Coronavirus
Kitas ohne Kinder: Seit Wochen sind die Basler Tagesstätten leer – warum sie dennoch funktionieren

Seit rund drei Wochen sind die Kitas in Basel-Stadt faktisch geschlossen. Die meisten Kinder müssen dieser Tage zu Hause bleiben, nur gut 400 werden noch in Kitas betreut. Doch welche eigentlich?

Samantha Siegfried
Drucken
Teilen
Die Kitas sind verwaist. Anspruch auf Betreuung haben nur Eltern mit systemrelevanten Berufen.

Die Kitas sind verwaist. Anspruch auf Betreuung haben nur Eltern mit systemrelevanten Berufen.

Nicole Nars-Zimmer

Es war für manche Eltern eine Hiobsbotschaft, die der Regierungsrat am 16. März verkündet hatte: Die Schulen in Basel-Stadt werden geschlossen und die Betreuung in den Kindertagesstätten auf ein notwendiges Minimum reduziert. Seither bietet der Kanton die Betreuung nur für Kinder jener Eltern an, die in Gesundheitsberufen arbeiten oder sonstige zwingende Arbeitsverpflichtungen haben – und die Betreuung nicht anderweitig organisieren können.

Doch was sind «zwingende Arbeitsverpflichtungen»? Diese Frage stellte vergangenen Mittwoch auch Kerstin Wenk, SP-Grossrätin und Gewerkschaftssekretärin beim VPOD der Region Basel, in einer Medienmitteilung. Sie fordert unter anderem eine bessere Kommunikation von den Kantonen Baselland und Basel-Stadt, denn: «Viele Arbeitgeber halten sich für systemrelevant», sagt Wenk.

Die Eltern stehen in der Verantwortung

Simon Thiriet, Kommunikationsleiter des Erziehungsdepartements Basel-Stadt (ED), präzisiert auf Anfrage: «Zu den zwingenden Arbeitsverpflichtungen gehören neben dem Gesundheitswesen die öffentliche Sicherheit, Polizei, Feuerwehr, Infrastruktur, Verkehr, Logistik oder die Versorgung der Bevölkerung mit lebensnotwendigen Gütern. Aber auch jene, die ausser den Grosseltern keine Betreuungsmöglichkeit finden.»

Wen das im Einzelfall betrifft, werde zwischen den Eltern und der Kitaleitung ausgehandelt. Dabei vertraue man auf die Eigenverantwortung der Eltern. «Die meisten haben den Ernst der Lage erkannt und suchen nach anderen Lösungen», so Thiriet. Diese Erfahrung teilt auch der Verein Familea, der 26 Einrichtungen in Basel-Stadt betreibt. «Anfangs war es ein Austarieren der Kriterien: Wer hat noch Anspruch, wer nicht?», sagt Aron Reichenbach, Leiter Tagesbetreuung. «Ich war erstaunt über das Verständnis der Eltern und ihre Bemühungen, sich der Situation anzupassen.»

Dabei hat sicherlich die Nachricht geholfen, dass der Kanton Basel-Stadt für die Betreuungsbeiträge der betroffenen Eltern aufkommt. Anders wurde es bis vor Kurzem im Baselland gehandhabt, wo Eltern ohne Anspruch auf Betreuung weiterhin Beiträge entrichten sollten. Diese Praxis wurde mittlerweile zum Teil der des Stadtkantons angepasst.

Die Basler Regierung kündigte an, auch privaten Trägerschaften von Kitas die Einnahmeausfälle zu vergüten. Laut Angaben des ED wurden vergangene Woche insgesamt noch 413 Kinder und Säuglinge im Kanton betreut. In den Familea-Kindertagesstätten waren es noch geschätzte zehn Prozent der Kinder, quer über alle Standorte verteilt.

Deren Eltern arbeiten etwa als Kassiererin, als Pöstler oder Pflegefachperson. Nicht dazu gehören in der Regel jene, die ihre Arbeit ins Homeoffice verlegen können. Wie zum Beispiel die Familie Oren. «Ich bin nur noch erschöpft», sagt der Vater der Familie. Er und seine Frau arbeiten beide fast Vollzeit, er bei einer Stiftung, sie in einem Biotech-Startup. Beides Bereiche, die nicht als «zwingende Arbeitsverpflichtungen» gelten, wie ihnen in der Kita mitgeteilt wurde. Ihre zwei Kinder, eineinhalb und fünfeinhalb Jahre alt, seien nun den ganzen Tag zuhause.

Nachfrage nach Betreuung könnte zunehmen

«Sie verstehen nicht, warum wir zwar da sind, ihnen aber nicht die volle Aufmerksamkeit geben können», so Oren. Weder er noch seine Frau haben Familienmitglieder in der Schweiz, die einspringen könnten. «Grundsätzlich arbeiten wir beide vier Stunden am Tag und vier Stunden in der Nacht, wenn die Kinder schlafen.» Als kurze Überbrückung könnten sie sich so arrangieren. Wie es weiter geht, wenn dieser Zustand noch lange anhält, wisse er jedoch nicht.

Diese Problematik kritisiert auch Gewerkschaftssekretärin Wenk. «Wir haben viele Meldungen von Eltern erhalten, die ihre Arbeit in die Nacht verlegen. Das geht auf die Dauer nicht gut.» Sie fordert mehr Toleranz seitens der Arbeitgeber, da im Homeoffice mit Kindern nicht die gleiche Leistung erbracht werden könne.

Auch Aron Reichenbach von der Familea gibt zu bedenken, dass eine Verlängerung der Massnahmen problematisch werden könnte. «Ich kann mir vorstellen, dass sich die Situation für einige Familien mit der Zeit zuspitzen wird.» Er rechne daher damit, dass in Zukunft die Anfragen der Eltern wieder zunehmen werden.