Culturescapes
Jurriaan Cooiman: «Ich lasse mich nicht zensieren»

Jurriaan Cooiman, Leiter des Kulturfestivals, scheut sich nicht, mit undemokratischen Ländern zu arbeiten – sei das Israel, China oder dereinst vielleicht Nordkorea und der Iran. Für Beirut im nächsten Jahr liegt allerdings eine Alternative bereit.

Susanna Petrin
Merken
Drucken
Teilen
Jurriaan Cooiman lässt sich bei der Programmierung der Festivals nicht zensieren. Martin Töngi

Jurriaan Cooiman lässt sich bei der Programmierung der Festivals nicht zensieren. Martin Töngi

Das zehnte Culturescapes-Festival mit dem Schwerpunkt Moskau neigt sich dem Ende zu. Wie wars, wie sind Sie zufrieden damit?

Jurriaan Cooiman: Wir haben mit Moskau einen neuen Schritt gewagt: Zum ersten Mal wählten wir eine Stadt und nicht ein Land. Es dauerte nicht mehr ganz so lange wie früher: knapp sieben Wochen und nicht mehr zehn wie zuvor. Und wir haben uns auf Basel konzentriert und hatten nur wenige Veranstaltungen in der restlichen Schweiz. Das Résumé ist sehr positiv. Es war ein schönes Festival.

Heuer Russland, 2011 Israel, das Jahr zuvor China – warum wählen Sie fast immer politisch und menschenrechtlich problematische Länder – das bringt Ihnen doch viel Scherereien?

Ich wüsste nicht, welche Probleme Sie meinen.

2008 drohte die türkische Regierung im letzten Moment ihre finanzielle Unterstützung zurückzuziehen, sollte das Festival nicht auf gewisse kritische Positionen verzichten. Seither gibt es fast jedes Jahr Debatten darüber, ob sich das Festival nicht zur Komplizin zweifelhafter Regimes macht.

Solange ich das Festivalprogramm wirklich frei bestimmen kann, sehe ich kein Problem.

Aber die Gastländer zahlen ja Geld an das Festival.

Es sind ja ihre Künstler, ihre Reise- und Transportkosten. Wenn das alles nur die Schweiz finanzierte, fände ich das auch nicht richtig. Natürlich hätten die meisten Länder gern eine Landespromotion. Das hält Pro Helvetia nicht anders, oder die Schweiz im Ausland. Und wenn man sich womöglich einmal kritisch dem eigenen Land gegenüber äussert, kann das auch eine Kulturbeitragskürzung zur Folge haben. Sobald nationale Identitäten Kulturpolitik betreiben, wollen sie natürlich, dass es im Interesse des Landes ist. Aber das bedeutet in meinem Fall nicht, dass ich die Künstler nicht frei auswählen kann. Ich gestalte ein eigenes Programm für das Festival, ohne dass ich mich zensieren lasse.

Aber laufen Sie nicht jedes Jahr Gefahr, dass wieder dasselbe passiert wie damals mit der Türkei: Dass Sie zwar frei wählen, aber am Ende unter Druck gesetzt werden können.

Bei der Türkei hatten wir einmalig keinen Vertrag und so kam es zu diesem Fehlpass. Dieser war übrigens ein Bumerang, die Türkei bekam viel negative Presse; die «zensierten» Artikel erschienen in Tageszeitungen, der Film lief trotzdem und alle Vorstellungen waren voll. Der Regisseur sagte: Vielen Dank, du hast mich bekannt gemacht. Natürlich habe ich mich trotzdem sehr unwohl gefühlt. Das ist nun einige Jahre her.

Das könnte nicht mehr passieren?

Nein, wir haben klare Verträge. Noch viel wichtiger ist, dass man Vertrauen hat. Es braucht ein Vertrauensverhältnis zwischen einem Kulturbeamten oder einem Botschafter und mir. Ich habe diese Menschen sehr oft besucht. Bei den ersten Treffen geht es nur darum, sich kennenzulernen, einen guten gemeinsamen Umgang zu finden. Dann muss klar werden, dass unsere Plattform eigene Regeln verfolgt. Wenn der Staatsvertreter schliesslich bei einzelnen Programmpunkten Bedenken hat, werden diese nicht gestrichen, sondern dann suchen wir für diese eine andere Finanzierung.

Wäre das Festival nicht über jeden Zweifel erhaben, wenn es ganz auf diese Gelder verzichten könnte?

Wir leben doch in einer Welt, in der man nicht sagen kann: Es gibt nur ein System und eine Möglichkeit, die Dinge zu sehen. Wollen wir uns wirklich in die Sachen einmischen, die dort passieren – ausser durch das, was wir als Kunst auswählen? Die israelischen Künstler, die wir letztes Jahr hatten, sind alle ihrer eigenen Regierung gegenüber extrem kritisch eingestellt. Wäre es da nicht falsch zu sagen: Wir können nur 20 Prozent von euch einladen, weil wir eure Steuergelder nicht annehmen wollen? Haben die Künstler nicht ein Recht darauf, mit diesen Geldern ins Ausland zu gehen und gehört zu werden? Das ist doch entschieden wichtiger, als zu sagen: Wir sind die besseren Menschen, wir wenden deshalb nur Schweizer Gelder auf. Es hat für mich keinen Sinn, auf die Gespräche mit den offiziellen Vertretern des Landes zu verzichten, diese sind für mich ganz wichtig.

Sie sagten, Sie würden sogar mit Nordkorea zusammenarbeiten.

Ja, oder mit dem Iran.

Aber wollen Sie im Extremfall wirklich das Gespräch mit Leuten suchen, von denen Sie wissen, dass Sie Tausende von Menschen foltern und umbringen lassen.

Man kann sich dann natürlich nicht auf dieser Ebene treffen. Aber wenn ich nordkoreanischen Künstlern, die in diesen Umständen leben, hier eine Plattform bieten könnte, damit sie endlich rauskommen und gehört und gesehen werden, dann wäre das doch wichtig.

Offenbar ist bei der Eröffnung des diesjährigen Culturescapes ein Malheur passiert: Der russische Botschafter hat Putin gelobt.

Das muss man im Kontext sehen: Es hat eine Guerilla-Aktion stattgefunden, die nicht mit uns abgesprochen war. Eine à la Pussy Riot vermummte Frau kam auf die Bühne und wünschte uns ein schönes Konzert. Darauf fühlte der Botschafter sich gezwungen, zu reagieren. Daran sieht man auch: Wir haben in unserer Welt nicht die gleichen Richtlinien, die gleiche Freiheit der Kunst, das gleiche Verständnis von Menschenrechten. Doch am Wichtigsten ist: Dass während sieben Wochen russische Künstler wahrgenommen wurden.

Ist es nicht eine falsch verstandene Toleranz, wenn man Menschenrechte zur Ansichtssache erklärt? Man kann doch nicht sagen: Dann foltern die eben ein bisschen, die haben halt andere Wertvorstellungen als wir, und es steht uns nicht an, das zu kritisieren.

Aber solche Verstösse kritisieren wir ja dauernd im Programm. Dieses Jahr zum Beispiel bei den Filmen, dem Demokratietag und meinem Artikel. Es gibt sehr viele kritische Auseinandersetzungen mit dem jeweiligen Regime.

Kann es sogar sein, dass dann, wenn Kunst aus jenen Ländern hier aufgeführt wird, dies dort etwas bewirken kann?

Wenn Künstler vom Ausland eingeladen werden, sieht die eigene Verwaltung sie mit neuen Augen. Diese merkt: Aha, die im Westen finden das spannend, aber die hatten wir noch gar nicht auf dem Schirm. Beim Chinaprogramm zum Beispiel haben die Kulturverantwortlichen gesagt: Wir kannten die gar nicht, das ist ja interessant. Und wir laden die freien Gruppen ein, nicht die Staatsensembles. Das stärkt ihre Position, auch moralisch.

Während dieses Festival lief, haben Sie schon die nächsten vorbereitet. Was erwartet uns 2013?

Ich bereite seit etwa 17 Monaten das nächste Festival vor und reise viel in den Balkan. Thema werden acht Länder sein: Serbien, Slowenien, Kroatien, Montenegro, Kosovo, Mazedonien und Albanien. Das ist natürlich besonders komplex. Was uns erwartet, ist ein anderes Bild vom Balkan als dasjenige, das wir kennen. Wir haben durch die Verlautbarungen einiger politischer Parteien sowie durch eine häufig tendenziöse Berichterstattung oftmals ein sehr negatives Bild vom Balkan, als wären alle Menschen dort Verbrecher und Vergewaltiger. Es leben hier mehr als 500000 Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien; eine der grössten Gruppen, und doch nimmt man sie kaum wahr. Ich möchte mit ihnen zusammen ihre Heimatländer anders präsentieren, damit wir die Gelegenheit haben, unser Bild zu korrigieren.

Und was ist für 2014 geplant?

Beirut. Aber wegen der politischen Lage ist das natürlich unsicher, deswegen muss ich zweigleisig fahren: Die Alternative ist Tokio.