Fritz Schumacher

Kantonsbaumeister: «Basel kann nur in die Höhe wachsen»

Der scheidende Kantonsbaumeister Fritz Schumacher hinter einem Modell der Stadt Basel: Die bräunlich gefärbten Gebäude sind noch nicht gebaut, aber geplant. Auf dem Modell hat es viele bräunlich gefärbte Gebäude.

Der scheidende Kantonsbaumeister Fritz Schumacher hinter einem Modell der Stadt Basel: Die bräunlich gefärbten Gebäude sind noch nicht gebaut, aber geplant. Auf dem Modell hat es viele bräunlich gefärbte Gebäude.

21 Jahre lang hat Fritz Schumacher Basel geprägt wie kein anderer. Jetzt tritt er ab. Vor seiner Pensionierung sagt er der bz, wie Basel sich weiterentwickeln wird und wo er versagt hat.

Ende Woche ist fertig: Nach 21 Jahren als Kantonsbaumeister geht Fritz Schumacher in Pension. Zwei Jahre zu spät: Eigentlich hätte schon 2013 Schluss sein sollen. Es waren 21 Jahre, in denen sich Basel gewaltig entwickelt hat. Und ein Ende ist nicht abzusehen.

Herr Schumacher, wie hat Basel 1994, vor 21 Jahren, ausgesehen, als Sie Ihr Amt antraten?

Fritz Schumacher: Das war eine eher depressive Stimmung, nicht nur in Basel. Die Wirtschaft hat nicht richtig gezogen, die politischen Vorzeichen in Basel waren eher auf Einfrieren gestellt.

Wo lagen die Brennpunkte der Stadtentwicklung?

Ein Schwerpunkt war der Masterplan Bahnhof. Da wollte sich Basel ins 21. Jahrhundert bewegen. Sonst gab es viele Fragezeichen. Die Themen waren trotzdem ähnlich. Der Wohnungsbau war schon Anfang der 1990er-Jahre ein Thema. Es gab eine Schulreform, das war die Einführung der Orientierungsschule und damit verbunden ein Schulbauprogramm im Umfang von 300 Millionen Franken. Der Kanton stritt zudem mit der Deutschen Bahn darüber, wer auf dem ehemaligen Güterbahnhof Erlenmatt das Sagen hat. Es gab aber keine Themenführung durch die Stadtplanung.

Was hat Sie an dem depressiven Basel interessiert?

Basel war schon in den 90er-Jahren ein Mekka für moderne Architektur, schon die Generationen vor Herzog & de Meuron und Diener & Diener waren interessant. Auch das Architekturmuseum gab es schon. Ich habe in Kassel bei Lucius Burckhardt studiert. In seinen Soziologievorlesungen ging es immer wieder um die Gesellschaft der Stadt Basel. Ich hatte zudem ein paar Freunde, die in Basel arbeiteten und wohnten. Ich war damals 44 Jahre alt und hatte vorher zehn Jahre lang die Planung in St. Gallen geleitet. Der FC Basel und der FC St. Gallen spielten damals übrigens beide in der Nati B.

Wie sah das Planungsamt in Basel aus?

Christoph Stutz, damals frisch gewählter Regierungsrat, hatte den Abgang von meinem Vorgänger Carl Fingerhuth genutzt, um das Kantons- und Stadtplanungsamt und das Hochbauamt zu einem einmaligen Amt für Hochbau und Planung zu fusionieren. Ich hatte also eigentlich zwei Vorgänger: einerseits Carl Fingerhuth und andererseits Rolf Blattner. Das zusammengelegte Amt war besonders interessant, weil im Stadtstaat Basel auch die Gemeinde- und die Kantonsebene zusammenfallen.

Sie haben vor 21 Jahren also eine interessante Stelle angetreten. Wie hat sich die Realität entwickelt?

Die allgemeine Entwicklung hat Basel aus der Lethargie der 1990er-Jahre hinaus geführt. 1996 fusionierten Ciba und Sandoz zu Novartis, es kamen deutliche Signale aus der Wirtschaft, dass Basel vorwärts machen muss. Der Blick aufs Umland, den trinationalen Perimeter, wurde immer wichtiger. 1995 haben wir damit begonnen, mit unseren Nachbarn informell zusammenzuarbeiten. Daraus ist der heutige Eurodistrikt entstanden. Auch das ist eine Spezialität von Basel, dieser Schnittpunkt am Dreiländereck Basel, Weil und St. Louis.

Gab es vorher keine Zusammenarbeit mit den Nachbarn?

Es gab immer ein klares Bezugsfeld, aber Basel hat Weil, Lörrach und St. Louis nie einbezogen. Das war neu, dass man in dem Raum mit Blick auf die Synergien sich gemeinsam weiterzuentwickeln versucht hat. Im Sog mit der wirtschaftspolitischen Entwicklung sind neue Projekte in Gang gekommen. Wir konnten den Masterplan Bahnhof mit der neuen Passerelle und dem Bahnhofplatz umsetzen. Wir haben Fuss gefasst auf der Erlenmatte und 1996 einen ersten Wettbewerb mit der Deutschen Bahn zusammen ausgeschrieben. Ein weiterer Katalysator der Stadtentwicklung war der Bau der Nordtangente. Die Frage war, wie sich diese Tangente in den Stadtbau integrieren lässt – etwa im Volta oder im Horburg. Diese immense und anachronistische Linienführung mitten in der Stadt, daraus ergaben sich interessante Aufgaben.

Sie haben eine Autobahn gebaut …

Wir haben versucht, nicht einfach eine Autobahn zu bauen, sondern einen Stadtumbau zu initiieren. Wenn ich heute ins St. Johann gehe, dann habe ich einen positiven Eindruck der Stadtentwicklung. Da hat die Nordtangente auch in die Tiefe gewirkt und eine Modernisierung bewirkt. Ich denke etwa an Wohnstrassen oder an Tempo-30-Zonen. So hat man versucht, die mangelnde Wohnqualität wieder zurückzugewinnen.

Die Autobahn gab Schub für Stadtentwicklung?

Das war der erste Schub. Mit Beginn dieses Jahrhunderts ist der Novartis Campus entstanden, die Messe Schweiz baut ihre Messe in der Stadt, Roche investiert am Standort Basel – das war der zweite grosse Schub. Es ging dabei vor allem um Arbeitsplatzentwicklung mit Blick auf die Bedeutung der Grosskonzerne, welche auch auf Ebene KMU vieles ausgelöst hat und eine grosse Dynamik entstehen liess.

Was gleichzeitig die Frage auslöst: Wo wohnen all die Leute, die da arbeiten?

Vor allem im Hinblick auf die Nachhaltigkeit stellt sich die Frage: Wo können Wohnungen in Basel gefunden werden – nicht nur aus fiskalischen Gründen, sondern auch, um dem Trend der Entvölkerung der Innenstadt entgegenzuwirken? In den 1990er-Jahren haben wir noch jedes Jahr eine vierstellige Zahl Einwohner verloren. Wir mussten die Wohninfrastruktur ergänzen und erweitern und den Bestand fördern. Dieses Thema hat Anfang der 2000er-Jahre stark polarisiert. Gewisse Projekte sind am Volkswillen gescheitert, etwa die Überbauung Landhof, dafür wurde der Erlenmatte zugestimmt. Im Grossen und Ganzen ist Dynamik entstanden – wenn auch auf einem kleineren Level, als wir uns das gewünscht haben.

Wäre mehr Dynamik wünschenswert?

Basel hatte, anders als Städte wie Genf oder Zürich, nie so rasante Ausschläge in der Konjunktur, also Boom, gefolgt von Krise. Durch die beschränkten Ressourcen von Land auf den 37 Quadratkilometern hat sich Basel gezwungenermassen langsamer entwickelt. Das war aber schlussendlich nicht zum Schaden der Stadt. Die Verwerfungen sind Basel erspart geblieben, wir hatten deshalb nie einen übermässigen Leerstand von Büros, von Wohnungen schon gar nicht. Wenn es in den letzten Jahren darum gegangen ist, Basel noch einmal voranzubringen, hat man auch wieder zur Kenntnis nehmen müssen, dass die Bevölkerung von Basel den grossen Entwürfen skeptisch gegenüber steht und nicht gewillt ist, die Freiräume zu verbauen.

Warum?

Vermutlich gibt es eine gewisse Sättigung, eine Übersättigung gegenüber der Überbauung. Das Problem ist wohl auch, dass diejenigen, die darüber abstimmen, nicht existenziell bedroht sind. Sie haben ja bereits eine Wohnung in der Stadt. Wir müssen wohl die Wohnprobleme der Zukunft noch besser vermitteln. Dazu kommt, dass es in der Stadtentwicklung von Basel neben den drei Themen Verkehr, Wirtschaft und Wohnen natürlich noch viele andere Themen gibt. Die Bildung etwa mit der Universität oder die Gesundheitsbauten. Ein grosses Thema ist die Kultur. Da ist es gelungen, neben der privaten Initiative wie der Fondation Beyeler die Erweiterung und Ergänzung des Kunstmuseums auf die Beine zu stellen. Ladys First hat zu meinem Verdruss das neue Schauspielhaus realisiert. Ich hätte den Dreiklang von Schauspiel, Oper und Tanz lieber am alten Standort hergestellt. Es ist jetzt aber trotzdem eine gute Lösung geworden.

Könnte man sagen, dass sich Basel im Spannungsfeld von Ballenberg und Hongkong befindet?

Ja, das ist schon so. Basel ist stolz auf seine baukulturelle Vergangenheit, vieles ist in der Hochkonjunktur nach dem Zweiten Weltkrieg verloren gegangen. Heute ist man Willens, die Geschichte sichtbar und erlebbar zu machen. Andererseits will Basel auch die Weltstadt im Taschenformat sein. Während der Art sowie der Uhren- und Schmuckmesse sind wir international eine Hauptstadt. Zwischen dem Blick auf die Vergangenheit und den Blick in die Zukunft klafft aber eine Unvermittelbarkeit. Wenn ich mich selbstkritisch frage, wo ich nicht gut war in den letzten 20 Jahren, dann war es wohl das: Durch Kommunikation und Partizipation das Verständnis für Entwicklungen zu fördern, wo Entwicklungen für die ganze Stadt nötig sind. Es ist mir nicht immer gelungen, die Zustimmung für solche Prozesse zu holen. Diese Feststellung mache ich nicht nur mir gegenüber, sondern auch den Medien gegenüber. Ich frage mich, warum die Medien nicht mehr interessiert sind an einer Versachlichung des Themas Stadtentwicklung.

In einem Interview erklärten Sie vor zehn Jahren: «Ich fühle mich mehr als ‹Urban Manager›, nicht mehr als Baumeister.» Heute seien die Konzerne die Akteure der Stadtentwicklung. Welche Möglichkeiten hat denn der Kantonsbaumeister?

Der klassische Kantonsbaumeister ist sowieso nur Chef des Hochbauamts: er baut Kindergärten, Schulen, Museen, Spitäler und Altersheime, die Palette der kommunalen Bauten. Mich interessierte an Basel, dass es neben dieser architekturlastigen Aufgabe auch eine planerische Aufgabe gab. Nicht im Sinne des frühen 20. Jahrhunderts, wo Stadtplanung eine von Behörden verordnete Stadtentwicklung war. Im Gundeli etwa hat der Stadtingenieur gesagt, wie man die Strassen und die Kanalisation baut und dann wurde es so gemacht. Heute ist das viel komplexer. Wir müssen die Stadt nicht bauen, sondern vor allem umbauen und wir müssen viel mehr mit Privaten zusammenarbeiten. Ein Fall Erlenmatt, wo man ein Areal neu denken kann, gibt es vielleicht alle 50 Jahre. Das Denken der Stadt, des urbanen Raums, ist deshalb eine Management-Aufgabe: Wie bringe ich die Leute zusammen? Wie kann man Prozesse organisieren? Dabei geht es aber nicht bloss um Management. Man muss eine Stadt aus dem Blickwinkel der räumlichen Ressource betreuen. In diesem Betreuungsmandat der Stadt bleibt ein grosses, kreatives Potenzial.

Trotzdem: Kann man überhaupt bestimmen, was mit der Stadt passiert?

Es ist nicht der Stadtplaner, der das Wesen der Stadt definiert. Das bestimmen die Bevölkerung, die Wirtschaft und die Politik. Der Stadtplaner ist der Moderator. Er muss die Bedürfnisse wahrnehmen und herausfinden, wie sie sich kombinieren lassen und wie man den Aspekt der räumlichen Qualität einbringen kann. Das wertet den Begriff des Urban Managements wieder auf: der Begriff der räumlichen Qualität.

Täuscht das oder sind die Bedürfnisse in der Stadt auseinandergedriftet?

Ja, die Fronten werden schärfer, die Bedürfnisse klaffen immer mehr auseinander. Das wird auch in zunehmendem Mass die Politik als Vermittlerin zwischen den Interessen der Gesellschaft fordern. Das Verständnis des gemeinsam Wünschbaren und des gemeinsam Tragbaren ist schwieriger zu finden.

Ein neuer Konflikt zeichnet sich für das Lysbüchel-Areal ab. Wie wird sich dieses Areal entwickeln?

Das Areal hat die Begabung, mehr zu leisten als ein Recycling-Areal. Es ist ein Areal, das man schlecht kennt, man hatte kaum Zutritt dazu. Es lässt sich vertreten, dass man einzelne Bereiche dahingehend überprüft, ob sie sich für Wohnen eignen. Es bleiben sicher genügend Flächen für Gewerbe und Industrie. Die Qualitäten reichen nicht überall für Wohnareal. Ich glaube aber, dass sich die Grenze zwischen Wohnstadt und Industriestadt generell etwas nach Norden verschieben wird.

Wie viel Gewerbe gehört in die Stadt?

Ich plädiere sehr für eine gemischte Stadt, wo wohnen und arbeiten nahe beieinanderliegen. Der Streitpunkt sind Verträglichkeiten: Wo behindern sich Arbeitsplätze und Wohnen gegenseitig? Das Bild der stinkenden, lärmenden und rauchenden Industrie ist weitgehend passé. Wir haben aber trotzdem Situationen, etwa im Logistikbereich, wo Lärm ein Thema ist und sich die Frage stellt, ob Wohnen in ein solches Umfeld gelegt werden kann. Die Stadt zeichnet sich aber durch ein Miteinander aus. Die urbane Qualitätsmischung besteht aus Gegensätzen. Urbanität ist eine kulturelle Errungenschaft – und so müssen wir sie pflegen.

Ist die Begrenztheit von Basel auf die 37 Quadratkilometer mehr Chance oder Hindernis auf diesem Weg?

Ich habe es als Chance erlebt. Die Verantwortung für diese knappe Ressource Boden zu haben, ist sehr spannend. Das Verständnis steigt, dass man unter so beschränkten Verhältnissen nur mit dem Begriff Qualität operieren kann. Das merke ich im Gespräch mit Kollegen, dass uns das in Basel immer wieder gelingt. Damit habe ich aber nicht den Rocheturm gemeint.

Der gefällt Ihnen nicht?

Der Turm steht für eine wünschenswerte Entwicklung für Basel. Ich bin ein bisschen versöhnt mit ihm, seit ich weiss, dass es Roche nicht bei einem einzigen Turm belassen will. Ich bin sehr hoffnungsvoll, dass mit der Strategie des Bündels von ähnlichen Bauten eine ganz andere Gesamtwirkung erzielt wird als mit diesem einzelnen Turm. Das wird eine sehr spannende, aber auch anspruchsvolle Entwicklung. Die Bilder, die man letzten Herbst gesehen hat, waren Appetizer für eine noch kommende Auseinandersetzung. Ich bin überzeugt, dass es in Basel Unterstützung gibt für eine solche Entwicklung. Die Stadt weiss um die Bedeutung von Roche – und Roche ist sich der Verantwortung für das Stadtbild bewusst.

In die Höhe geht es ja nicht nur da: Basel wächst derzeit vor allem in der Vertikalen.

Das ist logisch: Basel kann nur noch in die Höhe bauen, vor allem nach der letzten Abstimmung. Die innere Verdichtung führt in die Höhe, in der Fläche der Einfamilienhäuser lässt sich keine Verdichtung erzielen. Das wird die Kunst sein, Basel sorgfältig in ein dichteres Gesamtbild zu führen. Es gibt kein akademisches Bild, das eine Vorgabe leistet, die Akteure an ihren Orten und Arealen müssen sich herantasten. In diesem Prozess stehen wir jetzt schon, da wird mein Nachfolger viele Entscheidungen zu fällen haben. Dass es geht, zeigt der Perimeter Bahnhof mit Bahnhof, BIZ, Post und SBB-Südüberbauung. Dieser Perimeter wird sich gut entwickeln und ein spannendes, neues städtebauliches Ensemble ergeben, ohne dass der historische Aspekt negiert wird. Die historische Stadt bleibt und wird um die Stadt des 21. Jahrhunderts ergänzt.

Was machen Sie jetzt?

Ich hatte 21 Jahre extrem Freude an meinem Job und habe mich auch sehr gefreut, dass ich zwei Jahre länger arbeiten konnte. Es fällt mir nicht leicht, mein Büro zu räumen. Ich freue mich, dass ich einen jungen Nachfolger habe. Für mich wird Stadtplanung weiterhin eine grosse Rolle spielen – aber sicher nicht mehr in Basel. Ich verspreche, dass ich nicht aus dem Sofa heraus meine Weisheiten zu Stadtplanung und Architektur zum Besten gebe. Es gibt andere Möglichkeiten, wie man das machen kann.

An was denken Sie?

Ich habe mein Pensum in den letzten zwei Jahren schon leicht reduziert und habe mich bereits ausserhalb von Basel in zwei Projekten engagiert: in der Entwicklung des Expo-Areals in Biel und eines Areals im Kanton Zug. Dabei habe ich die Rolle eines Moderators zwischen grossen, privaten Investoren und der öffentlichen, politischen Körperschaft eingenommen.Schweizer Wasserstrom dürfte durch den Eurokurs weiter unter Preisdruck geraten

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