Konzertsaal
Kein Einlass ohne Kippa – Martinů spielte in der Basler Synagoge

Seit 150 Jahren zum ersten Mal durfte die Grosse Synagoge in Basel als Konzertraum benutzt werden: «Die Weissagung des Jesaja», das letzte Werk von Bohuslav Martinů, öffnete die Türen. Ein ganz besonderes Konzert – nicht nur der äusseren Umstände wegen.

Reinmar Wagner
Merken
Drucken
Teilen
Die Basler Synagoge wurde als Konzertsaal gebraucht. (Archivbild)

Die Basler Synagoge wurde als Konzertsaal gebraucht. (Archivbild)

Kenneth Nars

Sicherheitspersonal, Polizei, eine Menschentraube vor der Eingangsschleuse, Gepäckkontrolle – alles sehr freundlich und zivil. Aber schon vor der Grossen Synagoge in der Basler Leimenstrasse war klar: Ein normales Konzert ist das nicht. Wer als Mann ohne Kippa gekommen war, wurde damit ausgerüstet, bevor er den Doppelkuppelbau betreten durfte, der in den 1860er-Jahren im neobyzantinischen Stil errichtet wurde.

Dass in einem jüdischen Gebets- und Versammlungshaus Musik erklingt, ist dann erlaubt, wenn die Musik einen Bezug zu den Heiligen Schriften aufweist und wenn sich aus ihrer Erörterung eine religiöse Erkenntnis für die Gläubigen ergibt, erklärte der Basler Rabbiner Dr. Moshe Baumel. Ersteres war gegeben mit dem letzten Werk von Martinů, das zweite übernahm der Rabbiner gleich selbst: Eloquent, mit einer guten Portion jüdischen Humors und zudem musikalisch kompetent. So wies er etwa darauf hin, dass der schwer kranke Martinů zwar die apokalyptischen Stimmungen und Bilder der Verse Jesajas in all ihrem Schrecken und in ihrer Düsternis schildert, aber am Ende doch in strahlendem Dur den Triumph Gottes verkündet.

Die Besetzung des in originalem Hebräisch vertonten Werks, das Martinů als Gast von Paul Sacher in Pratteln schrieb, ist exotisch: Männerchor, drei Solisten, Klavier, Viola, Trompete und Pauke. Martinů nutzte diese Kombination zu einer enorm vielschichtigen, ausdrucksstarken Musik, die von Nicolas Fink, dem Chorleiter des WDR-Rundfunkchors, überaus facettenreich ausgestaltet wurde. Erstaunlich, welche Wucht die 18 Männer des WDR-Chors entwickelten, berührend aber auch, mit welcher Wärme und klanglichen Weichheit sie die lichtvolleren Passagen ausgestalteten.

Bassgewaltig sang Marc-Olivier Oetterli, ungemein klangschön der Counter David Feldman und in höchsten Sopransphären der brasilianische Sopranist Bruno de Sá. Ja, auch Männer können Sopran singen. Countertenöre, wie man sie mittlerweile aus der Barockmusik gut kennt, erreichen üblicherweise Alt- oder Mezzosopran-Lagen. Dass Männer ihre Falsett-Stimme noch höher trainieren können, ist selten, aber zum Glück möglich, denn in den meisten Synagogen, auch in Basel, dürfen Frauen ihre Stimme nicht erheben.

Auftreten hingegen dürfen sie durchaus, wie Katharina Haun bewies, die als Leiterin
der Basler Knabenkantorei drei hebräische Knabenchöre von Viktor Ullmann dirigierte, oder die Geigerin Nitzan Bartana, die zusammen mit Robert Kolinsky am Klavier ein kurzes «Fresco» von Petr Eben spielte.

Zwei weitere Werke dieses tschechischen zeitgenössischen Komponisten strukturierten das Programm – und wirkten nicht nur neben Martinů etwas akademisch-elaboriert, sondern auch neben den – trotz ihrer Entstehung in Theresienstadt unbeschwert fröhlichen – jiddischen Liedern Ullmanns oder dem Psalm 121 in der hinreissenden Vertonung von Darius Milhaud, die von den WDR-Männern mit höchster Chorkultur in sprechender Ausgestaltung gesungen wurden. Das Konzert wurde von mehreren Radiostationen direkt übertragen. Auch SRF 2 Kultur sendet den Mitschnitt am 1. Dezember um 22 Uhr.