Herr Ikrath, Sie halten am Montagabend einen Vortrag mit dem Titel «Warum es die Jugend nicht gibt». Warum sollte es «die Jugend» nicht geben?

Philipp Ikrath: Junge Menschen werden gerne als eine homogene Gruppe verstanden, die gleichlautende Interessen verfolgen und sich auf dieselben Werte besinnen. Das stimmt so nicht. Es gibt kein Singular, sondern unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Lebensstilen, in unterschiedlichen Milieus. Eine solche Pauschalisierung würde man bei Erwachsenen nie machen.

Wieso wird pauschalisiert?

Es gibt eine grosse Skepsis gegenüber den Jungen. Sie werden zur Projektionsfläche für frustrierte, enervierte Menschen, die ihren Ärger an der Gesellschaft an jungen Menschen auslassen. Auch Eltern sind davor nicht gefeit.

Können Sie das erläutern?

Das ist ein psychologisches Phänomen. Es gibt Menschen, die Ausländer im eigenen Freundeskreis haben und sich gut mit ihnen verstehen und nach aussen aber eine extrem xenophobe Haltung einnehmen.

Oft fällt im Zusammenhang mit Jugendlichen das Stichwort «Perspektivenlosigkeit».

Das Arbeitswesen ist flexibler geworden. Es gibt — im Gegensatz zur gängigen Ansicht— auch viele junge Menschen, die mit dieser Änderung gut umgehen können. Sie stammen meist aus einer bildungshöheren, reicheren Schicht und sehen es als eine Bereicherung, mehrere Lebensentwürfe gestalten zu können. Nicht zu wissen, was in den nächsten fünf Jahren geschieht, ist in ihren Augen aufregend und ein Zeichen von Freiheit.

Für diejenigen aber, die traditioneller denken, bedeutet dies eine Bedrohung. Im Moment werden in Deutschland und Österreich die Start-up-Unternehmen angepriesen und als zukunftsweisend bezeichnet. Normale Arbeitsverhältnisse haben an Attraktivität verloren. In vielen unserer Studien haben Junge Zweifel geäussert, sich entfalten zu können, wenn sie beispielsweise ein ganzes Leben bei der UBS arbeiten müssten.

Woher kommt diese Wertverschiebung?

Das steht im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Individualisierungsprozessen. Junge wollen weniger das Produkt ihrer Umwelt, sondern das Zentrum der Welt sein.

Sind wir egoistischer geworden?

Ich würde egozentrischer sagen. Ja.

Was bedeutet das für die Bildung?

Schüler und Schülerinnen organisieren sich nicht mehr in Kollektiven, wie zum Beispiel in Schülervertretungen oder politischen Körperschaften. Längerfristige Bindungen wollen sie nicht mehr eingehen. Sie setzen eher auf eine persönliche Verbindung zum Lehrer und wenn sie sich organisieren, dann informeller, zum Beispiel über Whatsapp. Dann geht es meistens um anlassorientiertes Konkretes, wie Hausaufgaben oder Testvorbereitungen.

Sind Junge zweckorientierter geworden?

Ja. Pragmatischer und lösungsorientiert. Ideologie spielt keine grosse Rolle mehr.

Was hat das für Konsequenzen für die Politik?

Wenn eine Partei attraktiv sein möchte für Junge, dann muss sie Lösungsvorschläge bieten können. Jugendliche sind nicht stimmfaul. Sie wählen personenbezogen und vor allem charismatische Politiker. Es kommt häufig vor, dass sie die Parteien wechseln, je nachdem welche eine überzeugendere Lösung vorschlägt.

Musische und gestalterische Schulfächer sind laut Studien wichtig für die emotionale Entwicklung von Jugendlichen. Und trotzdem verschwinden diese Fächer von den Lehrplänen.

Das ist eine Katastrophe. Überall in der EU spricht man seit der Einführung von Pisa-Tests nur noch von Kompetenzen. Mit Bildung hat dies meiner Meinung nach nicht mehr viel zu tun. Literaturlesen ist beispielsweise keine Kulturtechnik mehr, sondern eine Kompetenz, Sachverhalte zu verstehen. Für die geistige Entwicklung, für die kritische, intellektuelle und ästhetische Fähigkeit eines Jugendlichen finde ich es aber wichtig, dass es diese ästhetischen Fächer gibt. Es braucht doch einen Raum, in dem man auch Unnützes tun kann. Im Zuge der Effizienzsteigerung der Gesellschaft fällt der ästhetische Nutzen weg. So muss man sich am Ende nicht wundern, wenn in Zukunft nur noch Egozentriker und unkritische Menschen heranwachsen.

«Warum es die Jugend nicht gibt»: Ikraths Vortrag findet heute Montag Abend um 18.30 Uhr in der Reithalle Wenkenhof in Riehen im Rahmen der Veranstaltung «Kultursuppe» statt.