Die Geschichte der Schweizer Juden ist alt. Seit dem beginnenden 13. Jahrhundert finden sich in fast jeder Stadt der heutigen Schweiz jüdische Gemeinden. Sie alle fielen den Verfolgungen und Vertreibungen des 14. und 15. Jahrhunderts zum Opfer. So beschloss die Tagsatzung – das oberste Organ der Eidgenossenschaft – 1489 die endgültige Ausweisung der Juden. Nur vor den Toren Basels, auf bischöflichem Territorium im Dorneck, Laufental und im Birseck, konnten sich noch länger jüdische Ansiedlungen halten, so in Zwingen, wo ein jüdischer Friedhof bestand, in Dornach und in Allschwil.

Geduldete Fremde

Im eidgenössischen Machtbereich durften Juden ab dem frühen 17. Jahrhundert wieder im Surbtal in der Grafschaft Baden wohnen. Dort bildeten sich in der Folge die beiden sogenannten «Judendörfer» Endingen und Lengnau, die als Ursprungsorte des Schweizer Judentums gelten. Die Juden waren allerdings nur geduldet. Sie galten «als fremde Schutzgenossen», die kein Handwerk ausüben, keinen Boden besitzen und keine Landwirtschaft betreiben durften. Alle 16 Jahre mussten sie ihren Schutzbrief vom eidgenössischen Landvogt in Baden erneuern lassen.

Nur kurz nach der Emanzipation von 1866 erbaute die jüdische Gemeinde in Basel ihre Synagoge.

Nur kurz nach der Emanzipation von 1866 erbaute die jüdische Gemeinde in Basel ihre Synagoge.

Gescheiterte Emanzipation

Diese Situation änderte sich erst mit der Französischen Revolution und der Besatzung von 1798. Es waren die französischen Invasoren, die im Verbund mit einheimischen Reformern den Juden die Gleichberechtigung bringen wollten. Allerdings wurde diese zunächst nur kürzlich eingewanderten elsässischen Juden gewährt. Diese waren seit 1792 als französische Bürger gleichberechtigt und standen unter dem Schutz der Besatzer.

So waren es elsässische Juden, die 1805 die bis heute existierende Israelitische Gemeinde Basel gründeten. Ein Versuch, durch die kurzlebige Helvetische Republik auch die zur Mehrheit im Aargau lebenden Schweizer Juden als Staatsbürger aufzunehmen, scheiterte. Der «Zwetschgenkrieg» von 1802, als ein aufgebrachter Mob Endingen und Lengnau verwüstete, markierte dann auch das Ende der ersten Emanzipation.

1803 beendete Napoleon den helvetischen Einheitsstaat. Mit der Mediationsakte wurde das alte System teilweise wieder hergestellt. Die jüdische Gleichstellung fiel dabei aus der Tagesordnung. Einzig französische Juden verfügten als französische Staatsangehörige weiter über staatsbürgerliche Rechte.

Paris interveniert in Liestal

Dies blieb dann auch so nach Napoleons Niederlage von 1815 und der darauf folgenden Restauration. Zwar gab es immer wieder vergebliche, von Paris gekonterte Versuche, die französischen Juden loszuwerden, so etwa im neuen Kanton Baselland, als 1835 die Brüder Alexander und Baruch Wahl aus Mulhouse in Reinach eine Liegenschaft erwarben. Der Landrat machte den Erwerb rückgängig, da er die Niederlassung der Wahls verhindern wollte. In der Folge intervenierte Paris, und Liestal musste nachgeben und den Wahls eine Entschädigung bezahlen. Die Retourkutsche kam mit dem «Judengesetz» von 1851, das jüdische Niederlassungen endgültig verhindern sollte.

Gegen die diskriminierende Vorlage wurde das Veto ergriffen, wie das Referendum damals hiess. Die Auseinandersetzung zwischen Gegnern und Befürwortern war heftig, wie im Vorfeld der Abstimmung eine epische Schlägerei im Wirtshaus Ochsen in Gelterkinden zeigte. Das Veto erreichte trotzdem nur 31,9 Prozent, das Gesetz trat in Kraft. Eine jüdische Gemeinde bildete sich in Liestal erst 1871, nach der Emanzipation. Ähnliches spielte sich auch im Aargau ab, wo sich aber unter den politischen Eliten eine liberalere Haltung breitmachte. Trotzdem: Auch der Bundesstaat von 1848 brachte nicht die erhoffte Gleichberechtigung. Für Juden gab es weiter keine Religions-, Handels- oder Niederlassungsfreiheit.

Ausländischer Druck

Den Durchbruch brachten erst Interventionen von aussen, als 1866 die USA, Frankreich, Holland und England wirtschaftlichen Druck auf die Schweiz ausübten, den Juden gleiche Rechte zu gewähren. Die Schweiz, die um ihre Handelsbeziehungen fürchtete, gab nach. Es dauerte allerdings noch bis 1874, als die revidierte Bundesverfassung angenommen wurde, welche den Schweizer Juden die gleichen Rechte garantierte.
Man war endlich «angekommen». Ausdruck des neuen Status waren die neuen prächtigen Synagogen im Zentrum der Städte.