Findelkinder
Katzenheim-Leiterin Yvonne Frey: «Dieser Fall zeugt von grosser Herzlosigkeit»

Glück im Unglück für die ausgesetzte Katze Farah: Sie brachte am Dienstagmorgen im Katzenheim Muttenz drei Junge zur Welt.

Rahel Koerfgen
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Yvonne Frey und das Katzenheim in Muttenz.
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Farah und ihre drei Kleinen.
Am Dienstagmorgen kamen die drei Kleinen zur Welt.
Die Drei kamen – wohl Stress bedingt – ein wenig früh zur Welt.
Yvonne Frey, Leiterin des Katzenheims in Muttenz, pflegt Farah und ihre drei Jungen die kommenden Wochen.
Nicht alle Katzen die ins Heim kommen werden ausgesetzt. «Viele bringen es uns und erklären sich, warum sie es nicht mehr halten könnten. Wir erwarten aber keine Rechtfertigung.»
Die zwei Katzen wurden in Kleinhüningen zwischen Müll und Sperrgut entsorgt.
Die ausgesetzte trächtige Farah lebt jetzt im Tierheim in Muttenz.
Der Untersuch beim Tierarzt enthüllte, dass Farah trächtig ist.

Yvonne Frey und das Katzenheim in Muttenz.

Martin Toengi

Yvonne Frey öffnet die Tür zum Katzenkäfig und streichelt Farah behutsam hinterm Ohr. Worauf diese ein lautes «Miau» von sich gibt. Das etwa einjährige, schwarze Tier mit schöner weisser Zeichnung hat soeben zwei Junge zur Welt gebracht, das dritte ist unterwegs. «Ja, manchmal fällt es mir schwer, an das Gute im Menschen zu glauben», sagt Frey, während sie eines der Kleinen in Zitzenposition bringt.

Frey ist die Leiterin des Katzenheims des Tierschutzbunds Basel Regional in Muttenz; vergangenen Freitag landete Farah – so wurde sie vom Katzenheim getauft – hier. Eingesperrt in einer Transportbox wurde sie auf einer Sperrmüllhalde in Kleinhüningen entsorgt und nur durch Zufall von einem Passanten entdeckt.

«Dass eine Katze ausgesetzt wird, erleben wir immer wieder. Aber dieser Fall zeugt von grosser Herzlosigkeit, da das Risiko bestand, dass die Katze nicht gefunden wird und im Käfig qualvoll verendet. Das kommt nur zwei bis drei Mal im Jahr vor.»

Zudem sei das Tier ja trächtig gewesen. Schockiert ist Frey aber nicht: «Man härtet mit der Zeit ab.» Sie sei froh, dass es Farah gut ginge. Frey schliesst den Käfig wieder, den sie im Sekretariat platziert hat. «Farah kann jetzt noch nicht zu den anderen Katzen.» Hier habe sie ihre Ruhe.

Viele Streuner in der Region

«Lassen wir Farah, damit sie das dritte Junge auf die Welt bringen kann», sagt Frey, und führt uns durch verwinkelte Gänge in einen anderen Raum, zu den anderen Katzen. Überall Katzenbäume, blinkende Spielbälle, Klettertürme. Und wieder lautes Miauen. Da hat es ein paar ältere Semester, die ob dem Besuch unbeeindruckt bleiben und höchstens den Kopf heben.

Auch solche wie Sophie, eine graue, schwach getigerte Katze. Sie streicht uns sofort ums Bein und schliesst entspannt die Augen, als sie ein paar Streicheleinheiten bekommt. «Zurzeit wohnen 85 Katzen hier», sagt Frey. Normalerweise seien es 70. Wenn Ferienzeit sei, steige die Zahl immer an. Pro Jahr kommen gegen 400 Katzen ins Heim, viele können weitervermittelt werden. «Bei Farah bin ich zuversichtlich, sie ist so eine herzige.»

Frey betont, dass die meisten Katzen im Heim überhaupt nicht verhaltensgestört seien. Wir impfen und kastrieren sie auch und verlangen nur einen kleinen Übernahmebetrag. Die wenigen, denen es nicht gut geht oder die nicht stubenrein sind, behalten wir bei uns.»

Frey erzählt, dass sie froh sei, dass nicht alle Katzenhalter sich ihren Tieren so entledigen wie jener von Farah. «Viele bringen es uns und erklären sich, warum sie es nicht mehr halten könnten. Wir erwarten aber keine Rechtfertigung.» Es gäbe viele Gründe hierfür: zu wenig Zeit, Überforderung, oder Konflikte mit anderen Haustieren.

Ein grosser Teil der Katzen, die ins Muttenzer Heim des Tierschutzbunds kommen, sind auch Streuner. Frey sagt: «In der Region gibt es mehrere hundert.» Wenn es das Katzenheim nicht gäbe, wäre der Streunerbestand viel grösser.

Frey klingt ein wenig frustriert, als sie sagt, dass der Bevölkerung oftmals nicht bewusst sei, was der Tierschutz alles unternehme, eine Art öffentlichen Dienst leiste. «Zum Beispiel nächtliche Einsätze bei Unfällen, die Aufnahme von Tieren aus Wohnungsräumungen oder Kastrations-Aktionen, um die unkontrollierte Vermehrung der Streunerkatzen einzudämmen.»

Trotzdem scheint der Tierschutz zu wenig wichtig zu sein, um bei der politischen Agenda eine Rolle zu spielen: Kantonale finanzielle Unterstützung erhält das Katzenheim keine, «obwohl wir schon mehrmals vorstellig geworden sind»; es ist zu 100 Prozent auf private Spendengelder durch Mitglieder, Gönner und Paten angewiesen.

Glücklicherweise, so Frey, seien die Mitgliederzahlen des Tierschutzbunds in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. «Trotzdem können wir den Betrieb nur knapp aufrechterhalten. Spenden sind immer willkommen.» Ein Einsatz wie jener mit Farah koste schnell mehr als 1000 Franken, da sie vom Tierarzt hatte untersucht werden müssen.

«Aber wissen Sie, wenn man dann sowas Schönes erlebt, ist es die tägliche Chrampferei Wert», sagt Frey, zeigt auf Farah und beugt sich über die Katze, die uns irgendwie stolz in die Augen blickt. Vor wenigen Minuten ist das dritte Junge zur Welt gekommen. Farah beginnt, es vorsichtig sauber zu lecken. Sie und ihre Kleinen haben nochmals Glück gehabt.