Es ist der 11. Oktober 2016, zwei Wochen vor den Basler Wahlen. Der Name von Justizdirektor Baschi Dürr steht beinahe täglich in den Zeitungen. Er kämpft um seine Wiederwahl und gegen die Wellen der Dienstwagen-Affäre. Und dann noch dies: «Sex-Skandal bei der Basler Polizei» lautet der Titel eines Telebasel-Beitrags.

Verschwommen befingert ein Greis eine junge Blondine, während aus dem Off die Stimme des Reporters tönt, was sich «Gerüchten zufolge» zugetragen haben soll. Dann folgt ein Bericht, der zwischen Indikativ und Konjunktiv wechselt: «Ein Polizist hat am Ende eines feuchtfröhlichen Abends Sex mit einer Arbeitskollegin gehabt. Diese sei allerdings derart betrunken gewesen, dass sie sich kaum mehr bewegen konnte. Ein dritter Polizist habe die Szene gefilmt.»

Ein Gerücht wird zum Fakt

Alle regionalen und viele nationale Medien greifen die Story auf, so auch die bz Basel/Basellandschaftliche Zeitung. Nicht alle gehen mit der Unschuldsvermutung gleich um. So titelt die «Basler Zeitung»: «Polizist filmte Schändung einer Kollegin.» Der Weg vom Gerücht zum Fakt ist kurz. Im Fokus steht L.*, denn er war der ranghöchste Anwesende an jenem verhängnisvollen Abend im August. Er war es auch, der freigestellt wurde, der einzige aus jener Gruppe. Eigentlich ein seltsames Detail. Was ist mit dem Filmer? Das hätte zu ersten Zweifeln an jener Geschichte führen können, an den Gerüchten aus dem Korps. Tat es aber nicht.

L. geht es schlecht. Fast 30 Jahre hat er die Uniform getragen, war Polizist mit Leib und Seele. Inzwischen kämpft er an vielen Fronten um sein Recht. Die Freistellung ficht er an. Auch als ihm die Kündigung angedroht wird, wehrt er sich. Und im Strafverfahren wegen Schändung sagt er stets: So war es nicht. In den Pausengesprächen auf dem Polizeiposten und in den Patrouillenfahrzeugen verschmelzen sich Wahrheit und Dichtung. Einem Telefonspiel gleich werden neue Details aus jener Nacht feilgeboten, die sich immer unverschämter, skandalöser abgespielt haben soll.

Keine Filmaufnahmen

Im Gegensatz zu jener Orgie, an die das Korps glauben will, schildern die Beteiligten den Sachverhalt nüchterner. Selbst jener Berufskollege, der L. belastet. Nicht von Sex ist die Rede, sondern von unsittlicher Berührung. Eine Schultermassage sei es gewesen, sagt hingegen L. Die Staatsanwaltschaft findet keine Beweise, dass mehr gewesen sein soll. Alkohol floss eigentlich erst nach jenen Vorkommnissen in grossen Mengen. Zwar habe das «Opfer immer wieder alkoholische Getränke zu sich genommen, soll aber bis zum Zeitpunkt des Übergriffs weder übermässig beeinträchtigt noch in anderer Weise auffällig gewirkt haben». Das geht aus der Einstellungsverfügung des Strafverfahrens vor, die der «Schweiz am Wochenende» exklusiv vorliegt. An keiner Stelle sind Filmaufnahmen erwähnt. Sie gehören ins Reich der Fantasie.

Die Staatsanwaltschaft stützt sich auf die Aussagen jener vier Personen – so viele waren es –, die am ausserbetrieblichen Ausflug teilgenommen hatten. Neben L. wurde noch ein weiterer Polizist sexueller Handlungen beschuldigt. Auch dieses Verfahren ist eingestellt worden. Angezeigt wurden sie beide von einem dritten Polizisten. Der ist inzwischen der Partner der mutmasslich geschändeten Polizistin. Und diese kann sich an die Vorfälle, wie sie ihr Freund schildert, nicht erinnern. «Im Übrigen hat das Opfer sein Desinteresse an einer Gerichtsverhandlung gezeigt», schreibt die Basler Stawa abschliessend.

Weil sich die Dinge so zu entwickeln scheinen, dass L. seinen Namen reinwaschen kann, darf er Ende März zurück in den Dienst. In den Personalrechtsverfahren hat sich die Rekurskommission auf seine Seite gestellt, die Polizeileitung habe vorschnell gehandelt. L. arbeitet indes nun weder auf gleichem Posten noch im selben Rang. Er ist ganz unten: Er begleitet Gefangenentransporte. Und da passiert wieder etwas. Aus jenem Raum, den er bewachen sollte, tritt eine Frau. L. blickt durch die offene Türe, schiesst ein Foto mit dem Handy von jener Person, die im Bett liegt. «Ist es die Gefangene?», berät er sich mit seinem Kollegen. Oder ist diese soeben getürmt? Die Frau ist angezogen, die Aufnahmen löscht er sofort. Die Kollegen bieten herum: L. soll eine halbnackte Frau beim Umziehen heimlich gefilmt haben. Der Fall gelangt – wie alles zu jener Zeit – schnell an die Medien und in die Öffentlichkeit. Die bz berichtet als erste über den Fall: «Mutmasslicher Schänder soll unerlaubt Frau gefilmt haben.» Wiederum ziehen andere mit, L. wird erneut freigestellt. Doch auch von dieser Geschichte bleibt nicht viel übrig, auch dieses Verfahren kommt zu einem Ende, bevor sich ein Gericht damit befassen muss. Eine neue Version geistert herum: L. sei ein Bauernopfer im Machtkampf der Polizeichefs, Spielzeug einer Intrige gegen Kommandant Gerhard Lips, der dann tatsächlich gehen musste. Vielleicht sind aber auch das nicht viel mehr als üble Gerüchte in einem geschwätzigen Betrieb.

L. will zurück

Was bleibt, sind die personalrechtlichen Verfahren: Während die anderen Beteiligten längst wieder arbeiten, darf L. noch immer nicht zurück. Inzwischen ist er krankgeschrieben. Aus der Luft gegriffen ist das nicht, die vergangenen Monate haben Spuren hinterlassen. Dennoch will er nicht aufgeben, unbedingt will er in jenes Korps zurück, das ihn so unsanft ausgestossen hat. Sollte es so weit kommen: Das Ereignis dürfte keine Zeile wert sein.


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