Architektur

Klein, aber oho: Palazzo übertrumpft Bundeshaus

Das Palazzo Liestal im Miniformat: Swissminiatur, Melide.

Das Palazzo Liestal im Miniformat: Swissminiatur, Melide.

Für den Erbauer des Schweizer Parlamentsgebäudes lag der Gipfel seines Schaffens in Liestal: Die Kunsthalle Palazzo würdigt Hans W. Auer.

In Bern setzte er der Schweiz mit dem Bundeshaus ein Nationaldenkmal. Das Lieblingsprojekt des einstigen Stararchitekten Hans Wilhelm Auer (1847–1906) aber steht in Liestal. «Was für ein wunderschönes Gebäude», schwärmt Konrad Tobler vor der ehemaligen Hauptpost, heute Kulturhaus Palazzo Liestal. Gemeinsam mit Massimiliano Madonna hat der Berner Kunst- und Architekturkritiker eine Ausstellung für die Kunsthalle Palazzo kuratiert, um Auers Werk zu würdigen. «Das Haus ist das grösste Objekt der Ausstellung», schmunzelt Tobler. «Wann hat man schon einmal eine solche Gelegenheit?»

Ornamentik, Symmetrie, Bossenwerk («Auer hatte eine Vorliebe für grob behauene Quader») – von den Dimensionen einmal abgesehen, ist das 1891 erbaute Palazzo mit seinen Rückgriffen auf die Formensprache der Renaissance dem Bundeshaus nicht unähnlich. «Der Ansatz war der gleiche», bestätigt Tobler, «der Historismus war in ganz Europa weit verbreitet.» Dabei handelte es sich längst nicht nur um eine ästhetische Entscheidung, die Bauart definierte vielmehr das Selbstverständnis der im Entstehen begriffenen Nationalstaaten. Die Frage lautete: Was ist demokratischer, Athen oder die aristokratischen Stadtstaaten Italiens? «Für Auer lautete die Antwort klar Florenz», so Tobler.

Symbolträchtig, aber nicht anti-modern sollten die Bauten sein, die Auer in einer Zeit grösster föderaler Fliehkräfte errichtete: Die Schweiz hatte mit dem Sonderbund einen Bürgerkrieg hinter sich, die Auseinandersetzungen zwischen Deutsch- und Westschweiz, Katholizismus und radikalem Liberalismus hielten an. Die Schweizer Bahnhöfe und Postgebäude, die Auer im florentinischen Landhausstil entwarf, sollten das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken. «Allerdings darf man sich vom Historismus nicht täuschen lassen», erklärt Tobler: «Auers Architektur war technologisch immer auf der Höhe ihrer Zeit.»

Die Moderne ist hinter einer Fassade versteckt

Dazu zählte nicht nur die Logistik, die der Liestaler «Postpalast» mit sich brachte, auch die Konstruktion selbst griff neue Technologien auf: vom ehemaligen Telegrafenturm auf dem Dach des Palazzos bis zur Stahlkonstruktion, die das Gebäude trägt. «Die Moderne ist bei Auer buchstäblich hinter einer Fassade versteckt», erklärt Tobler. Das wird in der Ausstellung deutlich, die Originalpläne des Architekten und zeitgenössische Aufnahmen zu einem dichten Überblick über Auers architektonisches Schaffen versammelt.

Auf einem Foto ist die Kuppel des Bundesratsgebäudes vor ihrer Fertigstellung zu sehen – eine Krone aus Stahlträgern, auf denen Arbeiter in schwindelerregender Höhe sitzen. Es war die Zeit, in der Gustave Eiffel seinen Eisenfachwerkturm plante – und die Eisenbahnbrücke von Münchenstein, deren Einsturz 1891 die schwerste Zugkatastrophe der Schweiz zur Folge hatte. «Das ist die Kehrseite der Moderne», erläutert Tobler und fügt an, dass zum Kuppelbau des Bundeshauses keine Unglücksfälle verzeichnet seien.

Ihrem Architekten bescherte die Kuppel allerdings wenig Glück. Zwar ging Auer in seinem Gestaltungswillen, der etwa die Zürcher Fraumünsterkirche bodigen wollte, mitunter selbst forsch vor. Doch das Gezerre um die endgültige Form des Schweizer Parlamentsgebäudes zog sich über Jahre hin und stürzte Auer in schwere Selbstzweifel. «In seiner letzten Vorlesung als Professor für Kunstgeschichte in Bern warf er seine eigenen Prinzipien über Bord», sagt Tobler. Der Wandel hin zu einer zeit­genössischeren Architekturauffassung gelang ihm nicht mehr: Auer starb mit 59 Jahren verbittert in einem Sanatorium bei Konstanz.

So bleiben ausser dem Bundeshaus nur eine Handvoll Gebäude, darunter das Palazzo Liestal, das mit seinem Detailreichtum und der strengen Anlehnung an den Renaissancestil die grösste Wertschätzung des Architekten genoss. Dass sich die Auseinandersetzung mit dem Historismus bis heute fortsetzt, zeigen die Werke von rund 20 zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern, die teils gezielt in Dialog zu dem in Vergessenheit geratenen Architekten treten. Am aufreizendsten sind zwei wackelige Quader aus Sandstein und Schaumstoff von Giro Annen, die viel von ihrer vermeintlichen Standfestigkeit eingebüsst haben. Hans Wilhelm Auer, der für die Ewigkeit baute, hätte für sie wohl wenig Verwendung gefunden.

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