstwerke aus Frankreich, die ab 1680 bis Ende des 19. Jahrhunderts hergestellt wurden –, legte man vor einigen Jahren sicher 2500 Franken auf den Tisch. Heute bekommt man diese für 250 Franken. Jospeh kauft selber auch Uhren ein: «Eigentlich ist es mir unangenehm, für so ein Werk so wenig Geld zu bezahlen. Aber man ist halt blöd, wenn man es nicht tut.»

Und hier kommt die Verhältnismässigkeit ins Spiel. Denn die Revision einer solchen Uhr übersteige ihren heutigen Wert bei Weitem. «Aber ich kann deswegen nicht weniger Geld für die Reparatur verlangen. Ich habe immer noch denselben Arbeitsaufwand.» Viele Kunden fragen ihn, ob sich eine Reparatur lohne. «Dann frage ich sie, ob sich ein Essen im Stucki lohnt. Die Zutaten könnte man im Coop kaufen. Wenn man Freude an einem Gegenstand hat, sollte man ihn reparieren lassen, ohne auf den Preis zu achten.» Immer wieder finden Uhren ihren Weg in sein kleines Domizil, die er auch gerne behalten würde. Derzeit ist eine süddeutsche Tischuhr aus dem Jahr 1640 sein Bijou. Aber: «Ich bin kein Sammler. Ich muss keine Uhr besitzen.»

Interesse an mechanischen Uhren haben heute genug Leute. Denn wer denkt, das Uhrmacherhandwerk sei eine aussterbende Branche, der täuscht sich. Über fehlende Kunden kann sich der 53-jährige John Jospeh nicht beklagen. Und je länger je mehr werden sie jünger, seine Neukunden sind ab 45 Jahre alt. «Mechanische Uhren sind wieder gefragt», sagt er strahlend. «Für diese aber braucht es gute Uhrmacher, denn ein mechanisches Uhrwerk funktioniert kompliziert.» Da die Uhrenindustrie in den Siebziger- und Achtzigerjahren eingebrochen war, hatte sich während dieser Jahre niemand für den Beruf interessiert. «Das ist ein grosses Problem. Es fehlt an Nachwuchs. Es wäre also der optimale Zeitpunkt, jetzt eine Uhrmacher-Lehre zu beginnen.»

«Hetzen bringt nicht»

Immer wieder besuchen Praktikanten Jospeh in seinem Atelier in der Steinenvorstadt. Ob angehende Lehrlinge für den Uhrmacher-Job Talent haben, erkenne er auf den ersten Blick. «Beim Arbeiten brauche ich eine innere Ruhe. Wenn ein Praktikant hetzt, weiss ich, dass aus ihm nie ein Uhrmacher wird.»

Er kam zum Beruf, weil er als Kind Spass hatte, Sachen auseinanderzunehmen. Den Mixer, die Türfalle, das Telefon. Mit 15 Jahren hatte der im englischen Bristol geborene Joseph sich für das Uhrmacherhandwerk entschieden und absolvierte in London die Uhrmacher- und danach die Restauratorenausbildung. Seit 1991 lebt er in Basel –, Grund für die Reise in die Schweiz war die Liebe. Seit 19 Jahren besitzt er sein Atelier.