Klassik
Sol Gabetta im Stadtcasino: Sonnenwärme für eine melancholische Musik

Sol Gabetta spielte im Stadtcasino das Cellokonzert von Edward Elgar – und mischte dem nostalgischen Werk einen Funken Hoffnung bei.

Reinmar Wagner
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Liess nie die Wärme und Eleganz ihres intensiven Celloklangs hinter sich: Sol Gabetta.

Liess nie die Wärme und Eleganz ihres intensiven Celloklangs hinter sich: Sol Gabetta.

Benno Hunziker

Es war das letzte grosse Werk eines depressiven und kranken Komponisten nach der desillusionierenden Erfahrung des Ersten Weltkriegs: Edward Elgars Cellokonzert von 1919 ist ein schmerzlicher Schwanengesang auf die Romantik voller Nostalgie und süsser Melancholie.

Bei Sol Gabetta erhielt Elgars Cellokonzert eine ungeahnte Leuchtkraft. Was die Cellistin am Dienstag bei ihrem Auftritt im Basler Stadtcasino trug – leuchtendes Gelb mit einem Flammenkranz aus Violett, die Inkarnation der Sonne, herabgestiegen aus einem Götterhimmel – war nicht nur eine überaus treffende Assoziation ihres Vornamens, sondern gab der Cellistin auch eine majestätische Erscheinung. Gabetta negierte die bitteren Aspekte des Werks keineswegs, sondern legte alle Kraft in die suggestiv ausgesungenen Linien dieser grandiosen Abschiedsmusik.

Das hatte Energie und Charisma, und das ohne die Extrembereiche des Cellospiels zu tangieren: Selten die geräuschhafte Attacke eines Akzents, da und dort ein Pizzicato wie ein Peitschenknall, aber sonst liess Gabetta nie die runde Wärme und noble Eleganz ihres intensiven Celloklangs hinter sich, und gab damit Elgars Schmerz nicht nur eine suggestive Schönheit, sondern sogar eine Art hoffnungsfrohe Zukunftsperspektive. Meriten verdienten sich im Elgar-Konzert auch die Musiker des Gstaad Festival Orchestra und der finnische Dirigent John Storgårds, denn sie schafften es souverän, das Spiel der Solistin atmen zu lassen, ohne sie unter Dauerdruck zu setzen.

Das Orchester spielte laut – bisweilen ziemlich lärmig

Das Gstaad Festival Orchestra wird üblicherweise formiert aus Musikern der führenden Schweizer Sinfonieorchester und aus begabten Studenten. In Basel schien diesmal der Jugend-Faktor sehr hoch, und das nicht nur optisch, sondern auch klanglich: Zeitweise erweckten die Musiker den burschikosen Eindruck eines ambitionierten Jugendorchesters, was ja an sich nichts Schlechtes sein muss.

Aber für eine Sinfonie wie der Vierten von Brahms, die stark von formalen Beziehungen und einer klaren Architektur lebt, lassen sich idealere Interpretations-Zugänge denken, zumal Storgårds seinen Musikern freien Ausgang gewährte. So klang denn dieser Brahms auch: frisch von der Leber weg, gut gelaunt, aber auch ziemlich laut, bisweilen sogar ziemlich lärmig, was diese Musik dann doch nicht verdient hat.

Fürs Protokoll: Das Einleitungsstück, das in manchen Konzert-Ankündigungen fehlte, war die «Oberon»-Ouvertüre von Carl Maria von Weber, Sol Gabettas wunderschöne gesungene Zugabe tatsächlich eine Opernarie – Lenskis düsterer Lebensrückblick aus Tschaikowskys «Eugen Onegin».

Gabetta hat sich in letzter Zeit den unterschätzten Cellokonzerten von Camille Saint-Saëns gewidmet und eine grosse Tournee mit Duo-Stücken zusammen mit der Geigerin Patricia Kopatchinskaja quer durch Europa abgeschlossen. Ein explosives Duo, wie die eben erst beim Label Alpha erschienene CD mit den besten Stücken dieses Programms beweist: eine abenteuerliche Reise zu zweit von Bach und Leclair über Ravel und Kodály bis zu Jörg Widman und noch neueren Klängen.

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