Einwanderung

Köppels demagogische Liebeserklärung ans eigene Volk

Ein Politiker, der keiner ist: Der Journalist Roger Köppel machte am Dienstag auf seiner Schweiz-Tournee Halt in Basel.

Ein Politiker, der keiner ist: Der Journalist Roger Köppel machte am Dienstag auf seiner Schweiz-Tournee Halt in Basel.

Auf seiner Schweiz-Tournee macht der «Weltwoche»-Chef Roger Köppel auch Halt in Basel. Mit Läckerli-Sprüchen und rechtskonservativen Botschaften füllt der Journalist den ganzen Stadtcasino-Saal.

Als Jesus die vielen Menschen sah, stieg er auf einen Berg. Als Roger Köppel die 450 Basler sah, stieg er auf die Bühne. Jesus setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm. Köppel blieb stehen, das Publikum sass. Dann begann er zu reden und lehrte sie.

Jacob Burckhardt, welch wohlklingender Name im Hans-Huber-Saal, wo die Basler Elite sonst Kammermusik-Klängen lauscht. Jacob Burckhardt, der grosse Kulturhistoriker aus dem Daig, dem – dem Daig – es zu verdanken ist, dass die Liberalen in Basel als eigene Partei noch existieren. Ausgerechnet ein solcher Freigeist soll ein Liebling Köppels sein, der in seiner Zeitung «Weltwoche» einen strammen SVP-Kurs fährt und als Sprachrohr Christoph Blochers gilt?

«Weil er ein typischer Schweizer Weltbürger war», so die Worte des Journalisten. Verwurzelt, aber geistig weltoffen, einer wie Köppel: Der Mann trat bis vor kurzem vorwiegend in der Welt, im Deutschen Fernsehen, auf, als «der Schweizer». Nach dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative geht es ihm nicht mehr darum, den anderen die Schweiz zu erklären, sondern den Schweizern selbst zu sagen: Ihr seid Helden! Weil die heutigen Schweizer den Weg eines weiteren bekannten Baslers, des einstigen Bürgermeisters Johann Rudolf Wettstein, fortsetzten und die Unabhängigkeit forderten. Applaus.

Botschaft in kluge Worte verpackt

In St. Gallen demonstrierten vor wenigen Tagen etwa dreissig Menschen gegen Köppel und seinen Vortrag «Die Schweiz und Europa». Im Publikum sassen rund 400 Leute.

In Basel demonstrierte niemand, im Publikum sassen gut 450 Leute. St. Gallen hat die Masseneinwanderungsinitiative angenommen, Basel-Stadt hat sie abgelehnt. Köppel rechnete mit kritischen Besuchern, bat halb im Witz, halb im Ernst, auf das Werfen von Gegenständen zu verzichten. Und versprach, nur Hochdeutsch zu sprechen, er, der Zürcher.

Doch es waren nicht seine lockeren Sprüche, die begeisterten; nicht die Bemerkung, dass das Basler Läckerli noch nicht von der Familie Blocher «beherrscht» worden sei, als er als Bub erstmals in ein solches biss. Es war der Inhalt. Die «Botschaften», wie Köppel es nennt. In kluge Worte und unterhaltsame Anekdoten verpackt, hämmerte er die Kernbotschaft über eine Stunde lang in die Köpfe: «Der 9. Februar ist kein Datum der Finsternis, sondern ein Befreiungsschlag. Eine Sternstunde der direkten Demokratie.» Lob dem Volk, Tadel dem Bundesrat. Dieser habe in Brüssel stets behauptet, die Schweiz werde dann schon der EU beitreten, dem eigenen Volk aber habe er weisgemacht, es handle sich nur um eine Zusammenarbeit. Doch das Volk sei nicht dumm, im Gegenteil: Es habe den Braten gerochen und die Notbremse gezogen. Und wenn es tatsächlich die Hinterwäldler waren, wie Medien kolportierten, habe er, Köppel, die Bestätigung für etwas, was er längst denke: «Der Hinterwäldler gehört zu den meist unterschätzten Gattungen der Menschheit.» Applaus. Und das in einer Stadt, die sich nicht zum Hinterwald zählt, sondern zu Europa.

Selbstbestimmung. Die Schweiz sagt Ja zur Selbstbestimmung. Immer wieder. Und Differenzierung: «Die Wähler haben die Zuwanderungsfrage mit der Europafrage verknüpft», sagte Köppel. Also sind wir doch nicht fremdenfeindlich? Natürlich nicht, was für ein Unsinn! Immer schon sei die Schweiz auf Ausländer angewiesen gewesen, wir, das Land ohne Kolonien, weltoffen und gut.

Brillant, wie Köppel es schafft, so zu tun, als wäre die Katastrophe allenfalls mit einem Nein eingetreten.

Die Botschaft bleibt eine tief politische: «Die Schweiz darf niemals einem politischen Gebilde beitreten, das andere Staaten diskriminiert.» Genau das aber täte die EU, indem sie sanktioniere und bocke. Dabei wolle die Schweiz nur eines: Unabhängig sein. – Ja, 50,3 Prozent wollen das.

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