Sexskandal

Kanton hat brisante Hinweise im Fall Zunamis ignoriert

In diesem Haus an der Gellertstrasse sowie in einem Zelt im Garten hatte der Heimleiter mutmasslich Sex mit Bewohnerinnen.

In diesem Haus an der Gellertstrasse sowie in einem Zelt im Garten hatte der Heimleiter mutmasslich Sex mit Bewohnerinnen.

Über mehrere Monate hinweg soll ein Heimleiter des Vereins Zunamis Sex mit Bewohnerinnern gehabt haben. Wie sich nun zeigt, hätte das Erziehungsdepartement sexuelle Übergriffe verhindern können.

Nächste Woche steht jener Heimleiter vor dem Basler Strafgericht, der zwischen August 2010 und seiner Verhaftung im April 2011 mehrmals Sex mit Bewohnerinnen einer Wohngruppe des nicht mehr existierenden Vereins Zunamis gehabt haben soll.

Zum Fall, der national für Schlagzeilen sorgte, nahm die Regierung im Grossen Rat Ende Mai Stellung: «Nach der Verhaftung ist der Verdacht aufgekommen, wonach ein Teil der Unterlagen gefälscht sein könnte.» Dem Heimleiter wird vorgeworfen, dass er sich mit einem gefälschten Diplom beworben habe.

Gegenüber der bz räumt Ruedi Hafner, Leiter der Fachstelle Jugendhilfe im Basler Erziehungsdepartement (ED), unterdessen aber ein, dass seine Fachstelle schon früher über derartige Informationen verfügt hat: «Leute aus dem Umfeld des Heimleiters haben nach der Anstellung gegenüber unserer Fachstelle ihr Erstaunen ausgedrückt, dass der Mann über ein Diplom verfügen soll.»

«Schwache Hinweise»

Hafner betont, dass es sich um «schwache Hinweise» gehandelt hat. Die Informanten wollten nicht mit ihren Namen zu ihren Vorwürfen stehen. Dennoch gesteht Hafner Fehler ein: «Wir hätten diese Hinweise ernster nehmen sollen.» Er hat daraus gelernt: «In Zukunft werden wir bei derartigen Hinweisen oder Zweifeln nachfragen.»

Dies bedeutet, dass die Regierung die Lage in ihrem Bericht ans Parlament beschönigt hat. Dort schrieb sie: «Wird ein Verdacht geäussert, ist rasches Handeln angesagt. Im vorliegenden Fall ist dies in hervorragender Zusammenarbeit aller involvierter Stellen erfolgt.»

Kanton hat Bewilligung erteilt

Hätte die Fachstelle Jugendhilfe die Hinweise frühzeitig ernst genommen, hätten die Vorfälle zumindest teilweise verhindert werden können. Für die Anstellung und Prüfung des Heimleiters ist zwar primär die Trägerschaft verantwortlich. Die Fachstelle des ED ist aber die Aufsichtsbehörde: Sie ist für die Überprüfung zuständig. Denn der Kanton hat die Jugendlichen in das skandalträchtige Wohnheim eingewiesen: 18 junge Männer und Frauen wurden von der Abteilung Kindes- und Jugendschutz (AKJS) dort untergebracht.

Die Fachstelle Jugendhilfe hat dem Verein die Bewilligung für die Führung von Wohngruppen für Jugendliche am 4. Januar 2011 erteilt. Damals hat der Heimleiter bereits einen Grossteil der ihm vorgeworfenen Delikte begangen.

Für die Bewilligung, die das ED ausgestellt hat, muss laut Bundesrecht ein Diplom des Heimleiters vorliegen. Dieses haben die Beamten trotz der ihnen bekannten Zweifel nicht auf Echtheit überprüft. Dies sei standardmässig nicht vorgesehen: «Bei jedem Dokument eine Beglaubigung zu verlangen, wäre unverhältnismässig», meint Hafner. «Ein Überprüfungssystem kann nie 100-prozentige Sicherheit gewährleisten.»

Die Fachstelle war überfordert

Grundsätzlich funktioniere das durch Bundesrecht vorgegebene Verfahren gut. Dass es im Fall Zunamis versagt hat, erklärt sich Hafner mit der ausserordentlichen Situation: «Unsere Fachstelle ist sehr selten mit einer Institution konfrontiert, die frisch auf den Markt kommt.»

Normalerweise handle es sich immer um dieselben Organisationen, die stationäre Jugendhilfe anbieten. «Und normalerweise sind die Leute, die eine Heimleitung übernehmen, bereits vorher als Fachleute bekannt», sagt Hafner. Trotz dieser Ausnahmesituation wurden die informellen Hinweise nicht ernst genommen.

Den heute von der AKJS in Heimen untergebrachten Jugendlichen drohe keine Gefahr. Seit August bietet in Basel das Jugendsozialwerk Blaues Kreuz Baselland die stationäre Jugendhilfe an. «Diese Institution hat sich sehr bewährt und geniesst einen ausgezeichneten Ruf», lobt Hafner.

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