Interview

Körperspracheexperte Urs Zeiser: «Was wir wirklich verloren haben, sind Berührungen»

Urs Zeiser spricht im Interview über die aktuellen Distanzregeln.

Urs Zeiser spricht im Interview über die aktuellen Distanzregeln.

Was verloren geht, wenn wir uns nicht mehr die Hand geben dürfen und unser Gesicht mit Masken verdecken.


Die aktuellen Distanzregeln beeinflussen unser Verhalten nachhaltig. Der Basler Körpersprachexperte Urs Zeiser erzählt, was Händedruck mit Glaubwürdigkeit zu tun hat und gibt Tipps für virtuelle Treffen.

Herr Zeiser, ich habe seit drei Monaten kaum mehr eine Hand geschüttelt. Wie konnten wir eine Selbstverständlichkeit derart schnell ablegen?

Urs Zeiser: Dabei müssen wir die Motivation anschauen, die dem vorausging: Auf einmal war die Hand geben mit einer tödlichen Ansteckung verbunden. Das hat einen enormen Eindruck bei uns hinterlassen, bis hin zur Blockade. Und je stärker und auch je länger etwas auf uns wirkt, desto nachhaltiger kann sich das auf unser Verhalten niederschlagen.

Warum ist das Handgeben in unserer Gesellschaft so bedeutend?

Kulturell ist es vor allem ein Zeichen von Respekt. Aber körpersprachlich werden dabei zahlreiche Informationen über die Befindlichkeit des Gegenübers mitgeliefert. Wie fest ist der Arm druckgestreckt, werde ich auf Abstand gehalten oder herangezogen? Wie stark ist der Druck, wird die Hand geschüttelt oder nur gegeben? Ist die Hand des Gegenübers in der Mitte des Körpers oder muss ich sie irgendwo suchen? Wir teilen dem Gegenüber unbewusst unsere Rolle mit, unseren Status und was wir bei dem Treffen beabsichtigen.

Das geht mit den neuen Distanzregeln alles verloren?

Ja, indem sich die Norm auf einmal komplett umgekehrt hat. Vor wenigen Jahren drohte Schülern in Therwil eine Busse von 5000 Franken, weil sie das Handgeben verweigerten. Heute gilt es als Zeichen von Respekt, die Hand nicht mehr zu geben. Doch das aktuell verlorene Ritual sorgt für Unsicherheit, viele zögern bei der Begrüssung und fühlen sich unbeholfen. Und sobald wir mit unserem Körper nicht so handeln können, wie wir das eigentlich wollen, verlieren wir an Glaubwürdigkeit.

Wie empfehlen Sie, sich bei einer Begrüssung zu verhalten?

Klare Signale aussenden. Überlegen Sie sich vor dem Treffen, wie Sie die Person begrüssen wollen. Will ich auf Distanz bleiben? Mit den Ellbogen grüssen? Oder doch die Hand anbieten? Wenn Sie sich das vorher zurechtgelegt haben, senden Sie körpersprachlich entsprechende Signale aus, die das Gegenüber verstehen wird. Oder es kommt immerhin zu einem verbalen Austausch darüber. Persönlich gefällt mir eine leichte Verbeugung, wie im asiatischen Raum.

Sie beraten auch Leute im Verkauf in ihrem Auftreten. Haben es Maskenträger nun besonders schwer?

Mit einer Maske werden tatsächlich viele Informationen entzogen, Zeichen, die wir mit dem Mund, den Lippen, dem Unterkiefer machen. Dafür lesen wir umso mehr von den Augen ab und die Augen können ebenso gut Vertrauen signalisieren. Wichtig ist, sich mit dem Umstand zu versöhnen, diese Maske tragen zu müssen. Denn auch eine solche Unzufriedenheit ist leicht in den Augen abzulesen.

Sie als aktiver Schnitzelbänkler kennen die Wirkung der Worte. Kann auch sie uns helfen, die eingeschränkte Körpersprache zu kompensieren?

Auf jeden Fall. Nicht nur Worte an sich, sondern vor allem die Intonation, sie wirkt erwiesenermassen bis zu sieben Mal mehr als die Wörter. Dazu gehört auch die Geräusch- und Rhythmusebene. Und sie hängt eng mit der Körpersprache zusammen: Um etwas anders zu betonen, muss ich eine andere Haltung einnehmen, zum Beispiel die Körperspannung verändern.

In Ihrem nächsten Seminar wird auch die virtuelle Körpersprache eine Rolle spielen. Worauf ist denn bei einer Videokonferenz speziell zu achten?

Man muss sich inszenieren. Ein freundliches Lächeln kann viel bewirken, denn viele Informationen sind durch die physische Abwesenheit verloren gegangen. Auch ist es hilfreich die Hände zu zeigen, denn was nicht sichtbar ist, wird interpretiert – nicht immer zu meinem Vorteil. Auch die Geschwindigkeit der Bewegungen und der Rhythmus der Stimme spielen eine Rolle: Möglichst keine Hektik ist angesagt, langsam sprechen und ruhig gestikulieren.

Glauben Sie, wir werden unsere einstigen Rituale in Zukunft wieder aufnehmen?

Das ist schwer zu sagen und wird derzeit auch nicht klar kommuniziert. Es ist letztlich eine individuelle Angelegenheit. Es werden sich neue Rituale einpendeln oder auch die alten, je nach Sozialisation, Umgebung und Person, auf die ich treffe. Bei Menschen, die zur Risikogruppe gehören, bleibe ich vermutlich vorsichtiger. Mit meinem besten Freund kann sich vielleicht wieder eine Umarmung einpendeln - was wichtig wäre.

Warum?

Was wir wirklich verloren haben, sind Berührungen. Wir getrauen uns nicht mehr, uns zu berühren, haben Hemmungen, uns am Arm zu fassen oder auf die Schulter zu klopfen. Zurzeit noch zu Recht. Aber dabei sollte man bedenken, dass Berührungen eine sehr effektive und intensive Kommunikationsart sind. Es wäre ein grosser Verlust, wenn sie uns gänzlich verloren ginge.

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