Wer das unscheinbare Wohnhaus an der Bruderholzallee betritt, findet sich sogleich einige Jahrzehnte in der Schweizer Geschichte zurückversetzt. Hier, wo Karl Barth bis zu seinem Tod, 1968, wohnte, arbeitete und las. Man erwartet fast, den Theologen in seinem Lehnstuhl beim Lesen eines der Bücher zu überraschen, die noch immer an ihrem Ort stehen.

Dieses Haus, so belebt es immer noch scheint, beheimatet heute das Archiv der Karl-Barth-Stiftung, welche sich um die Edition und Erhaltung des Werks von Barth bemüht. Diese Arbeit soll in Zukunft durch das neu gegründete Karl-Barth-Zentrum gesichert werden, das am Donnerstag offiziell eröffnet wird. Das Zentrum wird in Zusammenarbeit der Karl-Barth-Stiftung und der Theologischen Fakultät der Uni Basel geführt und hat zum Ziel, das Werk Karl Barths wieder stärker in den öffentlichen Fokus zu rücken und sein geistiges Erbe auch in der Wissenschaft und Lehre neu aufzurollen.

Gesichert ist die Finanzierung durch die grosszügige Geste der Grossfamilie Barth, die der Stiftung das Haus auf dem Bruderholz geschenkt hat, durch Eigenmittel der Stiftung selbst und mittelfristig auch durch den Schweizerischen Nationalfonds. Doch auch die Universität wird sich engagieren müssen. Ziel sei es, einen langfristigen Beitrag für die Aufarbeitung der reformierten Tradition zu leisten.

Karl Barth mit dem amerikanischen Bürgerrechtler Martin Luther King, Mitte, in Princeton am 29. April 1962.

Karl Barth mit dem amerikanischen Bürgerrechtler Martin Luther King, Mitte, in Princeton am 29. April 1962.

Georg Pfleiderer, Professor für Ethik an der Uni Basel, ist sich bewusst: «Was uns anvertraut wurde, ist ein grosser Schatz, den es nun zu pflegen und auszustellen gilt». Dieser Arbeit nimmt sich das Zentrum nun an: Mit Editionen, universitären Lehrveranstaltungen und Konferenzen soll Basel noch stärker als bisher zu einem der international relevanten Standorte der Barth-Forschung werden und damit einen Namen ehren, der mit der Stadt aufs Engste verbunden ist.

Zwischen Bibel und Tageszeitung

Karl Barth war nie ein bequemer Zeitgenosse – weder theologisch, noch politisch. Er war bekannt für seine pointierten und kompromisslosen Aussagen über Gott und Gesellschaft und für seine harsche Kritik an jeglicher Art von Ideologie. Als Mitglied der «Bekennenden Kirche» in Deutschland war er ein wichtiger Kritiker des NS-Regimes: ein Protest, der ihm anders als vielen zwar nicht das Leben, aber doch die Lehrerlaubnis kostete.

Von solcher Zivilcourage, meint Georg Pfleiderer, kann man auch heute lernen: «Die Gefahr vor Ideologien und undifferenzierte öffentliche Debatten fordern klare Worte. Um diese war Barth nie verlegen». Sicherlich hätte er sich auch zum aktuellen Tagesgeschehen geäussert, denn der Theologe war alles andere als ein Schreibtisch-Akademiker. Zum Frühstückskaffee soll er jeweils zwischen den Seiten der Bibel und denen einer Tageszeitung hin und her geblättert haben. «Karl Barth auf seine dogmatischen Entwürfe zu reduzieren wäre eine fatale Engführung. Was seine Theologie ausmacht ist, dass er sich in seinen Texten intensiv mit der Welt auseinandersetzte, in der er lebte», meint Pfleiderer – und diese Texte sprechen noch immer zu uns.

Provokant sind sie damals wie heute. So ist auch der Titel der Zentrumseröffnung treffend gewählt: Zum Thema «Provozierende Theologie!» halten Barth-Experten am 22. Mai Vorträge über den Basler Querdenker.

Kein «Kult» um die Ikone

Ein Provokateur, das war Barth wahrscheinlich schon als Student. Spätestens aber in seiner Vikariats- und Pfarrzeit machte er sich schweizweit einen Namen: Um den 1. Weltkrieg herum war er als der «rote Pfarrer von Safenwil» bekannt. Während des 2. Weltkriegs forderte er entschieden eine mutigere Politik für die Flüchtlinge und nach dem Krieg verärgerte er viele mit seiner Kritik an einem ideologischen Anti-Kommunismus.

Aber auch kirchenintern warnte er vor Starrköpfigkeit: «Etwas besonderes an der Position Barths ist, dass er von den Gläubigen stets gefordert hat, sich von Gott selbst korrigieren zu lassen, und so auch seinen eigenen Standpunkt immer wieder hinterfragen liess». Gegen eine doktrinäre Rezeption seiner Gedanken hätte sich deshalb wohl gerade Karl Barth selbst am deutlichsten gewehrt: Das neue Karl-Barth-Zentrum möchte keinen Personenkult betreiben, und die Theologie der reformierten Ikone durchaus auch kritisch hinterfragen.