Firmenkultur

Katrin Sontag findet es in der Schweiz entspannter

Katrin Sontag.

Katrin Sontag.

Die Kulturanthropologin lehrt und forscht zurzeit an der Universität Basel und versteht das Duzen als Kritik an einer traditionellen Unternehmenskultur.

Die Kulturanthropologin Katrin Sontag lehrt und forscht zurzeit an der Universität Basel zu Mobilität, Unternehmenskultur und Migration mit den Schwerpunkten Arbeitsmigration, Bildung und Flucht. Sie arbeitet auch selbstständig als Organisationsberaterin und Coach. Ihre Forschung zu Startup-Unternehmen hat ihr vertiefte Einblicke in diese jungen Firmen erlaubt.

Frau Sontag, setzt sich das Duzen in jungen, urbanen Unternehmen besonders durch?

Katrin Sontag: Ja, absolut. Manche dieser Unternehmen haben sehr junge Gründerinnen und Gründer, oder sie entstehen aus dem Uni-Kontext, in dem das Duzen üblich ist. Manche entstehen aus Bekanntenkreisen. Die Teams möchten, auch wenn sie grösser werden, einen freundschaftlichen Umgang miteinander haben. Einige arbeiten stark international, es läuft also alles per «you» und ist von dem Modell amerikanischer Startups inspiriert. Die englische Anrede hat einen Einfluss. Bei uns in der Universität stellt sich manchmal die Frage, ob man ältere Kolleginnen und Kollegen, die man in Konferenzen auf Englisch mit Vornamen anspricht, dann auf Deutsch siezt oder duzt. In anderen Branchen oder internationalen Kreisen ist das weniger kompliziert. Da wird einfach das Du auch auf Deutsch übernommen. In jedem Fall gibt es eine Szene junger Unternehmen, in der das Du selbstverständlich ist.

Was repräsentiert denn das Du in einem Unternehmen?

In der Art und Weise wie sich einige junge Unternehmen aufstellen und in ihrer Unternehmenskultur äussert sich ein kritischer Gegenvorschlag zu traditionelleren Unternehmen. Ihre Kritik bezieht sich auf zu starre und komplexe Strukturen, Hierarchien, Arbeitsabläufe und Umgangsformen. Sie setzen diesen Formen eine sehr mobile, entgrenzte Lebens- und Arbeitsform entgegen. Freiheit, Leidenschaft, Spass, Selbstverantwortung, Flexibilität sind wichtige Faktoren. Das äussert sich in flachen Hierarchien, flexibleren Arbeitszeiten, flexibleren Aufgabenbereichen, und eben einem lockeren Umgang miteinander, der sich in legerer Kleidung und auch dem Du zeigt.

Warum führen auch traditionelle Unternehmen jetzt das Du ein?

Viele Startups beginnen gleich mit dem Du; dort ist das häufig selbstverständlich. Ich kann mir vorstellen, dass traditionellere Unternehmen, die das Du nun einführen, ein stückweit an diese Kultur der jüngeren Unternehmen anknüpfen möchten. Diese Umstellung trägt zu einem bestimmten Image nach aussen bei, denn auch traditionelle Unternehmen müssen heute gezieltes Employer Branding betreiben, sich also attraktiv für bestimmte neue Mitarbeitende präsentieren. Gleichzeitig kann es aber auch darauf abzielen, Hemmschwellen abzubauen, Kommunikation zu vereinfachen und Nähe oder Zusammenhalt im Unternehmen zu stärken.

Eine solche Umstellung muss sicher mit Fingerspitzengefühl passieren, denn die Frage ist, ob wirklich alle Mitarbeitenden, die sich seit Jahren siezen, diese Distanz, die das Sie schafft, aufgeben möchten.

Wenn schon traditionelle Unternehmen wie Banken das Du einführen, hat die «Revolution» dann funktioniert?

In Schweden konnte man das vor rund 50 Jahren beobachten. Der Direktor einer nationalen Behörde machte den Schritt und führte das Du ein. Das hatte eine starke Wirkung. Kurz danach begannen alle sich zu Duzen. Es wäre also denkbar, dass so eine «Du-Revolution» angeregt werden kann. Allerdings war das damals in Schweden sicher ein schwierigeres Thema als heute im deutschsprachigen Raum. Für eine Revolution braucht es genug Leidensdruck oder Unterstützung. Ich denke nicht, dass der im deutschsprachigen Raum stark genug ist für eine vollkommene Umstellung auf das Du, auch wenn es sicher vieles einfacher machen würde. In der Schweiz wäre noch zu bedenken, dass die Revolution nicht nur für Deutsch stattfinden müsste.

Merken Sie einen Unterschied zwischen der Schweiz und Deutschland, was das Duzen angeht?

Mein Deutsch habe ich in Norddeutschland gelernt. Ein Umzug nach Berlin war mein erster sprachlicher Kulturschock: So schnell kam man mit Menschen auf der Strasse in Kontakt und so schnell wurde geduzt, gerade unter jüngeren Leuten, die sich derselben Generation angehörig fühlten. Aber auch allgemein wurde besonders in hipperen Stadtvierteln in Cafés, Kneipen, Restaurants und Geschäften geduzt. Gleichzeitig werden in traditionelleren Umfeldern die alten Formen geschätzt; zum Beispiel werden Personen mit all ihren Titeln angeschrieben. Das kommt mir in der Schweiz entspannter vor. Auch jenseits von Szenevierteln erlebe ich schnell das Duzen. Noch verbreiteter erscheint es mir, wenn mehrere Personen angesprochen werden. Es braucht immer ein bisschen Finger-
spitzengefühl, um schnell herauszufinden, welche Bedeutung dem Du oder Sie auch innerhalb einer Sprache gegeben wird, je nach Region, Alter, gesellschaftlichem und beruflichem Umfeld.

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