Klassik

Jubel für Musik aus dem Jahr 1913, die einst ein Skandal war

Dennis Russell Davies und Maki Namekawa gestalten Igor Strawinskys «Le Sacre du Printemps» für Klavier zu vier Händen.

Dennis Russell Davies und Maki Namekawa gestalten Igor Strawinskys «Le Sacre du Printemps» für Klavier zu vier Händen.

Das Sinfonieorchester Basel veranstaltete erfolgreich ein kleines Eintagefestival rund um das Skandaljahr 1913. Die Uraufführung mit dem Ballet Russes 1913 im Théâtre des Champs Élysées hatte in Paris zu einem handfesten Skandal geführt.

Dennis Russel Davies ist heute zuerst Dirigent - Chef des Sinfonieorchesters Basel -, aber er ist auch ein ausgezeichneter Pianist. Das hat uns in Basel in die glückliche Situation gebracht, dass wir an einem Tag Igor Strawinskys Ballettmusik «Le Sacre du Printemps» zuerst in der Fassung für Klavier zu vier Händen und danach in der Orchesterfassung hören konnten.

Die Uraufführung mit dem Ballet Russes 1913 im Théâtre des Champs Élysées hatte in Paris zu einem handfesten Skandal geführt. Die beiden «Sacre»-Fassungen bildeten nun den Rahmen - und zugleich viel mehr als das - zu einem eintägigen Minifestival, das das Sinfonieorchester Basel (SOB) rund um das Skandaljahr 1913 organisiert hat.

Im März kam es in Wien im Konzert von Arnold Schönberg, Anton Webern und Alban Berg ebenfalls zum handfesten Skandal: Als «Watschenkonzert» ging der Abend in die Geschichte ein.

Kontrabassist Christian Sutter, der auch ein gewiefter Erzähler ist, näherte sich über Texte aus Florian Illies Buch «1913» den wilden Streitereien zwischen Avantgardisten und Konservativen an. SOB-Dramaturg Hans-Georg Hofmann und Klarinettist Martin Forrer gaben zudem einen Überblick über die beiden Musikskandale.

Am Anfang des sehr gut besuchten Minifestivals stand die grandiose Fassung des «Sacre» für Klavier zu vier Händen. Strawinsky schrieb sie parallel zur Orchesterfassung - und nicht danach, wie das ansonsten üblich war.

Am Klavier und mit Orchester

Das Ehepaar Dennis Russell Davies und Maki Namekawa harmonierte bestens. Davies erwies sich auch am Klavier als ein Gestalter, der das Gesamte vor Augen hat und die Musik von ihren Grundfesten her aufbaut. Davies und Namekawa entfalteten das Dunkel des Werks, liessen sich in den langsamen Passagen Zeit und verstanden es, gerade so Spannung zu erzeugen.

(Quelle: youtube.com/Sinfonieorchester Basel)

Vorschau 13./14 November 2013 (Schubert: Sinfonie Nr. 6)

Ihr Spiel bestach durch grosse Dynamik. Sowohl in den letzten Szenen des ersten wie des zweiten Teils steigerten sie die Musik in einen - stets kontrollierten - schwindelerregenden und tödlichen Rausch.

Bevor sich Davies mit Namekawa an den Flügel gesetzt hatte, sagte er lächelnd zum Publikum. «Ich dirigiere ‹Le Sacre du Printemps› besser, seit ich es mir angetan habe, die Klavierfassung einzustudieren.» So war es. So stark und musikalisch dicht haben wir im Konzertsaal des Stadt-Casinos Strawinskys Ikone der Moderne noch nie gehört.

Das Sinfonieorchester Basel in Grossbesetzung entwickelte die ganze urtümliche, ins Werk perfekt einkomponierte Kraft - bis zu den knallenden Trommel- und Paukenschlägen, die durch Mark und Bein gehen. Auch als Dirigent setzte der Chef des SOB auf eine sehr grosse Dynamik und erzeugte so Hochspannung.

Die rasanten Tänze mit hart gesetzten Streicherfiguren raubten einem schier den Atem. Schrille Holzbläserklänge standen neben düsterem Blech, das Abgründe aufriss. Der Jubel im ausverkauften Saal war riesig, für die Musik, die vor hundert Jahren einen Skandal auslöste.

Der andere Weg der Moderne

Im ersten Teil des Konzerts am Abend stand ein anderes epochales Werk der Moderne: Alban Bergs «Drei Orchesterstücke» op. 6. Berg begann mit der Kompositionsarbeit 1913. Dieses Werk steht hörbar am Vorabend des Ersten Weltkrieges.

Davies und das wach und perfekt agierende SOB arbeiten die harten Reibungen der Akkorde und Klänge in aller Schärfe heraus. Da klopft wahrhaftig das Unheil an die Tür. Ebenso werden die Bezüge zu Gustav Mahlers später Sinfonik in ihrer Sinnlichkeit und Melancholie hörbar. Bergs Musik erschüttert - bis zu ihrem machtvollen katastrophischen Schluss.

Präzis ins Konzept passten Gustav Mahlers Kindertotenlieder, die Schönberg auch im «Watschenkonzert» programmiert hatte. Das Sinfonieorchester liess die von Trauer erfüllten melodischen Linien in mahlerscher Klanggestaltung fliessen.

Bariton Matthias Goerne sang die Rückert-Gedichte in einem nach innen gewandten Leiden. Am eindrücklichsten waren die am Schluss - zweifelnde - Jenseits-Hoffnung verströmenden Lieder 4 und 5. Nur fragt sich, ob ein lyrischer Bariton die ideale Stimme ist. Die Uraufführung 1905 jedoch wurde von einem Bariton gesungen - und daran schloss der eindrückliche Basler Konzertabend an.

Meistgesehen

Artboard 1