Wie war es für Sie als Expat ein Stück über Expats zu sehen?

Kathy Hartmann-Campbell: Das Stück hat mich nachdenklich und traurig gestimmt. Dass es um Schweizer geht, die Expats sind in Shanghai, ist eine Umkehrung meiner Position als Expat in Basel. Aber als jemand, der sich für Expats einsetzt, beschäftigt mich am meisten, was dieses Theaterstück für eine Wirkung hat auf die Art und Weise, wie Expats hier wahrgenommen werden.

Welches Expat-Bild vermittelt das Stück Ihrer Meinung nach?

Alles in allem hinterlässt es einen überwiegend negativen Eindruck. Offenbar beruhen die meisten Texte auf Interviews mit Expats, die noch kein Jahr in Shanghai sind. Das habe ich gespürt. Die Interviewten stecken noch mitten im Kulturschock, einer sehr negativen Phase. Was mir gefehlt hat, sind wirkliche Begegnungen mit der lokalen Bevölkerung. Bis auf die Männer, die fremdgehen und zwei Arbeitstätige, die Schwierigkeiten mit lokalen Gepflogenheiten haben, hatte ich nicht das Gefühl, dass diese Expats schon echten Kontakt zu den Einheimischen hatten.

Sie haben während des Stücks trotzdem häufig gelacht, was fanden Sie komisch?

Vielleicht fühlte ich auch ein wenig Schadenfreude darüber, dass Schweizer dieselben Probleme erleben, die mir hier manchmal nicht zugestanden worden sind. Das Phänomen des Kulturschocks ist allgemeingültig.

Was ist ein Kulturschock genau?

Es ist eine Stressreaktion. Es gibt eine Kurve, die alle Ausländer mehr oder weniger intensiv durchlaufen; das ist normal, wissenschaftlich recherchiert.

Welche Schockphasen sind das?

Es beginnt mit der Honeymoon-Phase: Man findet alles Neue toll, hat Freude am Entdecken. Danach folgt eine Angstphase: Es kommt zu ersten Begegnungen, bei denen Erwartungen aufeinanderprallen, man etwas falsch macht oder brüskiert wird. Das löst Stress aus. Die Energie nimmt ab, man merkt, dass das neue Leben auch schwierig ist. Dann kommt Phase drei: Ablehnung. In dem Moment wird oft ein Aufenthalt abgebrochen. Oder man zieht sich zurück in die eigenen vier Wände. Es gibt Expat-Ghettos, in denen die Leute in dieser Phase verharren und einander in der Meinung bestätigen, dass alles schlecht sei an diesem Ort.

Viele Expats verkehren fast ausschliesslich mit ihresgleichen.

Es ist natürlich, dass man sich mit den Leuten austauschen möchte, die am besten verstehen, was man selbst durchlebt. Das kann am Anfang hilfreich sein. Aber es ist schade, wenn man in einem Expat-Bubble hängen bleibt. Das kann einen daran hindern, Kontakt mit der lokalen Gesellschaft aufzunehmen. Die Sprachbarriere spielt auch eine Rolle. Dass Schweizer Expats Englisch sprechen und selten Chinesisch, war auch eine Anspielung auf die Erwartung, dass alle Expats hier Deutsch lernen.

Sollten Expats denn kein Deutsch lernen müssen?

Expats reden die internationale Sprache Englisch, die meisten nicht als Muttersprache, sondern als Zweit- oder Drittsprache. Fasst alle Schweizer können Englisch, man kann das Leben hier auf Englisch bewältigen, sich integrieren. Ich plädiere nicht gegen Deutsch, aber die Diskussion muss differenzierter stattfinden.

Eine Schauspielerin verkörperte ihr Pendant. Sie geben auch Crashkurse in Sachen Schweizer Kultur.

Ja, aber diese Frau war ziemlich brutal (lacht). Ich gebe seit rund 20 Jahren öffentliche Workshops zum Thema Kulturschock, damit Betroffene nicht meinen, sie würden wahnsinnig. «Typically Swiss» ist ein Crashkurs in Schweizer Kultur. Und ich mache interkulturelle Trainings für Leute, die her- oder wegziehen. Ich bin ein «intercultural generalist»: Zentral ist für mich, das Bewusstsein für die eigene kulturelle Prägung zu wecken. Die Chance, für dieses Thema zu sensibilisieren, ist mit dem Stück vielleicht verpasst worden.

Der erste Schritt ist also nicht das Einlesen in die andere Kultur, sondern sich seiner eigenen kulturellen Prägungen bewusst zu sein?

Genau. Das Wichtigste ist, zu realisieren, dass es keine absolute Wahrheit gibt, die ist relativ. Aber kulturelle Prägung funktioniert so, dass man unbewusst die eigene Kultur als einzig wahre Grundlage voraussetzt über richtig und falsch, darüber was sich gehört und was nicht.

Aber der kulturelle Unterschied zwischen den USA oder Deutschland und der Schweiz ist sehr klein.

Je kleiner diese Unterschiede sind, desto grösser kann der Kulturschock sein – gerade weil man nicht darauf gefasst ist. Das merkt man an den aktuellen Spannungen zwischen Schweizern und Deutschen.

Was müssen Neuzugezogene unbedingt über die Schweiz wissen?

Eine der Hauptbotschaften ist, dass Kultur eine Medaille ist mit einer hellen und einer dunklen Seite. Ausländer in der Schweiz beschweren sich oft über die vielen Regeln und Verbote. Aber wenn ich frage, was sie toll finden hier, sagen fast alle: Es ist alles so organisiert, so sauber. Diese zwei Sachen gehören zusammen. Im Kulturschock neigt man dazu, sich nur an die schöne Seite des Herkunftslands zu erinnern und nur die dunkle Seite des Gastlands zu sehen.

Was lindert einen Kulturschock?

Ich empfehle den Leuten, von Anfang an Aktivitäten in ihr Leben einzubauen, die sie toll finden und nur hier tun können: Zum Beispiel in die Berge zu gehen oder in eine Lieblingsbeiz im Quartier. Wenn es mir schlecht geht, ist es wieder mal Zeit, eine Wanderung auf den Wasserfallen zu machen. Um wieder eine positive Perspektive auf das Hiersein zu haben. Mit meinem in Basel unerfüllbaren Verlangen nach dem Meer könnte ich mich kaputtmachen. Oder ich kann im Rhein schwimmen oder in Rheinfelden ins Salzbad liegen.

Litten Sie auch unter einem Kulturschock, als Sie vor 31 Jahren von Connecticut via New York nach Basel zogen?

Ganz heftig. Ich habe zu viel von meiner Identität aufs Mal aufgegeben. Ich habe schnell Dialekt gelernt mit der Erwartung, dass dann alles gut sein wird. Als das kein Allheilmittel war, löste das eine grosse Krise aus. Ich hatte Panikattacken und musste mir eingestehen, dass ich Hilfe brauche, um da rauszukommen.

So heftig kann ein Kulturschock sein?

Ja, das ist nicht sehr bekannt, aber ein Kulturschock kann zu Depressionen, zum Nervenzusammenbruch, sogar bis zum Suizid führen. Ich war zuvor alleinstehend, hatte einen guten Job in New York, stand erfolgreich im Leben. Als ich hierherkam durfte ich zunächst nicht arbeiten, gab meine Unabhängigkeit, meine Sprache auf. Und ich hatte Erwartungen an mich und die Umwelt, die zu hoch waren. Ich wusste noch nichts von Kulturschock, hatte das Gefühl zu versagen.

Wie haben Sie das überwunden?

Ich musste mich intensiv mit mir auseinandersetzen, meine Werte überprüfen, um mich wieder neu zu erfinden hier. Im Nachhinein war das ein Geschenk.

Wir alle sehnen uns nach Anerkennung. Als Begleitperson ist es in einer Millionenstadt wie Shanghai, wo man sowieso nur ein Pünktchen ist, vermutlich noch schwieriger.

Ja. Darum gibt es auch so Clubs, in Basel zum Beispiel den American Women’s Club...

Wenn man mal berufstätig war, ist es doch ein Horror, ersatzweise einen Hausfrauenclub zu besuchen.

Es kann einen ersten Halt geben. Am Anfang ist man am neuen Ort wirklich niemand, und niemand zu sein ist ganz schön bedrohlich. Von einem ersten Fundament aus kann man den Rest der Stadt und ihre Bevölkerung entdecken.

Immerhin gelten Expats als die guten Ausländer – gebildet, kultiviert.

Das ist vor allem finanziell gedacht, Expats sind gute Steuerzahler. Die meisten sind gut gebildet und können schnell zur Gesellschaft beitragen – dafür setze ich mich ein. Eine trennende Sichtweise behindert aber das Potenzial, das bei allen vorhanden ist. Alle Ausländer, die hier leben, sind ein Teil dieser Gesellschaft. Ich habe auch schon Sachen erlebt, die mir eine Ahnung davon geben konnten, wie es sein könnte, wenn ich sichtbar anders wäre. Als fremd wahrgenommen und ausgegrenzt zu werden, hilft nicht. Auch unterprivilegierte Ausländer sollte die nötige Unterstützung bekommen, um langfristig zur Gesellschaft beizutragen.

Expats waren lange kein grosses Thema, aber seit einiger Zeit bekommen sie immer mehr Aufmerksamkeit, woher kommt das wohl?

Es gab hier schon vor 31 Jahren Expats, aber sie waren absolut kein Thema. Im Herbst 2009 organisierte eine Frau im Unioin eine Podiumsdiskussion anlässlich ihrer Lizarbeit über Expats. Thomas Kessler von der Stadt hielt die Begrüssungsrede, die Presse kam etc. Das löste einen Schneeballeffekt aus. Seither habe ich viele Interviewanfragen bekommen, ein «Zeit»-Artikel bescherte mir den Titel «Übermutter aller Expats»...

Jetzt kommen auch kritische Fragen auf, nach Steuerprivilegien etc.

Von Steuerprivilegien weiss ich nur von Zug, aber diese geniessen auch Leute wie Daniel Vasella. Das hat mit Steuerpolitik für Reiche generell zu tun, nicht mit Expats. Und nicht die Expats treiben die Mietpreise in die Höhe, sondern alle die hier etwa in der Pharmabranche gut verdienen.

Zurück zum Theaterstück «Expats». Wie hat Ihnen die Inszenierung der Interviews gefallen?

Man wird aus der «Comfort-Zone» der normalen Theaterumgebung gezogen. Das spiegelt die Erfahrung eines Expats. Zwischendurch wartet man, weiss nicht, was passieren wird, sitzt auf Klappstühlen: Das ist unangenehm und lustig gleichzeitig. Man ist in dieser Welt dabei und doch nicht dabei, das ist genau meine Erfahrung als Expat.


Die BZ und das Theater Basel organisieren am 8. Mai im Hotel Dorint die Podiumsdiskussion «Moderne Nomaden» anlässlich des Stücks «Expats».

Was sagt ein Ökonom zu einem Wirtschaftsdrama, was die Slawistin zu einem russischen Stück, was ein Theaterurgestein zu modernster Theaterästhetik? In der Serie «im Theater mit» besucht die bz verschiedenste Stücke mit verschiedensten Menschen und spricht danach darüber.

Im Theater mit der bz

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