Vermutlich geschieht es jeden Tag pausenlos: Im Gedränge am Hauptausgang von der Bahnhofhalle zum Centralbahnplatz touchiert jemand mit seiner umgehängten Tasche andere Leute. So ähnlich war die Situation, als ein heute 19-jähriger Mann mit fünf Kumpeln auf dem Weg in die Stadt war, und einer der Gruppe fühlte sich von einem Passanten wegen dessen Tasche gestört. Es folgte eine verbale Pöbelei und kleinere Tätlichkeiten, da griff der bislang völlig unbeteiligte 19-Jährige ein: Er versetzte dem Passanten zwei Schläge ins Gesicht, danach trat er auf den am Boden Liegenden ein.

Das Opfer wurde vier Tage später aus dem Spital entlassen: Ein Bruch des Gesichtsschädels sowie des linken Jochbeins, des Augenhöhlenbodens sowie des Nasenbeins. Das Institut für Rechtsmedizin spricht von einer potentiellen, aber keiner unmittelbaren Lebensgefahr.

«Sie haben ihm mit voller Wucht ins Gesicht geschlagen», resümierte Einzelrichter Marc Oser am Donnerstag vor Gericht, und er verdonnerte den 19-Jährigen zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von 12 Monaten. Die Schläge wie auch die danach folgenden Tritte am Boden seien klar als versuchte schwere Körperverletzung einzuordnen. Wenige Monate zuvor hatte der Mann bereits ähnlich zugeschlagen, die Tat im Bahnhof SBB geschah während des laufenden Verfahrens.

Der Verteidiger hatte statt der Freiheitsstrafe auf gemeinnützige Arbeit gedrängt, weil bei dem nun verhängten Strafmass der Mann wohl seine Aufenthaltsbewilligung verliert. Er ist zwar in der Schweiz aufgewachsen, besitzt aber nicht den Schweizer Pass.

Ein Kumpel von ihm mit Schweizer Pass stand am Donnerstag ebenfalls vor Gericht, er war aber bei der Schlägerei im Bahnhof wohl lediglich passiver Zuschauer. Eine Freiheitsstrafe von acht Monaten auf Bewährung wegen einer Schlägerei erhielt er dennoch, weil er im Oktober 2012 im DeWette-Park kräftig zugelangt hatte. Der Streit war ausgebrochen, weil die andere Gruppe keine Zigarette anbieten wollte.

Ohne Strafe blieben Todesdrohungen vom Sommer 2012 sowie eine Ohrfeige an die Exfreundin: Er entschuldigte sich im Gerichtssaal explizit bei ihr und stimmte zu, ihr eine Entschädigung von 500 Franken zu bezahlen - monatlich 50 Franken von seinem Lehrlingslohn. Die Exfreundin wie er unterzeichneten beim Vergleich ein beidseitiges Kontaktverbot, es gilt auch für die sozialen Medien. Auch beim dem Jugendlichen aus dem DeWette-Park entschuldigte er sich per Handschlag.

Er lebt wegen eines früheren Deliktes noch in einem Heim und hat ein Anti-Gewalt-Training absolviert. Beide Urteile können noch weitergezogen werden.