Culturescapes
Jurriaan Cooiman: «Wir müssen dahin gehen, wo es brennt»

Culturescapes ist nach einer Pause im Jahr 2016 wieder da. Dieses Jahr bringt Festivalchef Jurriaan Cooiman die Kultur Griechenlands in die Schweiz.

Marc Krebs
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Krise? Denkste! Culturescapes-Direktor Jurriaan Cooiman konnte 2017 das Budget verdoppeln.

Krise? Denkste! Culturescapes-Direktor Jurriaan Cooiman konnte 2017 das Budget verdoppeln.

Kenneth Nars

Das Leben nach der Krise: Culturescapes ist zurück, nach finanziellen Engpässen, einer strukturellen Umstellung und einer Pause im 2016. Griechenland ist das Gastland, dessen Kultur in Form von Filmen, Musik, Theater, Kunst undundund in den nächsten Wochen in die Schweiz gebracht wird. Festivaldirektor Jurriaan Cooiman erzählt, wie sich die Griechen und wie sich sein Festival im Zeichen von Krisen verhalten.

Herr Cooiman, 2015 widmete sich Culturescapes Island, nun steht Griechenland auf dem Programm: Beides Länder, die vor dem Bankrott standen. Zufall?

Jurriaan Cooiman: Nein, wir werfen ganz bewusst einen Blick auf Europa in der Krise. Das erachte ich als eine wichtige kulturelle Aufgabe, fürs Verständnis, für den Zusammenhalt. Unsere nächste Ausgabe wird uns 2019 nach Polen führen, auch das ein Land am Rand Europas.

Das Festival findet neu biennal statt, also nur alle zwei Jahre. Was hat die letztjährige Pause gebracht?

Mehr Zeit für die Vorbereitung und fürs Fundraising. 13 Jahre lang haben wir jedes Jahr aufs Neue in einem Land recherchiert, um ein ganzes Programm zu gestalten. Das war so nicht mehr machbar ohne permanenten Geldstrom. Dass wir uns dabei ausbeuteten, tat uns und der Sache nicht gut. Hinzu kam, dass es in Basel immer mehr Festivals gibt. Also entschieden wir uns für den biennalen Weg. Wir haben mehr Zeit für die Vorbereitung und auch für die Geldsuche.

Culturescapes Griechenland

Ein reichhaltiges Programm, bei dem selbst der griechische Wein nicht fehlt

Zwei Monate lang macht Culturescapes Griechenland zum Thema. 73 Projekte und 180 Künstlerinnen und Künstler treten auf. Zu den international bekanntesten Namen im Programm gehört Krimiautor Petros Markaris, der am 11. 11. im Rahmen der BuchBasel lesen wird. Der Theatermann Dimitris Papaioannou eröffnet den Festivalreigen am 5. Oktober mit seinem Stück «The Great Tamer» in der Kaserne Basel. Danach berührt Culturescapes zahlreiche Sparten und Orte: Im Antikenmuseum reagieren zeitgenössische Künstler auf die Dauerausstellung, im Stadtkino wird die Qualität moderner griechischer Filme sichtbar. Aber auch alte Traditionen werden erlebbar, etwa durch Hymnen vom Berg Athos oder Weinverkostungen. Das ganze Programm findet sich in der Beilage und
online: www.culturescapes.ch

2013/14, steckte das Festival in einer Krise, kämpfte mit Geldknappheit. Warum haben Sie sich ausgerechnet finanzschwache Gastländer ausgesucht?

Ich weiss ... Als ich dem Stiftungsrat sagte, dass wir uns 2017 Griechenland widmen werden, hiess es: Jetzt sind wir grad aus der Krise raus und sollen nun den Turnaround mit Griechenland schaffen, ja sind Sie denn verrückt?

Und, sind Sie es? Gefährdet gar?

Nein, ich hab immer daran geglaubt, dass wir dahin gehen müssen, wo es brennt. Wir haben von griechischen Privatstiftungen, etwa Onassis, Unterstützung erhalten, ebenso vom Kulturministerium. Immerhin ein sechsstelliger Betrag kommt also aus Griechenland. Aber indem wir nur alle zwei Jahre ein Festival machen, sind nun Mittel für die Vorbereitung und für die Produktionen freigeworden.

Der Schritt zur Biennale ist keine Sparübung?

Nein, so ist das nicht zu verstehen, denn effektiv haben wir unser Budget verdoppeln können, von 650 000 Franken auf 1,4 Millionen Franken. Wir haben den Turnaround geschafft. Und nun sehr viel mehr Mittel fürs Programm.

Ihre Krise scheint also überwunden. Und jene der Griechen?

Die hören das gar nicht gerne, das Wort Krise. Es ist ein Dauerzustand, mit dem sie sich arrangieren. Die hohe Arbeitslosigkeit, die Entwertung ihrer Arbeit, die geopolitischen Kollateralschäden sind täglich präsent. Trotzdem sind die Griechen lebensfroh. Die Strassen und Plätze sind wie Wohnzimmer, das Leben wird intensiver gelebt, nicht gehortet, habe ich das Gefühl. Und aus kultureller Sicht fällt auf, dass die Krise zu enorm viel Initiativen geführt hat. In Athen etwa gibt es mittlerweile mehr Theater als in London.

Das ist nicht wahr?

Doch, in Athen zählt man 1500 Theater, darunter viele in Garagen und Kellern, die umgenutzt werden. Die Leute müssen ihren Stress loswerden, sie führen eine Auseinandersetzung mit sich selber über die Kunst, die als Spiegel dient. Sie produzieren Kultur aus der Notwendigkeit, ja, aus der Not heraus.

Ohne Subventionen?

Öffentliche Kulturgelder gibt es in Griechenland kaum. 80 Prozent ihres Kulturetats fliessen in Denkmäler und Archäologie, in die Erhaltung alter Steine.

Zu den Geld-Problemen kommt in Griechenland noch die Flüchtlingskrise. Wie äussert sich diese im Programm?

Wir haben Vortragsreihen, in denen die Krise thematisiert wird, Lesungen auch. Zudem haben wir zwei Chöre, den Jugendchor Rosarte aus Athen und die Mädchenkantorei Basel damit beauftragt, Flüchtlingslieder zu recherchieren. Der griechische Jugendchor hat dafür zum Beispiel die Camps in Lesbos besucht und die Leute nach Liedern befragt. Syrische oder irakische Volkslieder, Feldrecherchen, die sie nun auf die Bühne bringen. Wir werden diese Lieder auch in Buchform bündeln und den hiesigen Schulen zur Verfügung stellen. Schliesslich beenden wir das Festival mit einer Benefizveranstaltung: bei einem «gemeinsamen geselligen Trinken», so die wörtliche Übersetzung von Symposion, werden wir reden, essen und zuhören. Der Erlös geht an die Basler Hilfsaktion «Help for Refugees».