Martinů-Festtage
Kippas für die Zuhörer: Ein Konzert der Martinů-Festtag findet in Synagoge statt

Robert Kolinsky, Leiter der Basler Martinů-Festtage, gibt Einblicke in das Programm der Jubiläumsausgabe. Eines der Highlights bildet dieses Jahr der Auftritt in der Basler Synagoge. Kolinsky erzählt, wie es dazu gekommen ist.

Reinmar Wagner
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Robert Kolinsky. (zvg)

Robert Kolinsky. (zvg)

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Seit 25 Jahren organisiert der Pianist Robert Kolinsky in Basel die Martinů-Festtage, die dem Werk des in Pratteln verstorbenen tschechischen Komponisten Bohuslav Martinů gewidmet sind. Höhepunkte im Programm dieses Jahr sind ein Auftritt von Gidon Kremer und ein Konzert in der Basler Synagoge.

Herzliche Gratulation zum 25. Geburtstag der Festtage.

Robert Kolinsky: Danke. Schön, dass es uns noch gibt, nachdem man am Anfang prophezeit hatte, dass sich ein solches Konzept keine zwei Jahre lang durchhalten lässt. Aber wir haben eigentlich jedes Jahr gefeiert. Insofern ist dieser Jahrgang kein besonderes Ereignis.

Sicher ist das Konzert in der Basler Synagoge ein Höhepunkt im Festival 2019. Wie haben Sie es geschafft, dass Sie dort auftreten dürfen?

Das ist tatsächlich ein einmaliges Ereignis. Es hat noch nie ein öffentliches Konzert in der Basler Synagoge gegeben. Ich mag Martinůs Chormusik sehr, sie hat gleichermassen Intimität wie Grösse. «Die Weissagung des Jesaja» ist sein letztes Werk und blieb unvollendet. Es endet sehr düster und das ist untypisch für Martinů. Er war ein sehr humanistisch eingestellter Mensch. Keines seiner Werke endet mit Grauen oder Verzweiflung oder Resignation. Deswegen ist es schon sehr speziell, dass dieses letzte Werk so ohne Erlösung stehen blieb. Darum braucht es auch einen besonderen Rahmen, den wir mit der Synagoge gefunden haben.

Martinů und Basel

Geboren wurde Bohuslav Martinů 1890 im tschechischen Policka. Als Geiger spielte er in der Tschechischen Philharmonie, obwohl er wegen «unverbesserlicher Nachlässigkeit» vom Prager Konservatorium geflogen war. Ab 1922 studierte Martinů Komposition – erst bei Josef Suk in Prag, dann bei Albert Roussel in Paris.

Die 20er- und 30er-Jahre verbrachte er als freier Komponist in Paris. Die Einflüsse von Strawinsky und Debussy werden spürbar. Martinů sah Strawinsky und Schönberg als wichtigste Wegbereiter der Moderne, schätzte aber auch Ravel sehr. Diese Einflüsse, die Musik seiner Heimat, aber auch den Jazz verband Martinů zu einer vielfältigen und eigenständigen Musiksprache.

1940 floh Martinů in die USA, wo er ein Auskommen als Kompositionslehrer fand. 1953 kehrte er nach Europa zurück, lebte in Nizza und Rom und schliesslich von 1956 bis zu seinem Tod drei Jahre später als Gast von Paul Sacher in dessen Landhaus auf dem Schönenberg zwischen Pratteln und Frenkendorf.

In der Schweiz komponiert Martinů über 20 Werke, darunter die Kammermusik Nr. 1, das Nonett und das Klavierkonzert Nr. 5, mehrere Chorwerke und die Opern «Ariadne» und «Griechische Passion».

Wie ist es Ihnen gelungen, die jüdische Gemeinde zu überzeugen?

Es brauchte viele Gespräche, aber es ist auch eine schöne Vertrautheit dabei entstanden. Der Rabbiner wird eine Einführung halten, wir werden Kippas besorgen für die Zuhörer, die Sicherheitskontrollen werden wohl etwas Zeit beanspruchen. Nur Männer sollten singen, und da lag die Idee nahe, die Knaben- und Männerchöre, die Viktor Ullmann in Theresienstadt schrieb, mit dem «Jesaja» von Martinů zu kombinieren – nicht nur aus Respekt, sondern auch, weil es Musik ist, die unbedingt gehört werden soll.

Ein Höhepunkt ist die Eröffnung mit Gidon Kremer.

Ich habe ihn schon oft gefragt, aber es hat bislang nie geklappt. Es gäbe von Martinů ein Violinkonzert, aber das hatten wir schon im Programm, und es ist unsere Leitlinie, kein Werk zu wiederholen. So entsteht durch Kremers Passion für die Musik von Mieczyslaw Weinberg eine Verbindungslinie zu einem Zeitgenossen von Martinů.

Am Schluss steht ein Streichsextett in Streichorchesterfassung. In welcher Tradition steht es?

Martinů ist sehr bei sich selber. Die Verarbeitung von Themen und Motiven wie es die deutsche Art ist, blieb ihm fremd. Es geht bei ihm eher um Funktionen und Gegensätze: Tonalität gegen Atonalität oder Motorik gegen Kantilene. Es gelingt ihm aber immer, diese Muster so ausdrucksstark zu kombinieren, dass die Leute bewegt aus den Konzerten gehen.

Martinů Festtage
Basel
10.-24. 11
www.martinu.ch