Streetart-Meile

Kaum gestaltet, schon verschmiert: Krach in der Basler Graffiti-Szene

350 Meter Wand – der Traum eines jeden Graffiti-Künstlers. Könnte man meinen. Doch an der zur Zeit im Entstehen begriffenen Streetart-Meile entlang des Fussgänger- und Velostegs der Schwaldwaldbrücke hat sich ein schwelender Konflikt in der Sprayerszene neu entzündet.

Entlang der Brücke entsteht zurzeit staatlich bewilligte Streetart. 24 ausgesuchte Kunstschaffende gestalten direkt über dem Rhein Werke zum Thema Wasser. Mittlerweile ist rund die Hälfte der Brücke verschönert. Fertig sein soll die Streetart-Meile Ende September.

Die Behörden machen keinen Hehl daraus, dass die Streetart-Meile einerseits als Aufwertung sehen, andererseits so illegalen Graffiti vorbeugen wollen. Denn die Werke werden am Ende mit einem Speziallack versiegelt, der ein Übersprayen verunmöglicht. Anstatt immer wieder ungewünschte Sprayereien entfernen zu müssen, soll mit geförderten Graffiti-Projekten für Farbe in der Stadt gesorgt werden. Während Sponsoren und private Spender die Künstler entschädigen, unterstützt der Kanton die Streetart-Meile mit rund 50'000 Franken für die Vorarbeiten und Farbe und Material.

Gezielte Sabotageaktion in den frühen Morgenstunden

Dieses Vorgehen ist in der Sprayerszene hoch umstritten, denn so verschwinden Flächen, auf denen sich die Szene austoben konnte. Insofern war allen Beteiligten klar, in welchem Spannungsfeld sich die neue Streetart-Meile bewegt. Die Brücke war während den letzten Tagen auch mit Gittern abgesperrt. Zumal die Werke noch im Entstehen sind. Auch in der Nacht auf gestern Freitag war ein Security im Einsatz. Dieser machte um 6 Uhr morgens Feierabend. In der nächsten Stunde haben dann Unbekannte gewütet. Mehrere Werke wurden von Sprayern mit silberner und schwarzer Farbe verunstaltet. Wenige Stunden, bevor die Streetart-Meile erstmals der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Die Staatsanwaltschaft geht von einem Sachschaden in der Höhe von mehreren zehntausend Franken aus und sucht Zeugen. Einige Werke, die bereits versiegelt sind, können aber wieder hergestellt werden. Bei anderen müssen die Schmiereien in mühsamer Kleinarbeit wieder übermalt werden.

Kurze Zeit nach der Tat erreichte diese Zeitung eine Bekennermail: Die Verfasser thematisieren dabei den Konflikt zwischen illegalen Graffiti und staatlich gewünschter Kunst. «‹Streetartists›, welche Aufträge der Stadt annehmen, sind Teil des Anti-Graffiti-Programms der Stadt. Denn die Flächen, die sie zum Malen bekommen sind ausschliesslich jene an denen ‹illegales Graffiti› vorher störte.» Anstatt zu akzeptieren, dass Graffiti zu einer Stadt dazu gehören, würden Unsummen ausgegeben, um die Illusion von vermeintlicher Sicherheit und Kontrolle aufrechtzuhalten.

Die Aktion sei eine Warnung, schreibt die unbekannte Täterschaft: «Jede weitere versiegelte Wand wird ihren Preis haben. ‹Streetartists›, welche im Auftrag der Stadt an Wänden mitmalen, welche versiegelt werden und somit den Zweck haben ‹illegales Graffiti› zu bekämpfen, werden ihre anderen Bilder in der Stadt verlieren.»

Projekt Streetart-Meile wird fortgesetzt

Tarek Abu Hageb, der ebenfalls noch ein Werk für die Streetart-Meile beisteuern wird, sieht die Aktion locker: «Das gehört dazu, wenn man Kunst im öffentlichen Raum macht. Wer Musik auf der Strasse macht, muss auch mit Buhrufen rechnen.» Die Graffiti-Szene sei sehr direkt, da müsse man nicht beleidigt sein. Allerdings sei die Tat feige, da sich die Täterschaft nicht zu erkennen gibt. «Aber die Aktion zeigt auch, dass ein solches Projekt nicht alle Bedürfnisse der Bewegung erfüllt», sagt Hageb. Er selber sieht wegen den Verunstaltungen keinen Grund, nicht an der Streetart-Meile mitzuwirken. «Ich freue mich auf meinen Einsatz. Das Projekt ist für alle eine gute Möglichkeit, um sich mit anderen auszutauschen.»

Auch die Verantwortlichen vom Kanton wollen sich durch die Aktion nicht von ihrem Vorhaben abbringen lassen. «Es gibt jetzt sicher keinen Übungsabbruch», sagt Sprecher Daniel Hofer vom Bau- und Verkehrsdepartement.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1