Johny Holiday, was haben Sie für einen Begriff aus dem Nähkästchen gefischt?

Johny Holiday: Geigen! Die begleiten mich schon mein Leben lang. Meine Mutter ist Geigerin, spielte in einem Orchester und gab Geigenunterricht.

Geht man zu den musikalischen Anfänge Ihrer Rap-Combo Brandhärd zurück, tauchen auch Geigen auf, oder?

Es war viel klassische Musik in unseren Beats, ja. Mr. Fierce hat ebenfalls einen klassischen Hintergrund. Er hat verschiedenste Flöten gespielt. Wir haben uns anfänglich der elterlichen Plattensammlung bedient.

So Incredible

Johny Holiday: So Incredible

Welches Instrument haben Sie gelernt?

Ich musste Klarinette spielen. Ich wollte eigentlich immer ans Saxofon, das hat aber nie geklappt. Bis 16 musste ich jede Woche in den Unterricht. Dann habe ich begonnen aufzulegen.

Hatte Ihre Mutter das Gehör dafür?

Sie war zu Beginn wohl nicht gerade begeistert. Es war auch schwer, den Platten etwas Musikalisches zu entlocken, gebe ich zu. Erst hatte ich nur einen Plattenspieler, später einen zweiten, dazu ein Mischpult. Es brauchte eine gewisse Zeit, bis es mehr als nach «Uigiwuigi» klang. Ich will es ihr nicht verübeln, dass sie das nicht als Musik betrachtete.

Daraus entstand später Johny Holiday, DJ bei Brandhärd. In der Rap-Kombo spielten Sie ein bisschen die zweite Geige.

Ich bin wirklich zufrieden, habe ich einen Tisch vor mir (lacht). Im Ernst: Bei den ersten Interviews sagte ich kein Wort. Diese Rolle hat sich zwar schon ziemlich geändert, aber ich dirigiere lieber aus dem Hintergrund.

Inwiefern hat sich Ihre Rolle verändert?

Ich bin lauter geworden, steuere mehr mit und bei. Früher war ich schon eher passiv. Mich hat die musikalische Seite, die Beats, auch mehr interessiert als der Rap-Gesang an sich.

Wie war die grosse Popularität von Brandhärd für jemanden, der eigentlich das Rampenlicht nicht sucht?

Ich musste mich schnell an die Situation gewöhnen. Eine Szene ist mir geblieben: Ich kam im Mediamarkt von der Rolltreppe und sah mein Gesicht auf gefühlt 80 Bildschirmen – es lief «Noochbrand» auf Viva. Ich wollte nur noch im Boden versinken.

Brandhärd sind Kinder der Agglo, haben die Wurzeln im Sprayen. Jetzt wohnen Sie wieder in der Agglomeration: in Riehen. Gibt’s da «Realness»?

Selbstverständlich. Mein Studio ist immer noch Untergrund (lacht). Ich sehe kein Problem. Ich habe neun Jahre bei der Johanniterbrücke gelebt. Ich vermisse die Nächte mit deutschen Schlagern, gesungen von Studenten, nicht. Jetzt wohne ich zwar an einem Froschteich, der fast gleich viel Lärm macht ...

Ihre Töchter sind zwei und vier. Hip-Hop vermittelt ein zuweilen problematisches Frauenbild. Wird das einmal Diskussionen ergeben?

Schon möglich. Musik aber ist heute grundsätzlich sexualisiert, nicht nur Hip-Hop.

Werden Sie Ihre Töchter ermutigen, Hip-Hop zu machen?

Wieso nicht? Es braucht als Frau ein dickeres Fell, sicher. Aber das braucht es auch als Mann.

Mussten Sie sich ein solches auch erst zutun?

Ja, schon. Man muss seine Positionen vertreten. Auch wir haben «Gehate» und «Disses» erfahren.

Wirklich? Brandhärd gehört doch zu den «Good Guys».

Wir hatten immer wieder «Beef» mit anderen Crews und Neidern. Einmal wurde es sogar fast handgreiflich.

Im Frühling erscheint eine neue Brandhärd-Platte. Was ist zu erwarten?

Die Band hatte einen grösseren Einfluss auf unseren Sound. Es wird auch der Abschluss einer Schaffenszeit – aber sicher nicht unser letztes Album.

Im Herbst erschien Ihre Solo-Platte «Coconut Dandy». Was hat es damit auf sich?

Es war mein erstes Soloprojekt, und nur Instrumental. Produzieren gibt mir sehr viel mehr, als nur aufzutreten.

Sie treten aber auch heute an der BScene auf. Ist Ihnen das Publikum wichtig?

Klar, das Publikum ist das direkte Feedback, man sieht es schon daran, ob sich die Leute zum Sound bewegen.

Ist das Publikum eigentlich mit Brandhärd mitgewachsen oder immer noch jung?

Da ist alles dabei. Sogar Leute, die waren bei der Geburt von «Noochbrand» noch gar nicht auf der Welt. Meine Frau und meine Eltern hören die Songs auch mit meinen Kindern. Was ich nie tun würde (lacht).

Also hat sich Ihre Mutter mit Ihrem DJ-Dasein abgefunden?

Ich glaube schon. Ich habe mich schon lange nicht mehr mit ihr darüber unterhalten. Aber ich glaube, meine Eltern sind inzwischen schon zufrieden mit dem, was ich gemacht habe. Und auch mit der Solo-Platte haben sie gesehen, dass es nicht nur «Uigiwuigi» war.