Eine ältere Dame steigt aus dem Müll-Container mit Essensresten und schleicht mit gefüllten Tüten von dannen. Solche Bilder will Dieter Hieber, der Inhaber der südbadischen Supermarkt-Kette, nicht mehr sehen. Deswegen bietet Hieber seit kurzem Lebensmittel, die sich nicht mehr für den Verkauf eignen, in zwei Foodsharing-Boxen kostenlos zum Mitnehmen an.

In Schopfheim und im grenznahen Nollingen bei Rheinfelden stehen zwei begehbare Container. Die Regale im Inneren sind mit Obst, Gemüse oder Brot gefüllt, das nicht mehr verkauft werden darf. Auch ein Kühlschrank für Milchprodukte ist eingerichtet. Zwischen 8 Uhr und 20 Uhr kann sich jeder an den abgelaufenen Lebensmitteln bedienen.

Boxen sind schnell leer

«Die Boxen werden von unserer Kundschaft sehr positiv angenommen und sind abends meist leergeräumt», sagt Hieber. Deswegen sollen auch die anderen acht Hieber-Filialen (unter anderem in Weil am Rhein und in Grenzach) mit den Foodsharing-Boxen ausgestattet werden. 

Mit der Aktion geht Hieber ein Risiko ein. Denn wer Lebensmittel mit überschrittenem Haltbarkeitsdatum in den Verkehr bringt, kann für diese haftbar gemacht werden. Dabei ist es egal, dass die Ware eigentlich gar noch nicht schlecht ist. «Ein Kunde, der sich durch den Verzehr den Magen verdirbt, könnte uns verklagen», sagt Hieber und fügt hinzu: «Wir gehen dieses Risiko aber ein, weil wir ein Zeichen gegen die wahnsinnigen Lebensmittelverschwendung setzen wollen.»

Haushalte sind die Hauptschuldigen

Laut einer Medienmitteilung des Basler Departements für Wirtschaft, Soziales und Umwelt landen auch in der Schweiz jährlich 2,46 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll. Das entspricht ungefähr einem Drittel der gesamten Schweizer Lebensmittelproduktion. Private Haushalte stehen an der Spitze der Lebensmittelverschwendung, und auch Basler Haushalte stellen dabei keine Ausnahme dar. Im Durchschnitt sind 15 Prozent eines Bebbi-Sack-Inhalts noch essbare Lebensmittel, heisst es in dem Schreiben.

Der Verein foodwaste.ch veröffentlicht auf seiner Website ähnliche Zahlen. Demnach sind die privaten Haushalte für 45 Prozent der Lebensmittelverschwendung verantwortlich. Das entspricht einem Gewicht von 1,11 Millionen Tonnen.

Nur 5 Prozent des Foodwastes sind auf den Detailhandel zurückzuführen. 30 Prozent geht bei der Verarbeitung verloren. Auch die Landwirtschaft (13 Prozent), der Grosshandel (2 Prozent) und die Gastronomie (5 Prozent) verschwenden Lebensmittel.

Verzicht auf einen juristischen Trick

Zurück zu Hieber und seinen Foodsharing-Boxen. Um sich rechtlich abzusichern, hätten die Verantwortlichen die Boxen einfach mit dem Wort «Müllcontainer» beschriften können. Doch auf diesen juristischen Trick verzichtet Hieber. «Das sieht nicht schön aus und lädt die Kunden nicht dazu ein, dort Lebensmittel mitzunehmen», sagt er.

Trotz des Gratis-Angebots beliefert Hieber auch in Zukunft die Rheinfelder Tafel. Als mögliche Konkurrenz für die wohltätige Organisation sieht Hieber seine Boxen nicht. Aufgrund strenger Auflagen darf die Supermarkt-Kette viele Lebensmittel, die jetzt in den Boxen landen, nicht an wohltätige Organisationen wie den Rheinfelder Verein spenden. Auch dass durch das Gratis-Angebot die Einnahmen sinken könnten, verängstigt bei Hieber keinen. «Das Argument haben wir gar nicht berücksichtigt. Es geht um Ware, nicht um Umsätze», sagt Hieber. Und darum, dass in seinem Supermarkt keiner mehr im Müll wühlen muss.