Der nächste Patient ist ein kleiner Junge. Philipp* liegt auf einem kleinen Operationstisch im Zimmer vor dem Operationssaal, warm zugedeckt. Neben dem Bett ist der Behandlungsturm aufgebaut. Darauf kann die Anästhesieärztin Leonie Mnich die Herzaktivität, den Blutdruck und den Sauerstoff im Blut des neun Monate alten Patienten überwachen. Seine Augen sind mit einem speziellen Klebeband zugeklebt, damit sie nicht verletzt werden. Im OP des Universitäts-Kinderspital beider Basel (UKBB) machen die Operationspfleger derzeit alles sauber, das Kind vor Philipp ist fertig operiert und wird soeben ins Aufwachzimmer gefahren. Hier können sich bis zu acht Kinder von ihrer Operation erholen und schlafen, bis die Narkose vollständig aufhört zu wirken.

Die Art der Narkose definieren

Die Anästhesisten sind für die richtige Einstellung der Narkose des Patienten verantwortlich, der gleich operiert wird. Dafür, wie eine Narkose eingeleitet wird, gibt es verschiedene Methoden, erklärt Thomas Erb, Chefarzt der Anästhesie am UKBB. Während des Gesprächs mit den Eltern werde zuerst die Erkrankung definiert und die Art Narkose festgelegt. Bei einer Vollnarkose schläft der Patient ein, sein Bewusstsein wird vorübergehend ausgeschaltet.

Eine zweite Variante ist die regionale Anästhesie. Ein Teil des Körpers wird schmerzfrei. «Dieses Vorgehen wählen wir bei Kindern fast nie als alleiniges Verfahren, denn es braucht Kooperation vonseiten des Patienten», sagt Erb. «Und ein Kind liegt in einer fremden Umgebung nicht von selber still.»

Deshalb wenden er und seine Anästhesie-Kollegen – vier Assistenz- und sieben Oberärzte – meist eine kombinierte Variante an. Bei Vollnarkose würden Schmerzen auftreten, sobald die Betäubung aufhört. «Kombiniert ist die Schmerzintensität nach Tagen immer noch geringer.» Ein weiterer Unterschied zur Narkose bei Erwachsenen: Kinder mögen die Venenpunktion nicht. Deshalb helfe man sich vorher mit einer Maskennarkose, erklärt Erb.

Grosse medizinische Fortschritte

Die ersten Patienten werden am Morgen vor 7.30 Uhr anästhesiert, sodass ab 8 Uhr mit den ersten Operationen begonnen werden kann. Je nach Vorfall in der Nacht muss das OP-Programm angepasst werden, sagt Erb, der zusammen mit den Chirurgen für dessen Planung verantwortlich ist. Bevor er seinen Tagesablauf weiter ausführt, erklärt er den Begriff Narkose genauer. Im Volksmund versteht man darunter nämlich schlafen. «Das stimmt so nicht, denn wenn jemand schläft, kann man ihn wecken.» Zudem umfasse eine Anästhesie auch die Ausschaltung von Schmerz, Dämpfung von Reflexen und Erschlaffung der Muskelkraft.

Es gibt kein medizinisches Fachgebiet, das sich in den vergangenen Jahrzehnten so stark entwickelt hat wie die Anästhesie, kommt Erb ins Schwärmen. Die Erste wurde vor rund 150 Jahren durchgeführt – mit Lachgas. Damals seien immer wieder Leute daran gestorben, sagt der 55-Jährige. Die Anästhesie sei der Ausgangspunkt für die Entwicklungen der operativen Medizin. Noch bis vor 75 Jahren musste in der Schweiz jeder Arzt Patienten narkotisieren. Inzwischen ist die Anästhesie zur eigenen Berufsgattung geworden.

Dank der Anästhesie sind heute viele Stunden lange Interventionen möglich. «Medizinische Weiterbildung und die Entwicklung von Medikamenten haben dafür gesorgt. Früher musste ein Bein einfach amputiert werden, wenn man nicht so lange operieren konnte.» Erb gibt jedoch im selben Atemzug zu, dass man den Wirkungsmechanismus von Narkosemitteln nicht vollständig kenne. «Wir wissen einfach, dass die Medikamente funktionieren.» Zudem wisse man weniger über die Langzeit-Effekte. «Wir stehen nur kurze Zeit mit einem Patienten in Kontakt. Nach der OP verlieren wir ihn oft rasch aus den Augen.»

Babys ab 700 Gramm

Die Palette an Patienten im UKBB ist in Sachen Altersunterschied riesig, denn dort werden Kinder ab neugeboren bis etwa 18 Jahren behandelt. Rund 5000 Kinder im Jahr anästhesieren die Ärzte pro Jahr. «Unsere Patienten sind zwischen 700 Gramm und über 100 Kilogramm schwer. Das bedeutet für uns, dass wir unter anderem bei den Operationsinstrumenten ein riesiges Arsenal an verschiedenen Grössen haben müssen.»

Rund 500 seiner Patienten sind unter zwölf Monate alt, die meisten zwischen zwei und sechs Jahre. Meist werden Zahnbehandlungen, Leistenbrüche oder Hals-Nasen-Ohren-Eingriffe vorgenommen. Kinder bis zwei Jahre bekommen ihre Narkose zudem nur in Spitälern, die auf Anästhesie spezialisiert sind. In der Schweiz sind dies die Uni-Spitäler, plus die in Luzern, St. Gallen, Chur, Biel und Aarau. Im Kinderspital beider Basel werden alle Behandlungen vorgenommen ausser Herz-Operationen und Transplantationen. Hinzu kommen Strahlentherapien, die im Universitäts-Spital nebenan vorgenommen werden. Erb betont, dass es viel Routine benötige, um eine Anästhesie sicher durchzuführen. «Wenn ein Arzt bei Kindern innerhalb eines Jahres weniger als 200 durchführt, fehlt ihm die Routine und es kommt während seiner Interventionen häufiger zu Komplikationen.» Um solche zu verhindern, sollen Anästhesisten nicht länger arbeiten als bis zu ihrer Pension. «Als Anästhesist muss man einen guten Reflex haben, um im richtigen Moment schnell zu reagieren. Diese Fähigkeit lässt im Alter nach.»

Ärzte trainieren an Elektro-Puppe

Um die Routine zu trainieren, bietet das UKBB Simulationskurse an, in dem Ärzte an einer Puppe auf einer Spitalliege üben können. Das Zimmer sieht einem OP ähnlich. Es ist ein Überwachungsapparat aufgebaut mit unter anderem einem Beatmungsgerät. Die Grösse der Hightech-Puppen kann ausgetauscht werden – vom Baby bis zu einem Jugendlichen. Wichtig: «Kommunikation ist in unserem Beruf wesentlich», betont Erb. Der Anästhesist muss den Patienten und sein Krankheitsbild umfassend kennen. Um das kommunikative Verhalten während einer OP zu prüfen, wird die simulierte Operation auf Video zur Ansicht aufgenommen», erklärt der Chefarzt Anästhesie weiter.

Die Anästhesisten im UKBB sind nicht nur für die kleinen Patienten zuständig, die in den OP-Saal gefahren werden. Müssen Kinder eine Magnetresonanztomographie (MRT) oder eine Computer-Tomographie (CT) machen, müssen sie auch dort in der Maschine still liegen. Die Radiologie befindet sich auf dem selben Stockwerk, etwa 2000 Kinder pro Jahr müssen eine machen – davon etwa zehn pro Woche unter Anästhesie.

Keine Komplikationen

Seit 2011 ist Thomas Erb nun Chefarzt Anästhesie am Basler Kinderspital. Die Schicksale der Kinder am Ende des Tages hinter sich zu lassen, ist ihm aber heute noch unmöglich. «Ich kann mich an Kinder erinnern, die ich vor 20 Jahren behandelt habe, als wären sie gestern bei mir gewesen.» Schwerwiegende Komplikationen sind in seiner Amtszeit nicht aufgetreten –, rund 20 000 Operationen wurden unter ihm durchgeführt. Aber: «Man darf nie sagen, bei uns laufe immer alles perfekt.» Als Anästhesist gehe er jedes Mal mit Demut in den Operationssaal. «Die Eltern vertrauen uns schliesslich ihr höchstes Gut an.»

*Name geändert