Eine Polemik

Keine Basler Fasnacht ist auch keine Lösung: Warum ein düsteres Szenario besser ist als kein Szenario

Auch 2021 droht ein Ausfall der meisten Basler Fasnachtsaktivitäten – die bz zeigt die Szenarien des Möglichen. Klar ist jetzt schon, dass sie komplett anders aussehen wird als gewohnt, egal für welche Einschränkungen sich der Bundesrat entscheidet.

Die Basler Fasnacht steht erneut auf der Kippe. Der Bundesrat berät zurzeit ein Szenario, das ein Veranstaltungsverbot bis März 2021 vorsieht. Somit würde auch die Fasnacht kommendes Jahr unter dieses Regime fallen: Der Morgestraich ist dann auf den 22. Februar 2021 um 4 Uhr morgens terminiert. Eine erneute Absage der kompletten fasnächtlichen Festivitäten in und um Basel wird angesichts der zurzeit herrschenden Regeln schwieriger: Schliesslich gibt es jetzt die so genannten Schlupflöcher, die eine Fasnacht ermöglichen. Allerdings ganz anders als wir sie bis vor Kurzem kannten. Sektoren, Plexiglas, Contact Tracing, sogar Maskenpflicht – das alles scheint durchsetzbar. Wenn auch unter massiven kreativen Aufwänden, wie sich nach Recherchegesprächen mit Aktiven und Experten zeigt.

Das Fasnachts-Comité liess kurz vor den Sommerferien bereits verlauten, dass die Fasnachtsvorbereitungen bei den Vereinen vorangehen sollten. Angesichts der angespannten Coronalage und des anstehenden Entscheids des Bundesrats geht die Redaktion der bz in einem Thesenanschlag den Spielraum für die Fasnächtler im Februar 2021 durch.

1. Das neue Comité

Das Basler Fasnachts-Comité erlebt eine historische Neudefinition seiner Aufgaben – ohne es zu wollen. Ursprünglich für das Drummeli, die Cortèges am Montag und Mittwoch sowie für den Blaggeddeverkauf zuständig (und für alles weitere lediglich in beratender Funktion), wird das Comité unter Obfrau Pia Inderbitzin zur Anlaufstelle für sämtliche Fragen an der Schnittstelle zwischen Behörden und Fasnächtlern. Der private Verein, der sich selbst konstituiert, wird in den Jahren der Gesundheitskrise plötzlich zum Dachverband fasnächtlicher Interessen. Entsprechend zeigt sich das Comité bereits seit der Fasnachtsabsage 2020 sehr zurückhaltend mit Informationen. Man muss mit der neuen Rolle zuerst zurechtkommen.

2. (K)ein Morgestraich

Das grösste Überraschungspaket ist der Morgestraich. Denn was die Nicht-Fasnacht bewies: Eine Absage hindert die Menschen noch lange nicht daran, einen Morgestraich durchzuführen. 2020 befanden sich trotz brennender Belichtung Tausende in der Innenstadt, viele Maskiert und, trotz Verbots, trommelnd und pfeifend. Es ist daher davon auszugehen, dass sich auch 2021 Menschen rund um den Marktplatz einfinden werden. Angesichts des emotionalen Stellenwerts ist bei einer erneuten Unterlassungsanweisung dennoch mit Menschenaufkommen zu rechnen. Die Lösung wäre ein historisches Novum: Eine organisierte Durchführung inklusive Unterteilung in Sektoren, nur für registrierte Baslerinnen und Basler. Keine Sonderzüge von Irgendwoher, keine Zuschauer und daher keine touristische Vermarktung. Gleichzeitig würde damit der eigentliche Traum der Basler Fasnächtlerinnen und Fasnächtler in Erfüllung gehen: Die allerschönste Nacht im Jahr, nur für sich selbst. Dafür nähme man trotz Corona diese an sich äusserst unerwünschte Regulierung sogar in Kauf.

Morgenstreich 2020

Morgenstreich 2020

Trotz des geltenden Massenveranstaltungsverbots des Bundes fand am Montagmorgen, 2. März 2020, in Basel um 4 Uhr ein Morgestraich statt. Über 2000 Personen fanden sich in der Basler Innenstadt ein, die meisten in ziviler Kleidung, einige aber auch im Kostüm und mit Instrumenten. Die Polizei patrouillierte und suchte das Gespräch ein, unterband das Treiben aber nicht.

3. Sektoren statt Cortège

Keine Frage, ein Cortège am Montag und am Mittwoch ist schlicht unmöglich. Es gäbe aber einen Trick: Die sektorielle Aufteilung. Es wäre nicht das erste Mal, dass für einen Basler Umzug Tribünen aufgebaut würden. So würde der Cortège zur Parade. Die Teilnehmer mit gebührendem Abstand vorbeiziehend, die Schaulustigen via spezifische Zugänge auf die räumlich grosszügig eingerichteten Sektoren verteilt. Doch seien wir ehrlich: Erstens würde die Fasnacht somit zu einem Winter-Tattoo (wie das Basel Tattoo immer wieder als Sommerfasnacht bezeichnet wird). Zweitens wäre der logistische Aufwand enorm und drittens passt das nicht zur Fasnacht, wie wir sie bislang kannten.

4. Die Krux mit dem Perimeter

Bei der Strassenfasnacht wäre eine sektorielle Aufteilung auf den ersten Blick gar nicht so abwegig. Man muss ja nicht gleich in die fernen Quartiere ziehen. Eine kluge Erweiterung des Innenstadt-Perimeters von der Steinenvorstadt bis, sagen wir, Messeplatz und Rosental würde Raum schaffen – allerdings nur in Zusammenhang mit gleichzeitiger Sperrung, um Besucher auf ein Minimum zu beschränken. Zugleich wächst die Verantwortung für die Vorträbler: Sie müssen ihre Züge besonders klug durch die Stadt und zu Lokalen lotsen, wo es nicht zur Massierungen kommt.

5. Eine Mini-Beizenfasnacht

Auch wenn es derzeit reichlich unrealistisch klingt: Die Schnitzelbänggler dürfen sich wohl am ehesten auf eine Fasnacht freuen, die der Normalität der vergangenen Jahre zumindest nahe kommt. Schon jetzt haben Beizen geöffnet und im Gegensatz zu den Clubs steht dieser Teil der Gastronomie viel weniger zur Diskussion. Bedingung dürfte sein, dass die Schutzkonzepte konsequent angewandt werden. Es könnte sogar darauf herauslaufen, dass das Publikum den Abend in einem Keller mit fixem Platz verbringt, statt durch die Basler Gassen zu tingeln. Und Plexiglaswände schützen vor tröpfcheninfizierenden Lachsalven. Natürlich werden nicht alle Cliquenkeller diese Anforderungen erfüllen können, viele werden Umsatzeinbussen verzeichnen. Doch immerhin ist zum jetzigen Zeitpunkt schwer vorstellbar, dass die Verse nur über den Bildschirm ihr Publikum finden – was, das zeigte die vergangene Fasnacht, schon reichlich steril wirkt.

6. Ausstellungen im Hoch

Den umgekehrten Weg könnten die Fasnächtler, hier namentlich das Comité, mit der Laternenausstellung beschreiten. Aus epidemiologischer Sicht spricht wenig gegen eine Ausstellung der schönen Lampen, von denen überdies viele aus dem letzten Jahr noch nie jemand gesehen hat. Noch weniger unter freiem Himmel. Selbst in den Kriegsjahren fand so etwas wie eine Laternenausstellung statt: Anfangs der Vierzigerjahre öffnete die Kunsthalle ihre Räume zur Fasnachtszeit bis jeweils 22 Uhr. Es fanden sogar Trommel- und Pfeifkonzerte statt. Gut denkbar ist also auch in Pandemiezeiten eine Werkschau der Cliquen: mit Kostümen, Requisiten und allem anderen, was zu einer statischen Sujetpräsentation dazugehören kann.

7. Liestaler Chienbäse: «So nicht!»

Ruedi Schafroth, Präsident des Liestaler Fasnachtskomitees, spricht Klartext: «Einen coronaverträglichen Chienbäse-Umzug gibt es nicht.» Nur eine beschränkte Anzahl Besucher zuzulassen, sei nicht machbar. Die Strecke in verschiedene Abschnitte aufzuteilen, funktioniere nicht. Wenn ein Feuerwagen durchbrause, gingen sämtliche Abstandregeln vergessen, weil die Zuschauer zurückdrängten. Ein «magerer» Chienbäse-Umzug werde von 30 000 Personen besucht, ein guter von bis zu 50000. Der Anlass sei eine nicht lebensnotwendige Kulturveranstaltung, die entweder im gewohnten Rahmen oder dann halt nicht stattfinden könne. Den definitiven Entscheid fälle das Fasnachtskomitee in der zweiten Septemberhälfte. Und eine Verschiebung auf ein späteres Datum? «Vergessen Sie das. Der Chienbäse-Umzug ist eine gewachsene Geschichte und wie etwa Ostern nicht einfach verschiebbar.»

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