Tierquälerei

Kaderarzt vor Gericht: «Ich bin kein Tierquäler»

Die jüngsten Fälle von Tierquälerei rufen die Behörden auf den Plan. Bund und Kantone arbeiten derzeit ein neues Kontrollkonzept im Tierschutz aus. (Symbolbild)

Die jüngsten Fälle von Tierquälerei rufen die Behörden auf den Plan. Bund und Kantone arbeiten derzeit ein neues Kontrollkonzept im Tierschutz aus. (Symbolbild)

Bei einer unangekündigten Kontrolle im Basler Universitätsspital hat das Veterinäramt eine unangenehme Entdeckung. Ein Arzt hatte sich nicht ordnungsgemäss um die Wunden seiner Patienten gekümmert. Jetzt musste er sich vor Gericht zeigen.

Fröhlich beschwingt betrat der Angeklagte gestern den Gerichtssaal und begrüsste erst einmal alle Anwesenden freundlich. Neben Verteidiger und Staatsanwalt sassen noch drei Dutzend Beobachter aus Tierschützer-Kreisen im Publikum. Sie hatten die Gelegenheit genutzt und vor dem Strafgericht eine kleine Demonstration gegen Tierversuche durchgeführt.

Der 46-jährige Kaderarzt vom Kantonsspital Baselland steht wegen des Vorwurfs der Tierquälerei und der Widerhandlung gegen das Tierschutzgesetz vor dem Basler Strafgericht. Er stehe zu allem, was passiert ist, betonte er. «Aber ich wehre mich gegen den Vorwurf der Tierquälerei», sagte der 46-Jährige. Deshalb wolle er transparent Auskunft geben. Das Tierwohl sei ihm sehr wichtig. «Ich schaue auch, dass wir so wenige Mäuse für die Versuche brauchen, wie möglich.» Er habe für seine Studie vier Mal mehr Mäuse bewilligt bekommen.

Unterlagen zu Schmerzmitteln fehlen völlig

Ins Rollen gekommen ist der Fall, als das Veterinäramt im August 2018 zu einer unangemeldeten Kontrolle vorbeischaute. Der Arzt hatte sich für eine Studie in den sogenannten «Mice Facilities» der Universität Basel eingemietet, also den Tierversuchlabors. Zusammen mit seinem Angestellten, einem Biologen, betreiben sie dort Grundlagenforschung zur Entstehung von Krankheiten. Dabei wurden die Versuchsmäuse betäubt und ihnen ein kleines Loch in den Kopf gebohrt, in welches dann eine Probe injiziert wurde. Anschliessend werden die Tiere ein Jahr lang beobachtet, um zu analysieren, wie sie sich entwickeln. Der Biologe führte die Versuche durch, der Arzt war als Betriebs- und Versuchsleiter verantwortlich für das Forschungsprojekt.

Das Veterinäramt stellte bei der Kontrolle fest, dass zwei Mäuse nicht vorschriftsgemäss behandelt wurden. Bei einer hatte sich die Naht gelöst und eine rund acht Millimeter grosse Wunde klaffte an ihrem Kopf. Bei einer zweiten Maus wurden die Nähte dagegen nicht wie vorgeschrieben nach spätestens zehn Tagen entfernt.

Widersprüchliche Angaben und fehlende Unterlagen

Weiter machte der Mitarbeiter des Angeklagten vor Ort widersprüchliche Angaben, ob und welche Schmerzmittel die Tiere erhalten. Entsprechende Unterlagen fehlen gänzlich. Auch sonst dokumentierten die Forscher das Projekt nicht mit den vom Veterinäramt vorgeschriebenen Formularen.

Auf Anzeige des Veterinäramts verurteilte die Staatsanwaltschaft den Arzt zu einer bedingten Geldstrafe und einer Busse von 5000 Franken. Dagegen legte er Rekurs ein. Vor Gericht gestand er gestern diverse Versäumnisse ein, etwa, dass nicht das vorgeschriebene Schmerzmittel verwendet wurde. Da seien Unterlagen durcheinander gekommen.

Dass er die Tiere habe leiden lassen, bestritt er aber vehement. So habe er nicht gewusst, dass eine Maus eine Naht verloren hatte. «Als ich das mitbekommen habe, haben wir uns die Maus angeschaut und entschieden, dass wir den Verlauf beobachten, weil es der Maus sehr gut ging», sagte er. «Wenn ein Tierpfleger mir sagt, dem Tier geht es gut, dann ist das so okay für mich. Nochmals zu operieren, wäre für die Maus der grössere Eingriff gewesen.»

Gericht will noch weiteren Beteiligten einvernehmen

Der Mitarbeiter vom Veterinäramt, der den Fall bei der Staatsanwaltschaft zur Anzeige gebracht hatte, meinte dagegen: «Wenn wir in einer Gruppe eine Maus haben, bei der die Naht aufgegangen ist und eine, bei der sie nicht zeitgerecht entfernt wurde, ist das für uns ein Zeichen, das gewisse Punkte nicht beachtet werden.» Bei der Arbeit mit Tieren könne schon einmal etwas schiefgehen. «Aber wenn man eine Tierversuchsbewilligung hat und dabei die vorgesehene adäquate Schmerzbehandlung nicht macht, ist das eine Tierquälerei.» Auch Matthias Geering, Sprecher der Universität Basel, fand deutliche Worte: «Wir verurteilen die Verstösse, die das Veterinäramt festgestellt hat, aufs Schärfste.» Die Universität werde nun besprechen, ob und welche Konsequenzen der Fall haben wird.

Da noch eine Reihe an Fragen offen ist, hat das Gericht den Fall ausgesetzt, um noch den Biologen zu befragen, der die Versuche durchgeführt hat.

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