Frau Reichenstein, worüber reden wir?

Katja Reichenstein: Über Treue.

Ist sie Ihnen wichtig?

Ja, sehr. Den Begriff verbinden viele Menschen mit der Partnerschaft. Viel wichtiger finde ich aber, dass man sich selber treu bleibt. Dann lässt sich auch besser mit der Untreue umgehen, wie sie im klassischen Sinne verstanden wird. Viele fühlen sich verraten und nehmen es persönlich. Wir Menschen sind aber unterschiedlich, Untreue kann vorkommen. In einer Paarbeziehung wie in Freundschaften.

Das Selbst ist also die einzige Konstante im Leben? Das klingt traurig.

Das finde ich gar nicht. Wer sich selber vertraut, ist Krisen gegenüber aufgeschlossener. Es entspannt, wenn man Dinge nicht persönlich nimmt und sich dafür die Schuld gibt. Diese Haltung macht auch nicht einsam oder selbstbezogen. Sie verbindet viel eher. Menschen, die ihre eigenen Werte verfolgen und wissen, wer sie sind, fällt es einfacher, sich zu öffnen.

Welchen Werten sind Sie treu?

Ehrlichkeit, anderen Meinungen gegenüber tolerant zu sein, sich selbst kritisch zu hinterfragen und so wenig Vorurteile walten zu lassen wie möglich. Auch versuche ich, vom Guten in den Menschen auszugehen. Einige sagen, das sei naiv. Ich halte mich aber lieber daran und trete mit den Personen in Kontakt. Einer meiner Werte ist auch, Personen anzunehmen, die komplett anders als ich funktionieren.

Wann fällt Ihnen das schwer?

Vorurteile entstehen bei mir, wenn Leute versuchen, etwas zu übertünchen oder respektlos sind. Zum Beispiel, wenn sie extrem laut sind oder Abfall liegen lassen. Das sind Themen, die mich am Hafen direkt betreffen. Bei Autofahrern, die mit aufgemotzten Karren und dröhnender Musik an die Uferstrasse fahren und Littering betreiben, denke ich schon mal: Oje, ihr seid arme Jungs, die ein Statussymbol für ihre Selbstbestätigung brauchen. Ertappe ich mich bei solchen Gedanken, muss ich mir sagen: Katja, entspann dich, du weisst nichts über sie.

Wie treu sind Sie?

Ich bin ein extrem treuer Mensch, erwarte aber nicht dasselbe von den Menschen, die ich liebe. Das mag ein wenig absurd klingen, aber ich kann in einer Beziehung leben, in der nicht beide die gleiche Haltung zu Treue haben. Damit das funktioniert, muss ich aber ehrliche Grundgefühle mir gegenüber spüren. Kann ich mich darauf verlassen und weiss, dass die Person alles für mich macht, bin ich sehr tolerant. Auch bei Freundschaften: Jeder durchlebt Zeiten, die mal stressig sind und in denen Freunde weniger Platz haben.

Besteht nicht die Gefahr, selber unter die Räder zu kommen, wenn man sich so stark zurückstellt?

Diese Sorge hat eher mein Umfeld. Es weist mich immer wieder daraufhin, dass ich zu mir schauen muss. Ich kann aber in kurzer Zeit auftanken und mich neu ordnen. Zudem sage ich immer klar, wenn mir etwas nicht passt. Sich selber treu zu sein, hat nichts mit Selbstlosigkeit zu tun, sondern ist der gesündeste Egoismus, den man leben kann. Ich dachte auch nicht immer so. Bis ich etwa 30 Jahre alt war, hatte ich immer das Gefühl, gegen Ungerechtigkeit kämpfen zu müssen.

Wogegen haben Sie gekämpft?

Gegen Rassismus. Gegen Politik, die nicht in mein System passte. Gegen Menschen, die Sachen kaputt machen oder grundsätzlich respektlos waren. Da konnte ich zu einer Furie werden.

Wie hat sich das gezeigt?

Während meiner Ausbildung als Krankenschwester habe ich in Zürich Häuser besetzt. Bereits als Kind begleitete ich meine Eltern, um gegen das Atomkraftwerk in Kaiseraugst zu demonstrieren. Den Protest habe ich im Blut. Als Jugendliche kämpfte ich im Überschwang. Irgendwann realisierte ich: Wer so auftritt, schreckt ab.

Das ist der Gegenschnitt zu dem, was Sie heute leben: anderes Denken zu tolerieren.

Ich habe gemerkt, dass mich die Leute nicht ernst nahmen, wenn ich zu kämpferisch war. Meine jetzige Haltung verstehe ich nicht als Bruch zu früher, sondern als logische Konsequenz. Ich stehe immer noch für Minderheiten ein, gegen Gewalt oder gegen die Zerstörung der Natur. Aber in einer anderen Art und Weise: Es hilft, die Beweggründe der Gegenseite herauszufinden, anstatt sie einfach als doof oder repressiv abzustempeln. Bewusst zu kommunizieren bewirkt mehr, als nur laut zu sein.

Hausbesetzungen und Demos bringen nichts?

Nein, das wäre verkürzt. Das Problem ist, dass viele Menschen nur mitlaufen und durch blinde Zerstörungswut die gute Message kaputt machen. Auf leer stehende Häuser, auf Freiräume oder auf zu hohe Mieten aufmerksam zu machen, finde ich nach wie vor wichtig. Aber ein paar wenige Vandalen ruinieren die Botschaft. Davon hatte ich die Nase voll. Wer Häuser zerstört oder überall das Anarchiezeichen sprayt, erntet bloss Unverständnis – und erreicht nichts.

Als Sie mit «Shift Mode» gestartet waren, hagelte es Kritik – aus einer ähnlichen Szene, der Sie früher in Zürich angehörten. Hat sie das überrascht?

Wir merkten relativ rasch, dass wir naiv an die Sache herangegangen sind. Die Stadt hat uns ein Stück weit als Prellbock eingesetzt. Genauso versuchten uns aber auch gewisse Besetzer für ihre Zwecke einzuspannen. Das alles ist in einem solch hohen Tempo passiert, dass wir überrumpelt waren.

Hat es Sie verletzt, dass man Ihnen Verrat vorgeworfen hat?

Es hat mich eher erschüttert. Dieser Vorwurf kam von Menschen, die ein solches Unterfangen nie auf sich nehmen würden. Sie konnten es sich nicht vorstellen, dass wir keine kapitalistischen Absichten verfolgen. Denn: Wir haben einen Vertrag mit der Stadt – und wir haben uns nicht offenkundig mit dem Wagenplatz solidarisiert. Diese zwei Punkte reichten für manche, um anzunehmen, dass wir finanziell unterstützt oder aus reichem Elternhaus kommen würden. Beides stimmt nicht.

Wieso sind Sie diesem Projekt dennoch treu geblieben?

Das hat viel mit unserem gut funktionierenden Team zu tun. Bis heute finden wir es wunderschön, einen Ort zu gestalten, wo sich Menschen frei bewegen können. Wir wollen solche Ideen umsetzen und nicht nur davon sprechen. Dafür verkaufen wir weder unsere Seelen noch unsere Wertvorstellungen, sondern suchen nach Lösungen. Das hat sich gelohnt. Auf dem Platz ist es viel ruhiger geworden. Wer sich selber treu bleibt, kann auch mit Widerstand umgehen.