Interview

Josef Helfenstein: «Museen sind Orte der Entschleunigung»

Von der Grosszügigkeit der Basler beeindruckt: Kunstmuseumsdirektor Josef Helfenstein. (Archivbild)

Von der Grosszügigkeit der Basler beeindruckt: Kunstmuseumsdirektor Josef Helfenstein. (Archivbild)

Die bz führt mit Kunstmuseumsdirektor Josef Helfenstein ein Gespräch. Wir sprechen über die Vorteile staatlicher Museen, die Grosszügigkeit der Basler und die coolste Party des Jahres.

Herr Helfenstein, würden Sie manchmal gerne in die Haut von Sam Keller schlüpfen, dem Direktor der Fondation Beyeler?

Josef Helfenstein: Meinen Sie, weil dort immer alles in Butter zu sein scheint? Nein, überhaupt nicht. Für mich ist das Basler Kunstmuseum die wunderbarste Kunstinstitution der Schweiz.

Das Kunstmuseum scheint im Vergleich zur wendigen, flexiblen Fondation Beyeler wie ein grosser Dampfer und man gewinnt angesichts der Besucherströme in Riehen den Eindruck, der Dampfer Kunstmuseum gleite im Fahrwasser der «Yacht Beyeler».

Wenn Sie das so sehen, sagt es sehr viel über die Zeit aus, in der wir leben, über die Schnelllebigkeit. Eine verhältnismässig junge und finanziell gut dotierte Institution wie die Fondation Beyeler hat es leichter. Das Kunstmuseum ist ein viel älteres und komplexeres Gebilde, allein schon was die Verschiedenheit der Gebäude, vor allem aber auch, was seinen Auftrag betrifft. Wir haben eine wunderbare und vielfältige Sammlung, die es lohnt, auf mehr als nur auf «Highlights» zu setzen.

Was macht den Reiz dieses langsamen Dampfers aus?

Das Kunstmuseum ist Teil des Gedächtnisses dieser städtischen Gesellschaft. Unsere Sammlung ist, angefangen bei Amerbachs Freundschaft mit Holbein und Erasmus, ein Kind der Renaissance. Ich sehe uns als einen Ort, der entschleunigen will und soll. Die lange Sammlungstradition erlaubt es uns, einen Spagat zu machen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Und das ganz abseits des alltäglichen Celebrity-Wahns und der Empörungskultur, die unsere Zeit wegfrisst. Das finde ich grossartig und unglaublich wichtig zugleich.

Sie haben sie erwähnt, die über 350 Jahre gewachsene, immens grosse Sammlung des Museums. Ist es nicht frustrierend, nur einen winzigen Teil davon zeigen zu können?

Im Gegenteil, für Kuratorinnen und Kuratoren ist es ein Privileg, mit einem solchen Reichtum arbeiten zu können. Wir machen pro Jahr rund 20 Ausstellungen, davon sind drei Viertel reine Bestandesausstellungen und zeigen meines Wissens mehr von der Sammlung denn je in der Geschichte des Museums.

Es ist eine Sammlung, die wächst und wächst…

Ja. Wenn man die Zahl der Kunstwerke auf die Lebensdauer des Museums aufrechnet, sind das im Schnitt jährlich fast 900 Kunstwerke, die dazu gekommen sind. Die Sammlung wächst aber heute viel langsamer.

Wohin führt denn diese Entwicklung? Es kann ja nicht sein, dass eine Sammlung ins Unendliche wächst, ohne Limit.

Das ist das Dilemma einer jeden grossen Kulturinstitution, die sammelt. In den USA ist es durchaus üblich, dass hin und wieder Sammlungsstücke verkauft werden. Das dürfen wir hier in Basel nicht, das Museumsgesetz verbietet es. Das bedeutet, dass wir bei Ankäufen oder Schenkungen sehr selektiv vorgehen müssen.

Können Sie das überhaupt? Oder anders gefragt: Ist es statthaft für ein Museum, das über Generationen vom Grossbürgertum alimentiert wurde, ein Legat abzulehnen?

Das kann schon vorkommen. Es ist für mich in diesem Zusammenhang gut zu wissen, dass ich ein Teil in einer langen Kette von Museumsdirektoren oder Konservatoren bin, Teil eines Organismus, der von dieser Stadt geprägt wird und die Stadt prägt. Das ist der Blick aufs grosse Ganze und auf eine Kontinuität, innerhalb derer wir handeln. Niemand weiss, welche Geschenke das Museum nächstes Jahr erhält. Allein dieses Jahr haben wir Werke im Millionenbereich erhalten, zum Beispiel Schlüsselwerke von William Kentridge. Insgesamt kommen die Schenkungen aus verschiedenen Bereichen, denken Sie nur an Picasso oder Jasper Johns, beides keine Ur-Basler.

Sie pflegen die Verbundenheit des Museums mit der Stadt jedes Jahr mit diversen Ausstellungen. Täuscht der Eindruck oder werden es immer mehr «Basler Ausstellungen»?

Ja, dieser Eindruck täuscht.

Aber Sie legen Wert darauf, dass Sie auch als Basler Museum wahrgenommen werden?

Das gehört zu unserem Auftrag. Es heisst ja auch: Öffentliche Kunstsammlung Basel. Wir haben eine aktive Künstlerschaft, die das Museum kritisch begleitet. Dieser Dialog ist wichtig. Auch pflegen wir einen grossen Sammlungsbereich mit Kunst aus Basel. Es darf einfach nicht so sein, dass Basler Kunst zum Hauptthema wird. Das wäre falsch.

Nach welchen Kriterien suchen Sie Basler Werke aus? Da gibt es ja teilweise durchaus ein Qualitätsgefälle zur gezeigten internationalen Kunst.

Wir haben dafür unterschiedliche Gefässe. Wir bespielen drei Häuser. Wenn im Hauptbau in fünf Räumen Basler Kunst gezeigt wird, ist das für mich nicht weniger wichtig als eine Hauptausstellung im Neubau. Es gehört dazu, dass wir unterschiedliche Positionen zeigen. Als ich hier antrat, sprachen alle vom Neubau als Publikumsmagnet. Mir sind die beiden anderen Gebäude, Hauptbau und Gegenwart, genauso wichtig. Das Kapital des Museums sind nicht die Sonderausstellungen, sondern die Sammlung. Gerade hier in Basel wird sehr kritisch darauf geachtet, wie wir mit der Sammlung umgehen.

Ein grosser Teil Ihrer Arbeit liegt in der Vermittlung. Die Fondation Beyeler veranstaltet Partys, um ein anderes Publikum anzulocken. Welche Formate planen Sie in diesem Bereich?

Die coolste Party des Jahres, ON, fand bei uns statt, nicht in der Fondation. Wir machen sehr viel, auch wenn das vielleicht nicht so wahrgenommen wird. Wir hatten beispielsweise das «Theater der Bilder» mit dem Ensemble des Theaters Basel oder das Perkussionskonzert von Fritz Hauser im Neubau, alle Anlässe waren ausverkauft. Wir arbeiten mit Chören, Orchestern oder dem Jazz-Campus zusammen. Wir haben bereits viermal mit dem Münster zusammengearbeitet. Letztes Jahr hat erstmals in der Geschichte des Münsters ein zeitgenössischer Künstler dort eine Predigt gehalten, gesungen von Theaster Gates. Es ist mir wichtig, dass sich das Museum öffnet. Museen müssen heute auch soziale Orte sein. Mit der Sanierung des Hauptbaus werden sich da auch noch neue Möglichkeiten ergeben, vor allem, was die Nutzung der Innenhöfe betrifft.

Als staatliches Museum sind Sie auch Teil des gesellschaftlichen und politischen Lebens der Stadt. Das bringt, wie in den letzten Monaten, auch Diskussionen mit sich, die nichts mit Kunst, sondern eher mit Verwaltung, Budgets, Personalmanagement und Museumspolitik zu tun haben. Machen Sie diesen Teil Ihrer Arbeit eigentlich gerne?

Das ist ein zentraler Teil meiner Arbeit…

…den Sie gerne machen?

Das gehört einfach zum Paket meiner Aufgaben, mal ist es angenehmer mal weniger. Meine Aufgabe ist es, zwischen «oben» und «unten» zu vermitteln, wenn ich das so sagen darf. Ich bin hier im Museum Chef, habe selbst aber auch Vorgesetzte. Das sind Politiker, Mäzene, Donatoren, Sponsoren. Mit all diesen Menschen in einem steten Dialog zu sein, ist eine meiner wichtigsten Aufgaben. Ich habe den Eindruck, dass dies in Basel gut funktioniert. Ich habe hier beispielsweise mit Donatoren weniger Arbeit als in den USA, wo es manchmal fast psychotherapeutische Fähigkeiten brauchte, um diese Leute zufriedenzustellen. Das kann ja auch interessant sein, ist in Basel aber einfacher.

Die brauchen Sie hier nicht mit den Politikern, die psychotherapeutischen Fähigkeiten.

Nein, auch wenn sehr genau hingeschaut wird, was wir machen. Aber es ist ja auch toll, dass jeder Wasserschaden im Museum gleich derart viel Aufmerksamkeit generiert. Das ist nicht immer lustig, zeigt jedoch, dass den Baslerinnen und Baslern wirklich etwas an ihrem Museum liegt.

Und man will ja in der Basler Geschichte keinen Wasserschaden haben.

Das Problem liegt da eher beim Schweizer Fernsehen, das von einer Museumskrise redet, weil da mal etwas Wasser ins Museum eingedrungen ist, ohne dass Kunst in Gefahr war. Das ist doch Verhältnisblödsinn.

Aber mit der Museumskrise ist ja nicht bloss der Wassereinbruch gemeint.

Da müssen Sie mit meinen Vorgesetzten im Präsidialdepartement reden. Für mich steckt das Kunstmuseum Basel in keinster Weise in einer Krise. Kürzlich war Glenn Lowry, Direktor am MoMa New York, bei uns an einem Anlass. Wenn er nicht grossen Respekt für uns hätte, wäre er schon gar nicht gekommen. Er gehört zu den Bewunderern unseres Museums. Vielleicht ist es unsere schweizerische Überwachsamkeit, die uns den Blick auf das grosse Bild oft verstellt. Es stimmt, dass wir nach dem Neubau bedenklich unterfinanziert waren. Wir mussten das Museum professionalisieren und ich bin in diesen drei Jahren vielleicht auch mehr als drei Jahre älter geworden. Aber das Resultat unserer Arbeit lässt sich sehen und ist auch beispielhaft für Basel. Welche Stadt spricht einem Museum schon zwei Millionen mehr Budget zu, ohne dass es einen riesigen Aufruhr gibt?

Trotzdem: Basel ringt um eine Strategie für all seine Museen. Die Bauten sind in die Jahre gekommen, die Budgets zu knapp. Hat Basel zu viele Museen?

Diese Frage muss man sich stellen. Aber meine Sorge gilt natürlich dem Kunstmuseum. Und hier darf ich sagen, dass wir gut aufgestellt sind und ein tolles Team haben. Wir reden jetzt immer nur von mir. Es ist jedoch ein ganzes Team von Kuratorinnen, Kuratoren und vielen andern, die das Museum mit ihrer Arbeit prägen.

Demnach soll jeder Museumsdirektor für sein Museum schauen und das übergeordnete Konzept ist Sache der Politik?

Absolut, ja. Es ist nun mal nicht meine Aufgabe, das Museumskonzept der fünf staatlichen Basler Museen zu managen. Das ist die Aufgabe der Präsidialabteilung.

Wie hat sich Ihr Bild von Basel und seinen Einwohnern in den drei Jahren, in welchen Sie hier waren, verändert?

Ich war auch während meiner 16 Jahre in den USA regelmässig in Basel. Die Stadt war für mich immer ein herausragender Kulturort, nicht nur wegen der vielen hochkarätigen Institutionen, sondern auch wegen seiner Lage, sozusagen zwischen der Schweiz und Europa. Was mich nun aber wirklich beeindruckt nach drei Jahren, ist die Grosszügigkeit der Basler. Es gibt hier einen ausgeprägten Sinn für das Gemeinwesen, der Seltenheitswert hat. Nehmen Sie die erwähnte Schenkung der Werke von William Kentridge dieses Jahr: Die kommt von Menschen, die mit ihrer Grosszügigkeit nicht das Rampenlicht suchen, sondern ganz im Stillen wirken. Die Identifizierung der Basler mit ihrem Museum ist ausserordentlich. Kollegen auf der ganzen Welt beneiden uns darum.

Ist diese Grosszügigkeit des Basler Grossbürgertums nicht auch mit Forderungen verbunden? Im Sinne von: Wer zahlt, befiehlt?

Das ist in meiner Erfahrung überhaupt nicht so, gerade im Vergleich mit den USA. Wenn dem so wäre, wäre eine saubere Governance in Frage gestellt und kämen die juristischen Regeln zum Tragen. Letztendlich müssen unsere Entscheidungen dem Gemeinwesen dienen.

Aber gibt es beispielsweise den Fall, dass Ihnen eine Sammlung nur unter der Bedingung angeboten wird, dass sie auch in einer grossen Ausstellung präsentiert wird?

Das ist völlig legitim. Wenn uns jemand fünf Tizians schenkt, aber nicht möchte, dass diese im Depot verschwinden, ist das doch logisch. Aber letztendlich geht es immer darum, dass man sich nicht erpressen lässt. Wir haben eine Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit, und das schützt uns auch. In den USA ist das anders. Da ist die Einflussnahme der privaten Donatoren grösser.

Dann ist es doch von Vorteil, ein staatliches Museum zu sein, trotz der strengeren Kontrollen?

Beide Modelle haben Vor- und Nachteile. Andersherum habe ich es in den USA auch geschätzt, dass es für Direktoren keine Jobsicherheit gibt. Es ist oft besser, einen schnellen Schlussstrich zu ziehen, als lange weiter zu wursteln. Ich habe in meinen Anfängen nie daran gedacht, Museumsdirektor zu werden. Ich bin es nur geworden, weil ich die Nase voll hatte von schlechter Führung. Das war mit ein Grund, wieso ich nach Amerika ging.

Also tut ein gewisses Risiko auch gut.

Auf jeden Fall.

Was sind Ihre Zukunftspläne?

Ich habe hier einen Siebenjahresvertrag, das ist ein Minimum, um etwas bewirken zu können. In den ersten drei Jahren ist bereits viel passiert, es verbleiben aber noch vier. Wir sind gut aufgestellt, die Struktur stimmt jetzt, wir sind bereit, auf die kommenden Herausforderungen zu reagieren. Ein Museum ist ein Ort, wo auch die Konflikte der Gesellschaft zusammentreffen, ob man das will oder nicht.

Wie meinen Sie das?

Wir leben in einer verrückten und von Hast und Nervosität geprägten Zeit. Für mich sind Museen Orte der Entschleunigung. Ich werde nie vergessen, wie nach 9/11 die Menschen in die Museen geströmt sind, um den Schock zu verdauen. Wir sind schliesslich nicht nur für die Wahrnehmung der Kunst zuständig. Museen schaffen eine Zone, in welcher Menschen herunterfahren können. Bei uns kann man sich auch mal ganz altmodisch zurückziehen, um ein Bild anzuschauen. Das machen viele Leute auch so. Sie benützen das Museum als eine Art Zuhause, und das macht mich glücklich.

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