Martin Roth
Keine Polizeischule, nie auf Streife - der neue Basler Kommandant ist ein Quereinsteiger

Er soll Ruhe ins Korps bringen: Martin Roth ist der neue Basler Polizeikommandant. Der Bonsai-Züchter ist ein beruflicher Quereinsteiger.

Benjamin Rosch
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Oberst Martin Roth hat die Führungskultur im Korps genau im Blick.

Oberst Martin Roth hat die Führungskultur im Korps genau im Blick.

Roland Schmid

Seit dem 26. Mai – er hat das Datum genau im Kopf – ist Martin Roth der höchste Basler Polizist. Man könnte vielleicht auch Schugger sagen. Roth hätte wohl kaum etwas dagegen, denn erstens ist er hier aufgewachsen und zweitens sagt er von sich selber, er habe Humor. Wobei der stadtläufige Kosename für die Basler Ordnungshüter doch nicht ganz exakt wäre, etwas zu salopp. Und salopp, das ist Roth nicht. Er mag es korrekt, er mag es: kontrolliert.

Seit dieser Woche ist klar, dass er die Kontrolle behält. Dass er vom Kommandanten a. I. zum Kommandanten definitiv befördert wird. Jetzt trägt er einen Stern mehr auf der Schulter und die ganze Verantwortung für das Korps. Zum Gespräch für dieses Porträt solle er anziehen, worin ihm am wohlsten sei. Roth rechnete mit einem Foto, deshalb die Uniform. «Sonst hätte ich das ganze Klimbim nicht an», sagt er, auf Pistolenhalfter und Pfefferspray zeigend. Die Uniform steht ihm nicht schlecht, aber auf den Leib geschneidert ist sie ihm nicht.

Die Chemie stimmte nicht mehr

Roth hat nie die Polizeischule durchlaufen, war nie auf Streife. Er ist ein Quereinsteiger, obwohl dies gar nicht mehr so viele wissen im Korps. Er war zuerst in der Chemischen tätig.
Nach dem Studium ging er nach Boston. Am renommierten MIT blieb er ein Jahr in der Forschung. Danach hiessen seine Arbeitgeber Ciba Geigy und Novartis. Eine Weiterbildung befähigte ihn zu Jobs, deren genaue Bezeichnungen fortan auf Englisch geführt wurden.

«Das Labor wurde mir zu eng», sagt Roth heute über seine Beweggründe, ins Management zu wechseln. Er brauche Leute um sich herum. Er bewarb sich auf eine freie Stelle als Abteilungsleiter Zentrale Dienste bei der Kantonspolizei. «Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich die Zusage erhalten würde.» Zwei Jahre später durfte er an höheren Weihen schnuppern, als er interimistisch die Rolle des Stabschefs ausfüllte. Als Ersatz gefunden war, trat er wieder zurück ins Glied, vorerst.

Ein Karrierist sei er nicht, obwohl er stetig die Leiter hochkletterte. Das sei nicht seine Absicht gewesen, «schon gar nicht Kommandant», sagt er abwehrend. Die Exponiertheit, die dieses Amt mit sich bringt, nennt er eine «Herausforderung». Es ist eines der Lieblingswörter von Martin Roth. Er sehe überall das Positive, und deshalb sind Probleme auch keine Probleme, sondern nur noch nicht gelöst. Sprache ist Roth wichtig. Wenn er mit Polizisten spricht, zieht er jeweils die dafür nötigen Register. «Ich kann die verschiedenen Sprachen im Korps», sagt Roth, «im Notfall kann ich auch intellektuell sein.»

Roth steht plötzlich auf, geht ein paar resolute Schritte und löst ein kleines, eingerahmtes Bild von der Bürowand. Es zeigt eine Skizze, ein abstrahiertes Basel mit drei comic-haften Polizei-Auteli, einem Heli. Über der Stadt ist ein roter Schirm aufgespannt. «Das ist das Militär, das ist für den Luftraum zuständig», erzählt Roth. «Mit dieser Zeichnung habe ich meinen Leuten den Auftrag des OSZE-Einsatzes erklärt.» Für den Europa-League-Final im vergangenen Jahr gab’s auch eine. Zum grössten Einzeleinsatz in der Geschichte der Basler Polizei hat Roth ein gespaltenes Verhältnis.

Offene Fehlerkultur

Da ist dieser Ball, ausgestellt in einer Glasbox, nicht weit von der OSZE-Zeichnung, der an die Strapazen erinnert, die Roth als Einsatzleiter erdulden musste, und dass alles gut gegangen sei. Aber Roth war es auch, der damals im Anschluss die Sonderbelohnung für das Kader organisierte: ein erstes Nachtessen (das war okay), den Flug mit der Tante Ju, dazu ein zweites Nachtessen (das war nicht okay). Den rund 1000 Polizisten, die ebenfalls gearbeitet hatten, blieb nur der Fussball.

Wenn der 52-Jährige über solch unangenehme Momente spricht, vergangene Herausforderungen quasi, wechselt der sprachaffine Kommandant ins Passiv und bleibt vage: «Gewisse tradierte Bräuche wurden so von der Öffentlichkeit nicht mehr goutiert», sagt Roth, und auch «die Lehren sind gezogen», auch wenn das «Bewusstsein dafür zu spät entwickelt wurde». Dazu will er einen offenen Umgang mit Fehlern. Roth wirkt durchaus wie jemand, dem man sich anvertraut, wenn man einen Seich gemacht hat. Das Ziel ist klar: nicht mehr so viele negative Schlagzeilen über die Basler Kapo.

Roth will kein Korps, das im Mittelpunkt steht. Er will eine «unspektakuläre Polizei», einen «Dienstleister». Es scheint, als sei er der richtige Mann dafür, denn auch er selbst gibt sich Mühe, nicht spektakulär zu wirken. Woran soll die Bevölkerung merken, dass die Polizei einen neuen Chef hat? «Am besten merkt die Öffentlichkeit nicht allzu viel davon.» Sein Gesicht, das auch gut zu einem Buchhalter passen würde, peppt er mit ausgefallenen Brillen auf. An der Pressekonferenz zur Stabübergabe war’s die Randlose mit den roten Bügeln, er besitzt auch noch ein grösseres, eingefasstes Modell; in sozialen Medien präsentiert er sich mit extravagant geschwungener Sonnenbrille.

Bonsai-Züchter seit der Jugend

Im Job braucht Roth Menschen, in der Freizeit ist der Vater einer 15-Jährigen gerne für sich. Als er selbst in diesem Alter war, entdeckte er das Züchten von Bonsai-Bäumen für sich. Während sich Altersgenossen für Gras interessierten – «Drogen genommen habe ich nie, da verliert man zu schnell die Kontrolle» – zogen ihn Mini-Bäume in ihren Bann. «Ich habe noch jeden davon», sagt der heute 52-Jährige. Hatte Martin Roth denn nie eine wilde Phase? «Mittelwild», sagt er. Sein Hobby kam auch im Zusammenhang mit seiner Bewerbung auf. Justizdirektor Baschi Dürr nahm Roth vor allem wegen dessen Enthusiasmus in die Pflicht: «Martin Roth lebt für den Job. Manchmal schreibt er mir noch spätabends Mails.»

Auf den Fluren der Polizeiposten ist man zufrieden mit Dürrs Wahl. Roth zeige sich interessiert, die Polizeiarbeit auf allen Stufen kennzulernen, sei kommunikativ und offen gegenüber seinen Untergebenen. Die interne Lösung bevorzugen mehrere Polizisten der Basis und mittleren Kaders, mit denen die «Schweiz am Wochenende» reden konnte. Das hat einen Grund: «Der Martin weiss, wo die Probleme sind», heisst es. Um die Führungskultur zu verbessern, habe er das Projekt «Cultura» ins Leben gerufen, das auf allen Stufen zu Management-Kursen verpflichtet. Die Polizisten an der Basis machen aber keinen Hehl daraus, dass allgemein weitere Konsequenzen gefordert werden. Das richtet sich an die Adresse von Oberstleutnant Rolf Meyer. Ihn, die Nummer 2, hat Roth ausgestochen. «Es wird erwartet, dass Roth das Problem Meyer löst», sagt ein Kaderpolizist. Im Gespräch bleibt Roth in diesem Punkt vage, doch kündigte er bereits an der Pressekonferenz vom Dienstag an, die «Zuständigkeiten in der Polizeileitung» zu überprüfen.

Kein einfacher Job, in einem Korps mit vielen kleinen Gärten, für den Roth all seine Manager-Fähigkeiten brauchen wird.