Am Vormittag, wenn die Sonne direkt auf das Gebäude scheint, kommt das schöne Rot an der Aussenfassade voll zur Geltung. Es verleiht der sonst eher grau gehaltenen, modernen Betonlandschaft des Bahnhofs St. Johann die richtige Portion Lippenstift. Von innen präsentieren sich einfache, hohe und lichtdurchflutete Räume. Der perfekte Arbeitsplatz für kreatives Denken.

Das Stellwerk ist das erste Gründerzentrum der Schweiz für Künstler, die gleichzeitig Jungunternehmer sind. Mit einem interessanten Konzept und einigen Besonderheiten bildet es zusätzlich einen wichtigen Ort der Begegnung im Quartier.

Stellwerke haben ausgedient

Früher war der Bahnbetrieb dezentral geregelt. Die Schweiz hat deshalb Hunderte alter Stellwerke. Da arbeiteten Dutzende Angestellte und stellten die Weichen um, rangierten Züge, regelten die Signale und bedienten die Schrankenanlagen. Heute werden diese Stellwerke nicht mehr benötigt. Einzig die technischen Einrichtungen sind noch in Betrieb und werden regelmässig gewartet. Dass die alten Gebäude nicht mehr genutzt werden, machte sich der extra für eine Zwischennutzung gegründete Verein Stellwerk zunutze und eröffnete Ende 2010 die Kreativwirtschaft Stellwerk.

Vom Architekt bis zum Regisseur

Gleich im Eingangsbereich wird das breite Band an Aktivitäten ersichtlich. Architekturbüros, Medienproduzenten, Designer, Illustratoren, Künstler, Möbeldesigner, Regisseure, Textildesigner und Spieleentwickler. Das Stellwerk bietet 21 Ateliers auf drei Stockwerken, in denen sich junge, wirtschaftlich denkende Künstler verwirklichen können. Alle haben sie ihre Firmenadresse und einen Briefkasten am Vogesenplatz 1. «Der Postbote hat manchmal Freude», sagt Martin Steinbach, Leiter der Geschäftsstelle, und lacht, als er vor der einheitlich aussehenden Briefkastenwand steht. Alle Briefkästen sind beschriftet, das Stellwerk hat gegenwärtig kein freies Atelier mehr.

Start-up-Academy hilft Gründern

Hat man eine kreative Geschäftsidee, ist jung, hat wenig Geld und ist auf externe Hilfe angewiesen, bietet das Stellwerk ein ideales Sprungbrett. Das Konzept des Gründerzentrums richtet sich an junge Künstler und kreativ Schaffende, die etwas erreichen wollen. Fünf Jahre dauert ein Mietvertrag, der nur seitens der Mieter kündbar ist. Interessant dabei: Der Mietzins ergibt sich aus der Entwicklung des Unternehmens. Ist man Neueinsteiger, bezahlt man am Anfang lediglich die Hälfte der Miete. Je weiter man voranschreitet, desto höher wird der Mietzins. Früher war das Stellwerk auch noch unterstützender Helfer bei anfallenden Fragen zu einer Unternehmensgründung. Heute ist das aufgrund fehlender Mittel nicht mehr möglich. Dafür arbeitet die Unternehmensschmiede neu mit der Start-up- Academy in Basel zusammen. Das Begleitprogramm, dass die Start-up-Academy für junge Unternehmensgründer anbietet, ist für die Mieter des Gründerzentrums neuerdings Pflicht.

Drei Stockwerke voll Kreativität

Der mittlere Teil des Hauses beinhaltet die verschiedenen Ateliers. Viele sind noch geschlossen. Es ist 10 Uhr. «Ich habe mich daran gewöhnt, dass man in dieser Branche später beginnt zu arbeiten und dafür länger bleibt», sagt Steinbach. Er arbeitete 42 Jahre lang für eine Schweizer Grossbank und hat nun die gesamte Administration des Hauses übernommen. Er besitzt kein eigenes Büro, das brauche er nicht. Mit einigen anderen Mietern arbeitet er im obersten Dachstock, den sich Architekten, Medienproduzenten und Spieleentwickler teilen. Schaukeln hängen von der Decke, es herrscht ein entspanntes Arbeitsklima.

Noch 15 Jahre Zeit

Doch hat das alte Stellwerk noch einiges mehr zu bieten. Verlässt man das Gebäude via Hinterausgang, bietet sich einem ein Bild einer urbanen Oase. Wie Tag und Nacht unterscheidet sich die Landschaft vor und hinter dem Gebäude. Von vorne der Vogesenplatz: modern und schlicht. Von hinten der alte Vorplatz des Stellwerks: wild und kreativ. Die Aussicht über den Bahnhof St. Johann lässt einen seltenen Blick auf die Stadt zu. Man vergisst kurz, wo man ist. Die verschiedenen Sträucher und Pflanzen geben der urbanen Landschaft das nötige Grün, der Ort entspannt tatsächlich. Im linken Teil des Gebäudes hat sich das Restaurant Buffet eingemietet. Das Restaurant ist wichtig für das Stellwerk. «Viele Geschäftsleute der umliegenden Unternehmen kommen täglich vorbei und geniessen die Abwechslung.» Dem Neubau des naturhistorischen Museums am Bahnhof St. Johann sieht Steinbach ebenso positiv entgegen. Dies bringe sicherlich einiges an Laufkundschaft ins Stellwerk.

Auf der anderen Seite des Hinterhofes befindet sich noch eine Bar mit dem speziellen Namen «Hinter dem Bahnhof geht die Sonne unter». Da startet bald eine Konzert-Reihe. Die Bühne ist ein abgestellter Bahnwaggon. Im Keller steht eine Brauerei und braut das «Gleis-1-Bier», im rechten Teil wird das Dampfbad Sankt Johann betrieben. Diversifizierter kann ein Angebot eines alten Stellwerks fast nicht aussehen. Quartiervereine nutzen das Stellwerk zusätzlich für Anlässe. «Wir haben die Rolle eines Quartiertreffs», sagt Steinbach. 20 Jahre lang läuft der Vertrag mit den SBB. Ein Viertel der Zeit ist um. Da können noch einige Weichen gestellt werden.