Katholische Kirche
Seelsorge am Rhein: Ein rotes Sofa lädt zu Begegnungen ein

Die Römisch-Katholische Kirche Basel-Stadt will mit einem roten Sofa am Rheinufer Menschen zu Gesprächen einladen. Wer profitiert von diesem Angebot? Ein Augenschein vor Ort.

Samanta Siegfried
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Das rote Sofa am Basler Rheinbord.

Das rote Sofa am Basler Rheinbord.

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Am Kleinbasler Rheinufer, auf Höhe der Münsterfähre, steht seit Juni an manchen Tagen ein rotes Ledersofa. Darauf sind drei Kissen verteilt mit der Aufschrift «Wir haben Zeit», und «wir hören zu». Geschützt von Lindenbäumen und mit Sicht auf den Rhein ist es ein idealer Platz, um zu verschnaufen, zu verweilen und - zu reden.

Genau das sei das Ziel, sagen Sarah Biotti, 45, und Brigitte Horvath, 51. Die beiden Frauen sind Theologinnen der Römisch-Katholischen Kirche Basel-Stadt (RKK), beide hauptsächlich in der Seelsorge tätig. Je nach Wetter hieven sie zweimal wöchentlich das Sofa von dem RKK-Verwaltungsgebäude, das direkt dahinter liegt, an das Rheinufer. Rund zehn Mitarbeitende sind im Turnus dafür im Einsatz.

«Wir wollen damit niederschwellig auf die Menschen zugehen, anstatt zu warten, dass sie zu uns in die Kirche kommen»,

sagt Biotti, von der die Idee für das Projekt stammt.

An diesem Dienstagvormittag im Juli nähern sich die Passantinnen und Passanten dem Sofa nur zögerlich. Viele blicken kurz hin, manche bleiben stehen und schauen auf den aufgestellten Notenständer auf dem ein Blatt Papier liegt mit der Frage: «Wovon träumen Sie?», und gehen wieder weiter. Ein Hund schnuppert ausgiebig an Frau Biotti, ein Rentnerpaar bleibt für einen kurzen Schwatz stehen. Einmal geht eine Frau vorbei und macht ein Kompliment: «Das sieht aus wie ein Ort, an dem man zur Ruhe kommen kann, super Idee.» Dann erzählt sie von ihrer Hüftoperation und dass sie sich seither darin üben müsse, mehr Zeit zu nehmen und Ruheinseln zu schaffen.

Von Verlusten und Katzenfutter

Das rote Sofa ist bereits das zweite Jahr am Rheinufer präsent. Gestartet ist es im Frühjahr 2020, just in der Zeit, in der die Coronapandemie die Schweiz in den Shutdown zwang. Zum richtigen Zeitpunkt, wie Biotti findet. «Viele Menschen waren damals noch einsamer als zuvor.» Durchschnittlich drei Begegnungen seien vergangenes Jahr in den verfügbaren zwei Stunden zustande gekommen. Für Horvath und Biotti ist jede einzelne ein Erfolg: «Wir wollen den Menschen unsere Zeit schenken.» Dass damit gleichzeitig für die katholische Kirche geworben wird, sei nur ein «positiver Nebeneffekt», betonen sie.

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Auch stünden nicht zwangsläufig kirchliche Themen im Vordergrund der Gespräche, alles habe Platz: «Manche verarbeiten ihren Verlust über geliebte Menschen bei uns, andere sind arbeitslos und suchen Perspektiven. Einmal wollte eine Frau nur wissen, wie sie am besten ihre Katze füttern soll», erzählen die Theologinnen. Geblieben ist Horvath die Begegnung mit einer Bettlerin aus Rumänien, die sich hingesetzt habe, nur wenige Minuten. «Wir haben uns mit Händen und Füssen verständig, aber mir schien, dass sie sich für eine kurze Zeit nicht mehr nur als Bettelnde gefühlt hat.»

Zweifel gegenüber der Kirche

Schliesslich geht es heute dann doch vor allem um die katholische Kirche: Eine Frau mit einem Kinderanhänger geht vorbei, liest die Frage auf dem Notenständer, geht zielstrebig auf die beiden Frauen zu und sagt: «Also ich träume von einem Körpergefühl wie ich es als Zwanzigjährige hatte.»

Als sie hört, dass hinter dem roten Sofa die katholische Kirche steht, sagt sie: «Oh, ich bin auch katholisch, aber das ist heute kein einfaches Unterfangen mehr.» Dann beginnt sie zu erzählen: Von ihren Kindern, die sie katholisch erzogen hatte, die nun aber aus der Kirche ausgetreten sind und ihren Enkelkindern, eines davon sitzt in dem Kinderanhänger, die ohne Konfession aufwachsen.

«Ich finde das schade, aber ich kann es verstehen. Ich fühle mich der katholischen Kirche auch nicht mehr so nah wie früher»,

sagt die Passantin. Die beiden Theologinnen nicken verständnisvoll, gehen aber nicht darauf ein. Sie verhalten sich geradezu zurückhaltend, greifen nicht in das Gespräch ein und warten ab, bis sie mit ihrer Erzählung fortfährt: Wie in ihrer Heimat Bochum die Kirchen stürben und stattdessen Cafés reingebaut werden, und wie auch sie sich ihre spirituelle Begleitung vermehrt anderswo suche, etwa beim Pilgern.

Rund eine halbe Stunde dauert das Gespräch, das sich jedoch im Stehen abspielt. Das sei keine Seltenheit, sagen Horvath und Biotti: «Das Sofa dient manchmal nur als Anziehungspunkt.» Was macht ein solches Gespräch, in dem Zweifel gegenüber der katholischen Kirche zum Ausdruck kommen, mit ihnen? «Der Mitgliederschwund ist eine Tatsache», räumt Biotti ein und meint: «Manchmal muss man wohl den Mut haben, alte Strukturen loszulassen und prüfen, wo wir als Kirche das Potenzial haben, uns einzubringen.» Zum Beispiel mehr aufsuchend, etwa im Bereich der sozialen Arbeit. Oder eben am Rheinufer, bei Gesprächen auf einem roten Ledersofa.

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