«Mama, where is Papa?» steht in grossen Buchstaben an der Bühnenrückwand, die von Blutbahnen überzogen ist. Wir befinden uns in einem Schlachthaus. Hier haust Elektra und sinnt auf Rache, um den Mord an ihrem Vater, dem König Agamemnon, zu sühnen. Im Fadenkreuz der Vergeltungsfantasien steht die eigene Mutter, Klytämnestra, und deren Geliebter Aegisth.

Der Regisseur David Bösch identifiziert Elektras massloses Rachegefühl als archaisch, emotional und gleichzeitig kindlich. An der Opera Vlaandern (2014) und am Aalto Theater Essen (2016) war die Inszenierung bereits zu sehen. Für Basel wurde ein neuer Cast zusammengestellt. Die Britin Rachel Nicholls, die als Elektra ihr Rollendebüt gibt, überzeugt mit einer starken stimmlichen und darstellerischen Leistung. Nur zu Anfang wirkt ihr Spiel noch etwas zaghaft. Je mehr die Geschichte voranschreitet, umso abgründiger und überzeugender bringt sie ihre Rolle zwischen Obsession und Wahnsinn rüber.

David Böschs Elektra ist nicht nur eine Besessene, die nicht loslassen kann. Sie ist ein traumatisiertes Kind. Immer wieder flüchtet sie sich auf ihr Bett, das mit Stofftieren gespickt ist. Immer wieder schaukelt sie mit irrem Blick auf einem viel zu kleinen Holzpferd. Ihre Rachegelüste stellt sie mal überzeugend mit einem vorgreifenden Siegestanz dar, mal werden sie etwas plakativ mit Kettensäge oder Voodoopuppe illustriert.

Orest soll’s richten

Sie gefällt sich in der Rolle der Bedrohung. Jenseits der Rache existiert sie nicht. Sie ist auf dem Gefühl hängen geblieben. Ekstatisch schmiert sie sich eine Ladung Blut ins Gesicht und auf ihr weisses Kleid. Sie betet den Gedenkaltar des Vaters an und wartet auf Orest, den jüngeren Bruder, der die Mutter und deren Liebhaber umbringen soll. Als ihr mitgeteilt wird, dass er angeblich nicht mehr lebt, versucht sie ihre Schwester Chrysothemis (in den Höhen wunderbar strahlender Sopran der Finnin Pauliina Linnosaari) zu überzeugen, die Morde mit ihr zu begehen. Die weicht jedoch aus.

Doch bevor Elektra den Racheakt selbst vollführen kann, taucht Orest doch noch auf und übernimmt. Der Bariton Michael Kupfer-Radecky mimt den Bruder mit einer hellen, klaren, beinahe liedhaften Stimme. Dann sind die Dämme gebrochen. Zuerst rieselt Glitter herab, dann strömt das Blut die Wände entlang. Das sind die stärksten und auch einzigen Überraschungsmomente, welche die Bühnenbildner Patrick Bannwart und Maria Wolgast uns geben.

Schlanke Stimmen

Strauss’ dichte, hoch dramatische und energetische Musik wird vom Sinfonieorchester Basel unter der Leitung von Erik Nielsen in all ihrer immensen Kraft überzeugend, jedoch nicht überwältigend rübergebracht. Die vergleichsweise schlanken Stimmen der Sängerinnen und Sänger kommen so zur Geltung, werden nicht zugedeckt vom Orchesterklang. Das Ergebnis ist ausgewogen, Gänsehautschauer sind in dieser äusserst dramatischen, heroischen Musik vorprogrammiert.

Elektras tiefe Gefühle von Trauer, Verlust und Vergeltung werden durch die Musik im Zuschauer wachgerufen. Angst vor hysterisch-schepperndem, in den Ohren klingelnden Vibrato ist bei dem Sängerensemble fehl am Platz. Statt übermässig massigen Stimmvolumen, darf man sich dafür auch auf die leisen Stellen und die Durchsichtigkeit freuen. Heraussticht die Mezzosopranistin Ursula Hesse von den Steinen (Klytämnestra, Elektras Mutter) mit ihrer dramatischen, expressiven Stimme. Wenn sie den Mord an ihrem Ehemann Agamemnon nicht bereut, so wird sie doch von der Schuld nicht losgelassen. Überzeugend spielt sie in einem Spannungsfeld zwischen Hysterie, Hochmut und Gebrochenheit und weiss ihre kraftvolle und dramatische Stimme gekonnt einzusetzen.

Opfer-Psychogramm

Der Librettist Hugo von Hofmannsthal legte den Fokus auf das Innenleben der drei Protagonistinnen Elektra, Chrysothemis und Klytämnestra – jede auf ihre Art ein Opfer der vorangegangenen Ereignisse. Somit wird auch die «Oresteia» von Iannis Xenakis, die in der vergangenen Spielzeit Premiere gehabt hat, weitererzählt und der antike Tragödien-Schwerpunkt am Theater Basel fortgesetzt.

Elektras Triumph am Ende ist nur von kurzer Dauer. Während die Taten vollbracht werden, feiert sie und befriedigt sich am Beil, mit dem ihr Vater getötet wurde. Ihr Wunsch ist erfüllt worden, doch sie bleibt leer zurück.

 

Weitere Vorstellungen im Theater Basel: Montag, Donnerstag und Sonntag.