«Der Vorfall ist sehr gravierend, aber auch sehr tragisch – nicht zuletzt für Sie», sagte der Gerichtspräsident bei der gestrigen Urteilsverkündung. Auf dem Stuhl vor ihm rang der 30-jährige Kosovare um Fassung. Der in der Region bekannte Kickboxer hatte gerade vernommen, dass ihn das Strafgericht zu einer Freiheitsstrafe von viereinviertel Jahren verurteilt hatte. Der Mann hatte über Jahre hinweg seine Frau körperlich misshandelt und dabei einmal aus Versehen seiner zwei Monate alten Tochter mit einem Schlag den Schädel gebrochen.

Angesichts der Anklage kann man aber schon fast vom berühmten blauen Auge sprechen, mit dem der Kickboxer davon gekommen ist. Die Staatsanwaltschaft hatte ihn unter anderem wegen versuchter vorsätzlicher Tötung angeklagt und eine Freiheitsstrafe von siebeneinhalb Jahren gefordert. Mit seinem Verhalten habe er den Tod des Babys in Kauf genommen. Das Gericht kam zu einem anderen Schluss und verurteilte den Mann, der alle Vorwürfe wenig glaubwürdig abgestritten hatte, «nur» wegen versuchter schwerer Körperverletzung. «Letztlich ist es glücklicher Zufall, dass das Kind keine schweren Verletzungen oder bleibenden Schäden davon getragen habe», sagte der Gerichtspräsident.

«Wollten nicht das Baby schlagen»

Der Mann hatte seine Tochter getroffen, als er im Zorn auf seine Frau einschlug, die das Baby im Arm hielt. «Wir sind uns bewusst, dass Sie viel dafür geben würden, wenn Sie diesen Vorfall ungeschehen machen könnten», sagte der Gerichtspräsident. «Sie wollten nicht das Kind schlagen, aber Sie haben an einen Ort direkt neben dem Kopf Ihrer Tochter geschlagen.» Als Vergleich brachte der Richter das Beispiel eines Rasers, der mit 120 Stundenkilometern auf einer Dorfstrasse fährt. 

 

Dazu kamen über ein Dutzend angeklagte Fälle von häuslicher Gewalt. Auch hier kam das Gericht bei einer Reihe von Punkten zu einer weniger drastischen Einschätzung als die Staatsanwaltschaft. Beispielsweise taxierte es das mehrfache Würgen nicht als Gefährdung des Lebens und bei mehreren angeklagten einfachen Körperverletzungen ergingen lediglich Schuldsprüche wegen Tätlichkeiten. Ausserdem wurden aus formalen Gründen mehrere Anklagepunkte eingestellt.

Doch auch wenn die Vorfälle oft nur geringe gesundheitliche Folgen für die Noch-Ehefrau hatten, seien sie in ihrer Gesamtheit massiv, hielt der Richter fest. Dazu kommt, dass der Mann auch nach einer nicht bestandenen Autoprüfung auch gegenüber dem Experten ausfällig wurde und Drohungen aussprach. Und nicht zuletzt hob das Gericht eine bedingt ausgesprochene Strafe aus einem früheren Prozess auf.

Da die versuchte schwere Körperverletzung vor der letzten Gesetzesrevision stattfand, stand eine obligatorische Landesverweisung nicht zur Diskussion, von einer fakultativen sah das Gericht ab. «Aber Sie müssen sich bewusst sein: Sollte es wieder zu Straftaten kommen, müssen Sie damit rechnen, dass man Sie rauswirft.»