Jubiläum und Abgang
«Ein bisschen ist es auch ein Abschiedsgeschenk»: Gunda Zeeb über ihr letztes Wildwuchs Festival als Leiterin

Zum Start von «Wildwuchs» spricht die künstlerische Leiterin Gunda Zeeb über das Programm des Festivaljubiläums und ihren Abgang.

Benjamin von Wyl
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«Was auf mich zukommt, weiss ich nicht»: «Wildwuchs»-Leiterin Gunda Zeeb vor der Kaserne.

«Was auf mich zukommt, weiss ich nicht»: «Wildwuchs»-Leiterin Gunda Zeeb vor der Kaserne.

Nicole Nars-Zimmer

Heute startet das Performancefestival Wildwuchs. Seit 20 Jahren rüttelt das Festival daran, wer in Basel auf einer Bühne stehen kann und für wen Kultur da ist. Das Jubiläum ist auch ein Abschluss: Nach fünf Ausgaben tritt die künstlerische Leiterin Gunda Zeeb ab. Sie erzählt, was erreicht ist und was sich noch ändern muss.

Bei «Wildwuchs» kann man sich dieses Jahr eine Performance nach Hause bestellen. Ist das ein Gegenprogramm zu ewigen Zoom-Sitzungen?

Gunda Zeeb: Unbedingt! Wir wollen damit auch Leute erreichen, die wegen Corona noch nicht rausgehen können oder wollen. Man kann sich eine Solo-Vorstellung à 20 Minuten nach Hause bestellen, und mit «Wildwuchs bei euch» bringen wir Kunst in Heime und Spitäler. Damit möglichst viele etwas davon haben.

Teilhabe und Rücksicht sind in der Pandemie grosse Themen. Aber auch sonst wirkt es, als wäre vieles, wofür «Wildwuchs» steht, in den letzten Jahren in die Mitte der Gesellschaft gerückt, etwa Barrierefreiheit und Body Positivity.

Schon als ich vor neun Jahren anfing, standen für uns Fragen im Zentrum, die jetzt richtig gross und breit diskutiert werden.

Was sind das für Fragen?

Zum Beispiel, wie man die Grenzen zwischen einzelnen Einschränkungen und Ausschlusskriterien der Gesellschaft aufbrechen kann. Für mich war es von Beginn weg wichtig, dass wir kein Festival für eine einzelne Gruppe von Menschen mit Behinderungen machen, sondern ein Festival für alle, bei dem sich ganz unterschiedliche Menschen treffen ... Jetzt fällt mir das Wort nicht ein. Wie nennt man es, wenn man verschiedene physische, psychische, rassistische oder auch finanzielle Einschränkungen zusammendenkt?

Intersektional?

Genau, intersektionale Diskriminierung respektive intersektionale Beteiligung. Das war ein Kern, was mich am Festival schon immer interessiert hat. Wir verändern «Wildwuchs» dabei auch und schreiben heute nicht mehr «Der Künstler XY im Rollstuhl», sondern einfach «Der Künstler XY». Bei der Gründung vor 20 Jahren sagte die damalige Leiterin Sybille Ott, dass «Wildwuchs» zum Ziel hat, sich selbst abzuschaffen, weil unsere Themen hoffentlich irgendwann ganz normal in die Kultur und die Gesellschaft eingehen. Das haben wir leider noch nicht ganz erreicht.

Was fehlt?

Das Bewusstsein ist da, aber noch immer ist zum Beispiel die Schrift in manchen Programmheften so klein, dass ich sie selbst kaum mehr lesen kann. Oder Veranstaltungen sind zwar rollstuhlgängig, aber nur über einen Warenlift im Hinterhof. Doch nicht nur beim Zugang fürs Publikum gibt es zu tun, sondern auch im Kulturbetrieb. Das beginnt mit der Ausbildung. Noch immer kommen viele Menschen gar nicht erst in einen künstlerischen Beruf, weil es Barrieren gibt und sie deshalb noch nicht einmal auf die Idee kommen, dass eine Tätigkeit im Theater für sie eine Möglichkeit sein könnte.

Kann Kunst denn auch Sozialarbeit sein?

Ich finde, ja. Kunst ermöglicht, dass man Dingen genauer und provokativer nachgehen kann, als es in Politik und Gesellschaft möglich ist. In der Kunst habe ich Spielraum, darf auch mal übertreiben. Als 2015 bei «Wildwuchs» Regisseurinnen mit Trisomie 21 live inszenierten und sich dabei etwa eine Stripperinnen-Darstellung wünschten, gab das Diskussionen. Manche fanden, das dürfe man nicht.

Das tönt nun aber wie das Gegenteil von Sozialarbeit, weil es …

… herausfordert, klar. Andererseits stehen in vielen unserer Projekte Menschen auf der Bühne, die sonst keine Plattform hätten. Nach einer Performance vom Männerwohnheim hat ein Bewohner dort gesagt: «Jetzt habe ich wieder Lust, rauszugehen und zu leben.» Dieses Selbstbewusstsein hat die Kunst vielleicht mitermöglicht.

Dieses Jahr stehen Sie selbst auf der Bühne, oder?

Stimmt. Das ist das erste Mal und eine grosse Freude. Ein bisschen ist es auch ein Abschiedsgeschenk von meinem Team an mich.

Sie lesen aus den Tagebüchern Ihrer Grossmutter.

Genau, es geht um Erinnerung und dockt an die Ausstellung im Museum der Kulturen an. Mit den Tagebüchern meiner Grossmutter beschäftige ich mich schon lange: Von 1930 bis 1980 füllte sie Jahr für Jahr mehrere Bände. Es sind eher akribisch geführte Gesellschaftsbetrachtungen als persönliche Texte. Bis jetzt hat sie noch niemand ausserhalb meiner Familie gehört.

Festivalleitungen sitzen sonst oft im Büro und werfen mit Fremdwörtern herum. Bei Ihnen ist das anders.

Am Vorabend habe ich auch noch die letzten Schrauben an einem Bühnenbild angesetzt, damit das Festival pünktlich eröffnen kann.

Oh, bei was für einem Bühnenbild?

Im März dachten wir uns für unser «Solo-Festival» eine möglichst pandemiesichere Bühne aus: eine runde Bühne, wo man von Einzelkabinen aus auf das Geschehen schaut. Es spielen jeweils zwei Einzelkünstlerinnen hintereinander, bevor gelüftet wird. Unser Hintergedanke ist auch, möglichst vielen Kunstschaffenden eine Auftrittsmöglichkeit zu geben. Der Besuch lohnt sich.

Was würden Sie sonst noch als Empfehlung aus dem Programm picken?

Das Tanzstück «Habitat» von Doris Uhlich ist spannend, aber auch herausfordernd. Sie thematisiert die Verschiedenartigkeit von Körpern. Es geht um das Aushalten von nackten Körpern, jungen wie alten und grossen wie kleinen, die sich bewegen und tanzen. Sie zittern, und es bewegt sich mehr, als man erwartet.

Sie haben bereits vom «Abschiedsgeschenk» gesprochen. Es ist Ihre letzte «Wildwuchs»-Ausgabe. Wie geht es Ihnen dabei?

Puh. Na, erst einmal so: Ich gehe mit einem guten Gefühl und Gewissen, obwohl es immer schade ist, sowas loszulassen. «Wildwuchs» ist sehr gut aufgestellt und bekommt viele Anfragen von Kulturschaffenden und Institutionen, die was machen wollen. Dass ich nun aufhöre, habe ich schon vor zwei Jahren beschlossen. Neue Leute sollen das Festival mit ihrer Perspektive gestalten. Was auf mich nun zukommt, weiss ich nicht. Ich bin total gespannt.

Das Wildwuchs Festival 2021 läuft vom 27. Mai bis 6. Juni 2021, unter anderem in der Kaserne und dem Roxy Birsfelden. Programm und Tickets unter: www.wildwuchs.ch