Untersuchungsgefängnis
Jugendgefängnis: Hinter diesen Mauern endet die Kindheit

Im Untersuchungsgefängnis Waaghof gibt es eine Jugendabteilung – der dortige Alltag ist monoton. Ab 17.20 werden die Jugendlichen bis am nächsten Morgen in ihre Zellen geschlossen. Momentan sitzen fünf Jungs unter 17 Jahren im Jugendgefängnis.

Moritz Kaufmann
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Jugendabteilung des Untersuchungsgefängnis Waaghof
27 Bilder
Der Spazierhof
Das Besucherzimmer
Die Turnhalle
Die Arrestzelle
Im Bunkertrakt
Nur wenige persönliche Gegenstände sind in der Zelle erlaubt.
Der Gemeinschaftsraum
Stets sind Aufseher mit dabei.
Sedat während dem Gespräch.
Sedat.
Der 17-Jährige muss eine zweimonatige Strafe absitzen wegen wiederholter Körperverletzung.
Der Gemeinschaftsraum mit Töggeli-Kasten.
Die Jungs sind Fussball-Fans.
Im Gemeinschaftsraum
Der Eingang zu einer Zelle.
Die Toilette in einer Zelle.

Jugendabteilung des Untersuchungsgefängnis Waaghof

Roland Schmid

Ein Töggeli-Kasten, ein Pingpong-Tisch. Eine kleine Bibliothek. Die meisten Bücher sind auf Deutsch, Harry Potter sei beliebt. Ein paar Stühle, Tische und der verglaste Überwachungsraum für die Aufseher. So sieht also ein Jugendknast aus. Zwei Gänge führen vom Aufenthaltsraum zu den Zellen. «Kein Ort für junge Menschen», schiesst es einem durch den Kopf.

Wer in der Schweiz als Jugendlicher ins Gefängnis muss, hat nicht einfach einen Lausbubenstreich ausgeheckt. Oft wurden schwere Delikte begangen. Körperverletzung, Raub, wiederholter Diebstahl. Allerdings ist Vorsicht angebracht: Wer in Untersuchungshaft sitzt, wurde noch nicht rechtskräftig verurteilt. Es gilt die Unschuldsvermutung. Bis zu 13 Jugendliche kann das Basler Untersuchungsgefängnis Waaghof aufnehmen. Derzeit sitzen fünf Personen ein. Alles Jungs bis 17 Jahre. Die Mädchenzelle steht im Moment leer.

Provokationen sind normal

«Jugendliche sind sehr direkt», sagt Hiskia Moser, der Leiter der Jugendabteilung im Waaghof, «Sie provozieren und probieren aus, wie weit sie gehen können. Aber das gehört zum Jugendlichsein.» Acht Aufseher - von den jungen Gefängnisinsassen «Pflöcke» genannt - sind im Waaghof speziell für die Jugendabteilung zuständig. Hinzu kommen zwei Sozialpädagogen, die sich eine 100-Prozent-Stelle teilen und die Jugendlichen pädagogisch betreuen.

Sedat (Name geändert) ist kein Untersuchungshäftling. Er sitzt eine zweimonatige Strafe wegen wiederholter Körperverletzung ab. Auch das kommt vor in der Jugendabteilung. Der 17-Jährige stammt aus einer Baselbieter Gemeinde. Er sieht älter aus, als er ist. Für das Gespräch mit der bz musste der Jugendanwalt eine spezielle Bewilligung erteilen. Abteilungsleiter Moser ist dabei, um nötigenfalls einzuschreiten.

Sedat, der eine zweimonatige Strafe wegen Körperverletzung absitzt, im Gespräch

Sedat, draussen ist schönes Wetter. Wie geht es einem, wenn man die ganze Zeit im Gefängnis sitzt?

Sedat: Es ist schon traurig. Man könnte jetzt am Rhein oder am Chillen sein. Aber man gewöhnt sich daran. Man muss. Das Gefängnis ist Alltag geworden.

Denkt man viel nach im Gefängnis?

Nachdenken ist das Schlimmste. Wenn man etwas zu tun hat - Töggelen zum Beispiel oder Sport machen -, geht die Zeit schnell vorbei. Aber wenn man in der Zelle ist, dann überlegt man viel. Zum Beispiel, was man anderen angetan hat.

Die Aufseher duzen die Jugendlichen. Umgekehrt müssen sie diese siezen. Überhaupt ist der Gefängnisalltag streng geregelt. Um 7.15 Uhr werden die Insassen geweckt. Bis 7.40 Uhr gibts Frühstück. Im Gegensatz zu den Erwachsenen ist das Aufstehen und an den Tisch sitzen obligatorisch. Danach verrichten die Jugendlichen meist einfache Arbeiten oder verbringen die Zeit im Aufenthaltsraum.

Nach dem Essen eingeschlossen

Zwischen 10.50 Uhr und 11.20 Uhr gibt es das Mittagessen. Nach dem Essen werden die jungen Häftlinge bis 13.30 in ihren Zellen eingeschlossen. Danach folgt eine Stunde Spaziergang auf einem der gesicherten Höfe. Znacht gibt es von 16.50 Uhr bis 17.10 Uhr.

Ab 17.20 Uhr werden die jungen Straftäter wieder bis zum nächsten Morgen in ihren Zellen eingeschlossen. Viermal pro Woche müssen sie in der gefängniseigenen Turnhalle Sport machen. Lern- oder Schulprogramme kann man wegen der vielen Fremdsprachigen nur sehr selten durchführen.

«Das klingt jetzt vielleicht nicht nach viel Programm», sagt Moser, «aber für viele ist schon das eine Herausforderung». Ein Grossteil seiner Insassen würde von zu Hause aus keine Struktur kennen. Wenn die Jugendlichen in ihren Zellen eingeschlossen sind, können sie lesen, Radio hören oder ab 17.30 Uhr Fernsehen. Um 23 Uhr stellt der TV aber automatisch ab.

«Auch wenn ein Fussballspiel läuft», betont Moser. Wenn also mal ein Champions-League-Spiel ins Penaltyschiessen geht, verpassen das die jungen Häftlinge. «Einer hat schon mal unter Tränen dagegen protestiert, dass er den Match seiner Mannschaft verpasse», erzählt Moser, der sich aber nicht erweichen liess. «Gewisse Grundregeln sind mir wichtig.»

Auch die Zellen sind spartanisch eingerichtet. Ein Regal, ein Gestell, ein WC, ein Bett. Mitnehmen dürfen die Jugendlichen nur das Allernötigste. Eigene MP3-Spieler oder Handys sind verboten. Einzig die Musik aus dem Radio ist erlaubt. Für maximal 40 Franken die Woche dürfen die Jugendlichen am Kiosk einkaufen - falls sie Geld haben. Rauchen ist nur in der Zelle erlaubt. Sechs Zigaretten pro Tag erhalten die Jugendlichen, wenn sie über 16 sind.

Sedat: «Von ein paar Kollegen bin ich enttäuscht»

Bekommst du viel Besuch?

Sedat: Manchmal kommen Kollegen. Von ein paar bin ich aber enttäuscht. Hier drinnen merkt man, welche Kollegen echte Kollegen sind. Die Familie kommt zweimal pro Woche. Das ist schon traurig, wenn man die Mutter heulen sieht. Wenn man sieht, was ich denen angetan habe. Der Vater ist hässig.

Kommt er auch?

Nein. Er hat immer gesagt: «Du kommst einmal in den Knast und wenn du drin bist, komme ich dich nicht besuchen.» Er hat wahrscheinlich recht.

In einem Untersuchungsgefängnis herrscht ein Kommen und Gehen. Einige bleiben ein paar Tage, andere ein paar Wochen oder gar Monate. Im Durchschnitt bewohnen fünf bis sechs Insassen die Jugendabteilung. Im Gegensatz zum Erwachsenenstrafvollzug, welcher unter notorischem Platzmangel leidet, sind die Zustände bei den Jugendlichen stabil.

Jahrhundertealte Codes

Die jungen Häftlinge werden zum eigenen Schutz streng vor den erwachsenen abgeschirmt. Trotzdem gelten auch bei ihnen strenge Codes. «Das sind jahrhundertealte Gesetze, die nirgends niedergeschrieben sind, aber an die sich trotzdem alle halten», erklärt Moser. Vor kurzem seien zwei seiner Insassen aneinandergeraten. Einer habe sich bedroht gefühlt und den Alarmknopf gedrückt. Als dann die Aufseher gekommen sind, hätten alle geschwiegen - selbst derjenige, der Hilfe brauchte.

Es gibt einen Sanktionenkatalog für die, die sich nicht an die Regeln halten. Das geht von Zelleneinschluss bis zur nächsten Mahlzeit, bis zu sieben Tagen Arrest in einer Einzelzelle. «Diese Strafe tragen die Insassen dann wie ein Abzeichen herum», sagt Moser - auch das ist ein eiserner Gefängniscode.

«Klar, ich will eine Familie mit Kindern», so Sedat

Kommst Du gut zurecht mit den «Pflöcken» (den Aufsehern)?

Sedat: Es ist immer verschieden. Nicht jeder ist gleich. Aber man kommt schon mit ihnen zurecht. Manchmal tun mir die ein bisschen Leid, die kein Deutsch sprechen. Denen sagen sie immer: «Macht das.» So im Befehlston. Die verstehen halt nicht viel. Aber es geht schon. Wir haben auch schon mit ihnen am Töggelikasten gespielt.

Was willst du tun, wenn du rauskommst?

Ich hoffe, dass ich eine Ausbildung oder sonst einen Job machen kann. Es soll schon ein Neuanfang sein. Eine Logistikerlehre vielleicht. Was es halt gibt. Es wird nicht einfach. Jeder will einen Luxusjob.

Und wie siehts mit Familie aus?

Ja klar. Eine Familie, Kinder. Das will ich schon.

Eine Jugendabteilung in einem U-Gefängnis ist selten. In Zürich und Thun gibt es ein paar Plätze. Aber diese sind nicht so gut betreut wie in Basel. «Das sind noch keine Erwachsenen, die Gehirnstrukturen sind noch nicht so weit entwickelt. Die haben das Leben noch vor sich», sagt Moser. Das sei es, was ihn immer wieder motiviere. «Wir spielen oft Federball», sagt die Sozialpädagogin, die die Sportstunde leitet. «Das kennen die meisten nicht. Sie rufen dann aus. Aber am Ende, wenn sie rauskommen, sind sie halbe Profis. Sie sind in einem extrem lernfähigen Alter.»