Es war kommunikativ ein geschickter Schachzug: Vergangene Woche stellte Christoph Eymann, Basler Erziehungsdirektor und designierter Präsident der Schweizerischen Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK), gegenüber der «NZZ am Sonntag» «rasche Anpassungen» bei der integrativen Schule in Aussicht. Ausserdem versprach er eine Studie, die er bereits im Frühjahr erstmals erwähnt hatte. Die Agentur verbreitete Eymanns Äusserungen; das landesweite Echo war gesichert. Cash online titelte: «Künftiger EDK-Präsident will mehr schwierige Schüler ausschliessen», der «Landbote» vermerkte, dass Eymann der Integration schwieriger Kinder «kritisch gegenübersteht», und in der «Basler Zeitung» war von «härterem Umgang mit auffälligen Kindern» zu lesen.

Eymann, der geschickte Redner, bekräftigte am Montag seine Aussagen im «Regionaljournal Basel» noch für das lokale Publikum und sprach von den vielen klagenden Lehrern, die er an Anlässen treffe und deren Sorgen er nun ernst nehmen wolle. Die Worte des Erziehungsdirektors sind Balsam für die Wunden jener Lehrer und Bildungspolitiker, die in ein kollektives Lamento über die integrative Schule verfallen sind. Die Kritik: Im Klassenzimmer sei es zu unruhig, die Schüler seien zu anstrengend, die Lehrpersonen am Anschlag.

Zu den kritischen Stimmen in Sachen Integration gehört die Basler Bildungspolitikerin und ehemalige Gewerkschaftssekretärin Heidi Mück (Basta). Sie ist der Ansicht, an den Schulen gebe es zu wenig personelle Ressourcen für die Integration verhaltensauffälliger Kinder. Allerdings steht sie Eymanns neustem Versprechen skeptisch gegenüber. Es brauche vor allem mehr Lehrer und nicht noch eine Studie, sagt Mück.

Eymann und sein Bildungschef Hans Georg Signer sind derweil darauf bedacht, die Integrationsverfechter, zu denen auch sie sich zählen, nicht zu stark zu verärgern. Basel-Stadt, ein Pionierkanton in Sachen schulischer Integration, galt schliesslich lange als nationales Vorbild. Das Schulmodell, bei dem geistig behinderte Kinder sogenannte Integrationsklassen besuchen und auch verhaltensauffällige Kinder wenn möglich in Regelklassen eingeschult werden, sei nicht «grundsätzlich problematisch», sagt Signer gegenüber der «Schweiz am Sonntag». Es gebe wohl aber immer wieder «Einzelfälle», für die eine Förderung entschieden worden sei, die sich nicht bewährt habe.

Signer räumt ein, dass die verschiedenen Förder- und Unterstützungsangebote heute so vielfältig seien, dass der Aufwand, diese zu organisieren und aufeinander abzustimmen, von den Lehrern und Schulen mitunter mehr als Belastung denn als Hilfe empfunden würden. Weniger ein Problem des Aufwandes denn des Stundenplanes sieht Signer dagegen auf Sekundarstufe bei der Integration von geistig behinderten Kindern. Er sei der Auffassung, dass das Konzept angepasst werden müsse. «Die Jugendlichen brauchen mehr Angebote, in denen sie ganz Lebenspraktisches lernen und üben können», sagt Signer. Damit meint er beispielsweise das Führen eines Haushaltes oder sich Zurechtfinden im öffentlichen Raum.

Zwischen den kritischen Tönen betont Signer aber immer wieder den Erfolg der Integration; ein Begriff, der gegenwärtig in verschiedenem Kontext verwendet wird und vor allem auch den Abbau von Sonderschulen meint. Die Integrationsklassen seien, mit einigen Einschränkungen, unbestritten, ebenso das Einrichten von Förderangeboten an allen Volksschulen, hält Signer fest.

Dass auch Lehrer die integrative Schule befürworten, zeigt sich am Beispiel der WBS Leonhard. Dort wurde vor drei Jahren ein neues Schulmodell eingeführt, bei dem nicht mehr im Klassenverbund gelernt wird, sondern in kleineren Niveau-Gruppen. Mit dabei sind auch geistig behinderte und verhaltensauffällige Schüler. Lehrerin Ofrah Hill gehört zu jenen Lehrpersonen an der Schule, die überzeugt sind, dass alle vom Unterricht profitieren. Sie habe nur gute Erfahrungen gemacht. Entscheidend sei, dass sich die Lehrer offen zeigen würden. Hill bedauert, dass es unter ihren Kollegen so viel Widerstand gibt.

Der Lehrer-Widerstand hat immerhin dazu geführt, dass sich Eymann öffentlich mit Asche bewarf. Wie weit die angekündigten Anpassungen gehen, wird sich im Frühjahr nach Erscheinen der Studie zur integrativen Schule zeigen. Sicher ist: Eymanns Bildungschef Hans Georg Signer ist vor seiner Pensionierung noch einmal richtig gefordert.