Judith Lichtneckert, war Adoption für Sie ein drängendes Thema?

Judith Lichtneckert: Nicht ein drängendes, aber eines, mit dem ich immer wieder in Berührung gekommen bin. Bereits in der Primarschule ist einer meiner Klassenkameraden aus Korea adoptiert worden.

Im Film begleiten Sie Mischa Steiner, der aus Südkorea adoptiert worden ist. Erst im Alter von 35 Jahren überkommt in das Bedürfnis, seine biologische Familie kennenlernen, seine Wurzeln zu erkunden. Ein ziemlich ungewöhnlicher Fall, oder etwa nicht?

Jein. Es gibt alles. Es gibt Leute, die sich erst mit 50 damit auseinandersetzen. Oder Adoptierte, die erst, wenn sie selber Eltern werden, mehr über die eigene Familie wissen wollen. Viel hängt davon ab, ob und wie die Adoptiveltern das thematisiert haben. Zudem forschen Frauen tendenziell früher nach als Männer. Heute ist es dank des Internets viel einfacher geworden, etwas über die biologische Herkunft herauszufinden. Früher war das sehr viel schwieriger. Man konnte sich auch nicht mit anderen Adoptierten vernetzen. Aber die meisten, die wir angetroffen haben, in Seoul zum Beispiel, sind jünger, als Mischa es war. Er hat diese Thematik ziemlich lange verdrängt. Ich kenne Mischa bereits lange und wir haben früher nie darüber gesprochen. Über Identität schon. Aber nicht über seine Adoption. Das wollte er nicht.

Aber hat Sie das Thema generell interessiert, hätten Sie auch jemand anderes, der adoptiert worden ist, portraitiert?

Dann wäre es ein ganz anderer Film geworden. Mischa und ich kennen uns schon länger, sind befreundet. So hatte ich von Anfang an eine gewisse Nähe zu ihm. Als er mir erzählte, dass er Job und Wohnung in der Schweiz aufgeben und nach Südkorea ziehen will, habe ich gesagt: «Aber sonst geht es Dir gut? Du kannst kein Koreanisch, du warst, seit du als Dreijähriger adoptiert worden bist, nie mehr dort, du weisst nicht, was du an Familie finden wirst.» Ich habe ihn gefragt: «Warum gehst du nicht einfach erst mal für ein paar Wochen hin und entscheidest dann, ob du auswanderst oder nicht.»

Ja, als Zuschauerin denkt man auch: Halt, schau doch zuerst, ob es dir dort überhaupt gefällt.

Wenn man ihn kennt, ist es noch erstaunlicher. Er hat in Basel einen grossen Freundeskreis, tolle Menschen. Er hatte nie berufliche Schwierigkeiten. Er wohnte in einem Haus mit Freunden, von deren Kindern er der Götti ist. Fast schon wie in einem Cocon. Ich dachte: Hoppla, es ist wirklich mutig, all das aufzugeben für etwas, das du gar nicht kennst.

So sind Sie darauf gekommen, seine spezielle Geschichte zu verfilmen?

Ja, ich habe sie nicht gesucht, sie ist mir zugefallen. Wie dringlich das Thema für Mischa war und wie konsequent und verbindlich sich selbst gegenüber er das angegangen ist, hat mich beeindruckt. Mischas Mut hat mich nicht zuletzt auch darin bestärkt, mit diesem Film meinen Regie-Erstling anzugehen. Erst als ich dann begonnen habe, mich vertieft mit dem Thema Adoption auseinanderzusetzen, ging eine andere Welt auf. Es ist eindrücklich, was da alles dahintersteckt.

Er emigriert nach Südkorea, nach Seoul, das er gar nicht kennt. Die biologische Familie, das sind eigentlich Fremde. Und doch fühlt er sich dort von Anfang an sehr wohl, daheim. Schon fast metaphysisch?

Er hat die ersten Wochen und Monate eine Achterbahnfahrt an Emotionen durchlebt. Seine Familie kennenzulernen, war für ihn überwältigend. Er hat Ähnlichkeiten zu seinen Verwandten entdeckt, vor allem zu seinem Neffen. Und er hat für einiges eine Erklärung für sich gefunden. Das hat ihn richtig reingezogen. Er fühlte sich sehr zugehörig.

Sie waren bei sehr speziellen Schlüsselmomenten in seinem Leben mit der Kamera dabei: Etwa als er seine Verwandten zum ersten Mal sieht. War das nicht heikel? Nicht zuletzt, weil die Kamerapräsenz so einen Schlüsselmoment vielleicht verändert, verfälscht?

Das ist sehr heikel, das war uns allen bewusst. Darüber haben wir mit Mischa sehr viel gesprochen. Überhaupt haben wir viele Stunden damit verbracht, das Erlebte zu reflektieren und zu verarbeiten. Natürlich ist die Situation anders, wenn wir dabei sind. Die heikelste Situation war, als er die Schwester besuchte. Sie wollte nicht, dass wir filmen. Das haben wir natürlich respektiert. Die Geschichte dieser Begegnung haben wir Mischa jetzt nur aus dem Off nacherzählen lassen. Der Neffe fand aber von Anfang an, es sei ok. Dieser Neffe war überhaupt ein grosser Glücksfall für uns. Er hat sich bei der Familie für unser Projekt eingesetzt. Und er hat immer gern mitgemacht. Er wurde quasi unser Aufnahmeleiter und Mittelsmann.

Ist diese Erkundungsreise in Seoul aus Filmsicht gut gegangen. Oder haben Sie sich davon mehr versprochen?

Es war für Mischa wie für uns eine Reise ins Ungewisse. Von Tag zu Tag haben wir spontan geschaut, was läuft. Und während der ersten zwei Wochen lief bereits unglaublich viel. Es war täglich ein Stop and Go für mich und den Kameramann Andi Birkle: Morgens bereit sein, aber dann schauen, was wir wirklich drehen können. Mischa brauchte zwischendurch seine Ruhe. So waren wir oft auch mit anderen Adoptierten aus dem KoRoot, dem Gästehaus für Adoptierte, unterwegs.

Was hat Sie am meisten erstaunt, als Mischa in Seoul seine Wurzeln suchte?

Sehr vieles. Der Monat in Seoul war enorm intensiv. Wir waren jeden Tag auf Dreh: Entweder mit Mischa oder eben mit den anderen Adoptierten– die kommen von überall, Australien, USA, Schweden, Italien, alles. Auch sie haben uns mit grosser Offenheit ganz private Geschichten erzählt. Sie waren sehr gefordert, es war sehr emotional.

Die anderen Adoptierten kommen nun im Film kaum vor.

Wir haben viel ergänzendes Material übrig. Einmal haben wir eine Versammlung von rund hundert aus Südkorea Adoptierten gefilmt, der ganze Saal war voll, jede und jeder hat sich kurz vorstellt. Äusserlich alles Koreaner. Aber lustigerweise hat man bei vielen anhand der Kleidung, Gestik oder Mimik gemerkt, in welchem Land sie aufgewachsen sind. Es wäre schön, wenn wir zusätzliche Portraits und Material in einer DVD-Box oder online noch hinzufügen könnten. Aber das ist eine Riesenarbeit. Mischa ist einer unter vielen Geschichten. Aber wir wollten den Fokus klar auf ihm behalten.

Sein Fall ist sehr interessant. Trotzdem kann man sich fragen, ob er dem Thema Adoption nicht schadet? Er äusserst sich ja sehr negativ dazu.

Im Film erzählt er sehr ehrlich über seine Erfahrungen als Adoptierter. Diese Perspektive hatte lange Zeit keinen Platz im öffentlichen Diskurs. Seit dem Koreakrieg wurden gegen 200 000 Kinder aus Korea ins Ausland adoptiert und es fand im Laufe der Zeit eine Preistreiberei beim «Verkauf» dieser Kinder statt. Zum Teil wurden Müttern die Kinder richtiggehend abgekauft mit dem Versprechen, sie kämen nach einer guten Ausbildung wieder zurück - denkste, die haben nie erfahren, wo die Kinder gelandet sind. Es gab also vor allem früher viel Missbrauch. Aber wenn ein Kind keine Eltern hat oder diese das Kind nicht aufziehen können: Warum nicht! Es gibt auch die offene Form von Adoption, bei der die biologische Mutter stets Zugang zum Kind hat. Gut wäre zudem, zuerst lokal nach einer Lösung zu suchen, damit das Kind im Heimatland adoptiert werden kann.

In der Schweiz ist es sehr kompliziert, Kinder zu adoptieren. Ist es nicht ein wenig zynisch, wenn man sieht, wie viele Frauen sich körperlich, psychisch und finanziell belastenden Fruchtbarkeitsbehandlungen unterziehen, dabei gäbe es doch so viele Kinder weltweit, die dringend Eltern bräuchten?

Das kommt natürlich auch auf die Wünsche der Eltern an. Der Kinderwunsch hat mit vielem zu tun. Mir tut es auch leid, wenn ich mir überlege, warum man nicht mehr Waisenkinder bei Familien platzieren kann. Mischas Eltern sind ein gutes Beispiel für ein Paar, das Kindern helfen wollte, als es Mischa und seine Adoptivschwester bei sich aufnahm. Adoption per se finde ich nicht etwas Negatives – auch Mischa nicht. Es ist gut, wenn ein Kind bei einer Familie aufwachsen kann und nicht in ein Kinderheim kommt. Nur die Handhabung kann problematisch werden.