Herr Mueller, es ist ein heisser Tag – eigentlich perfekt für eine Abkühlung im Rhein mit der von Ihnen geforderten Wasserrutschbahn ab der Johanniterbrücke, oder?

Christian Mueller: Finde ich auch. Schade, steht sie noch nicht.

Wie steht es um Ihre Initiative «Basel rutscht»?

Die läuft. Wir sind noch nicht gross Unterschriften sammeln gegangen. Im August und September wollen wir ein bisschen häufiger gehen.

Es ist Ihnen wirklich ernst?

Klar. Wir waren einmal eine Stunde mit den Unterschriftenbogen unterwegs. Wir sind keine hundert Meter weit gekommen, so gross war das Interesse. Leider durften viele, die unterschreiben wollten, es nicht tun. Sie waren entweder zu jung, Ausländer oder nicht aus Basel. Aber dafür gibt es ja Petitionen. Es dürfen alle unterschreiben.

Die Initiative kommt also?

Auf jeden Fall. Wir möchten eigentlich bis Ende Jahr die Unterschriften zusammenhaben. Aber wenns nicht reicht, haben wir ja noch bis Oktober 2014 Zeit. Das wird kein Problem.

Ihr Ziel ist, bei den nächsten Wahlen in den Grossen Rat gewählt zu werden. Ist diese Initiative nur ein PR-Stunt?

Nein. Das ist ein ernstes Anliegen. Ich wäre sehr froh um diese Rutschbahn. Der Spielplatz beim Voltaplatz kostete zwei Millionen Franken. Die Rutschbahn würde höchstens eine Million kosten.

Sie haben auch schon bei den Regierungswahlen teilgenommen. Sind Sie ein politischer Mensch?

Ja.

Was interessiert Sie an Politik?

In der Politik kann man gestalten. Ich komme ja von der Kunst. Der Kunstmarkt interessiert mich aber nicht mehr so. Ausserdem finde ich, dass man es besser machen kann, als es die heutigen Politiker tun.

Was denn?

Basel ist zu wenig liberal. Links und rechts verbieten zu viel. Einen gewissen Staat brauchts, aber eigentlich sollte man die Leute machen lassen.

Zum Beispiel mehr Gewerbefreiheit, wie Sie auf der Website ihrer Partei Freistaat unteres Kleinbasel fordern?

Genau. Wir haben ja ein Vereinslokal, das Café Hammer an der Hammerstrasse. Für dieses wollten wir eine Bewilligung, die wir wegen der diversesten Paragrafen aber nicht bekommen haben. Da steckt der Wirteverband dahinter.

Warum der Wirteverband?

Kein Architekt braucht ein Patent, um sein eigenes Architekturbüro zu gründen. Aber um eine Flasche Bier aufzumachen und über die Theke zu geben, brauche ich ein Wirtepatentkurs für 3500 Franken. Ich habe nirgends rausgefunden, wie ich die Wirteprüfung ohne den Kurs ablegen könnte. Die Prüfung kostet dann ja auch nochmals 500 Franken.

Als Wirt trägt man eine Verantwortung.

Ich verstehe die Vorschriften für Restaurants, die mit offenen Lebensmitteln hantieren. Man muss die Leute ja vor unhygienischen Lebensmitteln und vor Lärm schützen. Die Gesetze sind aber so exzessiv ausgelegt, dass sie wirtschaftsfeindlich sind. Es ist eher ein Schutz für die, die schon ein Lokal haben.

Wie geht es weiter mit dem Café Hammer?

Es gibt zwei Möglichkeiten: Wir machen zu, was aber sehr schade wäre. Oder wir versuchen nochmals, die Bewilligung für das Vereinslokal zu bekommen. Das sollte klappen. Es dauert einfach lange und während dieser Zeit haben wir keine Einnahmen.

Und das können Sie sich leisten?

Wir versuchen ja nicht, Geld zu machen damit. Wir wollen nur die Miete zahlen können. Auch Konzerte dürfen wir nicht mehr machen.

Viele Wirte klagen über Behördenwillkür.

Das kennen wir auch. Das «Carambolage» im Kleinbasel zum Beispiel hat sich auch als Vereinslokal registrieren lassen. Bei denen hats geklappt, bei uns nicht. Die waren einfach früher dran. In Basel werden einem immer Steine in den Weg gelegt, wenn man etwas bewegen will.

«Damit aus Basel keine Schlafstadt wird», heisst es bei ihrer Partei. Ist Basel eine Schlafstadt?

Ja.

Wie zeigt sich das?

Zum Beispiel am Clubsterben. Es sind diverse Orte zugegangen in letzter Zeit. Das NT-Areal etwa. Das ist ja auch Okay. Es war lange genug offen und man wusste, dass es irgendwann zugehen wird. Aber es kommt wenig Neues. Es ist auch nicht mehr möglich, draussen Partys zu veranstalten, ohne dass die Polizei massiv einfährt. Es ist nicht nachvollziehbar, dass es nicht möglich sein soll, auf einem offenen Feld irgendwo weit weg ein Fest zu veranstalten.

Wegen des Abfalls?

Klar bleibt Abfall liegen, wenn die Polizei kommt und Leute in Untersuchungshaft nimmt. Da hat man keine Zeit mehr zum Aufräumen.

War das früher anders?

Vor zehn Jahren kamen noch zwei Polizisten vorbei. Die nahmen die Personalien auf und mit den machte man eine Zeit ab, bis wann alles aufgeräumt sein muss. Heute kommen sie mit Gummischrot und Vollmontur.

Gab es in Basel einen Kulturwandel?

Sieht so aus, ja.

Und warum?

Ich weiss es nicht. Ich würde es auch gerne verstehen.

Ihre Partei fordert einen Grossraum Basel. Da sollen Basel und Baselland dazugehören, aber auch die nach Basel orientierten Orte im Aargau, Solothurn, Elsass und Baden.

Ich bin selbst im Schwarzbubenland aufgewachsen und in drei Kantonen zur Schule gegangen: in Solothurn, in Bern, als das Laufental da noch dazugehörte, und in Baselland. Ohne dass ich einmal umgezogen wäre.

Was macht denn die Region Basel so speziell?

Sie ist nicht spezieller als andere. Eine Demokratie kann meiner Meinung aber nur dann funktionieren, wenn die Leute auch wirklich über die Region abstimmen, in der sie leben. Ich will nicht über Zweitwohnungen im Wallis abstimmen müssen. Genau gleich, wie mich als Schwarzbube die Umfahrung Olten nicht interessiert.

Die Schweiz ist nun mal ein Konstrukt.

Ja und letztendlich geht es mich ja doch etwas an: wegen des Finanzausgleichs. Den braucht es meiner Meinung nach aber auch nicht. Eine Region sollte sich selber finanzieren können.

Haben Sie sich schon mal überlegt, aus der Region fortzuziehen?

Ich hab mal ein Jahr in Zürich gewohnt. Fand ich nicht so toll, dort gibt es noch weniger Freiräume.

Stichwort Subventionen: Die Kunst profitiert ja stark davon.

Ja, auch da subventioniert man viel zu viel.

Sie reden wie ein klassischer Liberaler.

Offenbar. Eigentlich dachte ich, ich sei sozialliberal.

Sie haben eine Partei extra fürs Kleinbasel gegründet. Was ist das Kleinbasel für Sie?

Hier lebt es am meisten in der ganzen Stadt. Man kann bis 22 Uhr einkaufen und am längsten in der Bar sitzen bleiben. Es ist auch am lautesten. Ich weiss das, ich wohne an der Feldbergstrasse. Hier gibt es Lärm. Es fährt all halbe Stunde die Feuerwehr oder die Polizei mit Sirene vorbei. Es gibt kein Menschenrecht darauf, mit offenem Fenster schlafen zu dürfen.

Viele Leute im Kleinbasel beklagen die zunehmende Gentrifizierung.

Ich finde, Quartiere dürfen sich verändern. Es würde im Kleinbasel eher noch ein bisschen mehr Leben vertragen.

Als was würden Sie sich bezeichnen? Künstler, Politiker, Gastronom?

Als Aktivisten.

Was hat es eigentlich mit Ihren Kleidern auf sich? Sie tragen ja immer rot und blau ...

... und weiss! Diese Farben gefallen mir einfach. Irgendwann hatte ich nur noch solche Kleider im Schrank. Das finde ich nicht speziell. Architekten tragen auch nur schwarz.

Dann ist es nicht, weil Sie FCB-Fan sind?

Das bin ich natürlich schon. Ich habe mich sehr über das neue Trikot gefreut. Da sind die Streifen weiss statt gelb. Im Café Hammer zeigten wir ja alle FCB-Spiele live und in HD. Es war der einzige zugängliche Ort, wo man noch ohne Konsumzwang alle FCB-Spiele schauen konnte.