Zolli
Kisoro – Der grosse Beschützer ist plötzlich nicht mehr da

Der grosse Beschützer des Zolli Basel ist plötzlich nicht mehr da. Der Silberrücken Kisoro starb an den Folgen des Fuchsbandwurms – zwei weitere Gorillas sind ebenfalls infiziert.

Annika Bangerter
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Kisoro ist tot
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Kisoro ist tot
Gegen den Fuchsbandwurm hatte Kisoro keine Chance.
Mit seinem Silberrücken erhielt Kisoro nicht nur die Akzeptanz der Gruppe, sondern führte sie an.
Tierärzte und grosse Kameras hielt er von seinen Gorilladamen fern – jetzt ist der Silberrücken Kisoro tot.
«Grosse Kameras haben ihn extrem gestört. Diese müssen wohl wie ein grosses Auge auf ihn gewirkt haben. Das provozierte ihn. Denn Berggorillas haben untereinander keinen Blickkontakt», erklärt Adrian Baumeyer.
«Kisoro war ein guter Diplomat und hat die Damengruppe wunderbar zusammengehalten», erzählt Kurator Adrian Baumeyer.

Kisoro ist tot

zvg/Zoo Basel

Er war der Anführer von fünf Gorillas, ein beeindruckend grosses, starkes Prachtexemplar von einem Gorilla. Gegen den Fuchsbandwurm hatte er aber keine Chance. Ende Mai starb der 25-jährige Kisoro im Zoo Basel an den Folgen der Parasiten. Kurz zuvor war der Silberrücken noch Urgrossvater geworden. In seiner Gruppe im Zoo Basel lebt jedoch nur noch sein elfjähriger Sohn Zungu. Seine Enkelin und Urenkelin sind im Naturpark Cabárceno im Norden von Spanien untergebracht.

Kisoro selber wurde vor 25 Jahren im Zoo Krefeld geboren. Im Alter von sieben Jahren kam er nach Basel – und bezog zuerst einmal Prügel von den Gorilladamen. «Zu Beginn musste Kisoro ein bisschen unten durch. Da er damals noch ein Schwarzrücken war, sahen ihn die Damen als Teenager an», erinnert sich Kurator Adrian Baumeyer.

Kameras provozierten ihn

Mit seinem Silberrücken erhielt Kisoro nicht nur die Akzeptanz der Gruppe, sondern führte sie fortan an. Dabei sei er eher ein zurückhaltender und vorsichtiger Leader gewesen. Aggressivität oder harsches Benehmen seien ihm fremd gewesen. «Kisoro war ein guter Diplomat und hat die Damengruppe wunderbar zusammengehalten», erzählt Baumeyer.

Dabei musste er immer wieder zwischen seinen beiden Lieblingsdamen, der 24-jährigen Joas und der 45-jährigen Quarta schlichten. Beide Gorillaweibchen buhlten um die Gunst ihres Anführers.

Wähnte Kisoro seine Gruppe in Gefahr, zögerte er nicht, sie zu verteidigen. Mit den Fäusten trommelte er auf seine imposante Brust, kreischte den vermeintlichen Gegner an. Das war vor allem der Tierarzt.

Doch auch einige Besucher zogen den Groll des Gorillas auf sich. «Grosse Kameras haben ihn extrem gestört. Diese müssen wohl wie ein grosses Auge auf ihn gewirkt haben. Das provozierte ihn. Denn Gorillas haben untereinander keinen Blickkontakt», erklärt Adrian Baumeyer.

Die Herde nimmt Abschied

Nun muss die Gorillaherde ohne ihren Anführer auskommen. Nachdem Kisoro gestorben war, liessen die Tierpfleger seinen toten Körper vorerst im Gehege. So konnten sich die anderen Tiere von ihm verabschieden. Über mehrere Stunden sassen die Gorillas bei ihm, berührten und beschnupperten ihn. «Ging ein Tier im Nebenraum Futter holen, setzte sich immer ein Gorilla in die Verbindungstüre. So konnte diese nicht schliessen», hat Adrian Baumeyer beobachtet. Erst nachdem die Herde den Raum mit dem toten Kisoro verlassen hatte, brachten ihn die Pfleger weg.

Die ersten Tage seien die Gorillas bedrückt gewesen, jetzt versuchen die Damen, den Lead an sich zu reissen. «Jede denkt, sie sei die Stärkste. Dabei bluffen sie hauptsächlich, gekämpft wird kaum», weiss Baumeyer. Das einzige Männchen der Gruppe, der elfjährige Zungu, kommt als Anführer nicht infrage. Er ist kastriert. Wie Kisoro und Quarta ist auch er vom Fuchsbandwurm befallen. Da drei Tiere die Parasiten in sich tragen, geht Baumeyer davon aus, dass sie sich im Zoo Basel angesteckt haben. Eine direkte Übertragung zwischen den Tieren sei nicht möglich. Der Kurator vermutet, dass die Gorillas über das verfütterte Gras infiziert wurden. Denn Füchse scheiden die Bandwurmeier über ihren Kot aus.

Fehlende Abwehrkräfte

Wie bei Menschen auch weisen die Tiere keine äusserlichen Symptome auf. Nur durch Zufall entdeckte der Tierarzt die Krankheit. Als die Affen im Herbst 2010 ins Provisorium umzogen und dafür betäubt wurden, untersuchte der Tierarzt jedes Tier – auch mit Ultraschall. Dabei stellte er die Parasiten fest. Fortan erhielten alle drei infizierten Gorillas Medikamente gegen den Fuchsbandwurm.

Was bei Menschen funktioniert, scheint bei Gorillas indes nicht zu wirken. Das könnte daran liegen, dass der Fuchsbandwurm nur nördlich des Äquators auftritt, Gorillas in der Wildnis jedoch auf der südlichen Erdhalbkugel leben. Deshalb vermutet der Zoo Basel, dass die Gorillas im Verlauf der Evolution keine entsprechende Immunabwehr gegen diese Parasiten entwickeln konnten.

Wie sich die Krankheit bei Zungu und Quarta entwickelt, kann Baumeyer nicht abschätzen: «Wir wissen nicht, ob sie besser auf die Medikamente ansprechen. Die Untersuchung ist ein riesiger Stress für die Tiere. Davor wollen wir sie bewahren.» Für die Gorillas im Zoo besteht inzwischen keine Gefahr mehr ob der heimtückischen Bandwürmer. Sie erhalten keine weiteren Gräser zum Fressen. Die Äste der Bäume schneidet das Zoo-Personal selber und bringt diese direkt zu den Affen. Das weitere Futter erhitzen die Tierpfleger auf 45 Grad, wodurch die Fuchsbandwurmeier abgetötet werden.

Die fünf Gorillas im Zolli müssen nicht mehr lange ohne Anführer auskommen. Über das europäische Erhaltungszuchtprogramm sucht der Kurator einen Nachfolger für Kisoro. Dieser muss sowohl genetisch wie auch sozial zur Herde passen. «Wir hoffen, dass bei den Gorillas so schnell wie möglich wieder ein Silberrücken einzieht», sagt Baumeyer. Mindestens bis dahin werden die Gorilladamen Kisoro vermissen.