Was ist so besonders an Košice?

Dušan Šimko: Der ständige Wechsel. Wechselnde Regime, wechselnde Sprachen und Dialekte, verschiedene Religionen, ja das Verschwinden ganzer Menschengruppen haben die Stadt geprägt. Im 17. Jahrhundert dominierten die Deutschen: Sie leiteten die Verwaltung, bestimmten Kultur und Wirtschaft. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und vor allem zu Beginn des 19. Jahrhunderts eroberten die Ungarn die führende Rolle der Stadt und behielten diese bis zum Ende des Ersten Weltkrieges. 1918 wurde die erste Tschechoslowakische Republik installiert, damit kamen die Slowaken und neu auch die Tschechen zum Zug, sie übernahmen anspruchsvolle Positionen in allen Bereichen.

Weshalb ist Košice heute trotzdem eher unbekannt, für Schweizer schon fast exotisch?

Die Exotik beginnt für viele schon beim Südbahnhof in Wien. Man darf nicht vergessen: Die beiden Weltkriege und danach die Installierung des Eisernen Vorhangs hat Europa brutal durchgeschnitten, bis zur Wende 1989. Der Annäherungsprozess seither ist noch nicht zu Ende. Seit der Öffnung reisen die Leute gern nach Prag, aber damit hat es sich schon bald mit den Reisen nach Osteuropa. Sie merken nicht, dass die Slowakei enorm viel zu bieten hat. Zips beispielsweise ist eine phänomenale Kulturlandschaft in der Nord-Zentralslowakei. Und im Gegensatz zu Siena, Florenz und Prag wird es nicht von Touristen überschwemmt – in Prag ist die Situation fast unerträglich geworden. Hinzu kommt ein ganz praktisches Hindernis: Košice ist nicht leicht erreichbar. Direktflüge gibt es praktisch keine, Autobahnanschlüsse stehen immer noch aus. Auf den Zug muss man via Prag, Wien oder Budapest.

Dabei galt Košice Ende des 19. Jahrhunderts europaweit als mondäne, multikulturelle Stadt.

Die Stadt ist auch heute multikulturell, auch wenn ich dieses Wort nicht sonderlich mag. Es dominieren jetzt die Slowaken, aber daneben stellen die Ungarn etwa vier bis sechs Prozent der Stadtbevölkerung. Die drittgrösste Gruppe sind seit den 1950er-Jahren die Roma. Dazu kommen Tschechen, Bulgaren, Ukrainer, Rusinen, Polen und mehr. Gerade die ungarische Minderheit ist zwar seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs kleiner geworden, aber immer noch sehr präsent in der Stadt. Es gibt ein gutes ungarisches Theater, das Thalia, ein ungarisches Gymnasium und ungarische Fachschulen.

Konnte Košice von diesem Jahr 2013 als Kulturhauptstadt profitieren? Ist die Stadt jetzt bekannter geworden?

Nach aussen mit Sicherheit. Wahrscheinlich ist Košice zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg wieder in den Feuilletons der Weltpresse aufgetaucht – etwa im «Spiegel», dem ZDF, der «FAZ». Zwar nur blitzartig, danach verschwand sie wieder. Kein Vergleich mit Marseille, das medial viel präsenter war. Aber Marseille bekam auch etwa sechs Mal mehr Geld.

Was hat dieses Jahr Košice selbst gebracht?

Man könnte einiges kritisieren, aber ich möchte es vor allem positiv sehen. Dieses Jahr bot den jungen Menschen Košices eine Chance, Kulturkontakte nach Westeuropa zu knüpfen. Ausserdem gab es für slowakische Verhältnisse plötzlich relativ viel Geld für Kunstprojekte. Die Stadt wurde belebt. Es gab enorm gute Konzerte und Ausstellungen.

Was gibt es zu kritisieren?

Ich fand es schade, dass bei der Eröffnung sehr viel Geld für eine zweitklassige Band aus England ausgegeben wurde – Jamiroquai kosteten eine Viertelmillion. In erste Linie sollte das Kulturstadt-Geld so investiert werden, dass die eigene Kultur gezeigt werden kann. Und was sich nun alle fragen, ist, wie es weitergeht mit den vielen neu entstandenen Flächen für Kunstausstellungen. Das Schwimmbad wurde in eine neue Kunsthalle umgebaut und die alte Kaserne aus der k.u.k. Zeit wurde renoviert. Doch wer wird fortan die Heizkosten, die Kuratoren, die Versicherungen etc. bezahlen? Ich befürchte, dass diese Gebäude zweckentfremdet werden zu einer Shoppingmall oder zu Büroflächen.

Košice hat auch eine schlimme Vergangenheit, Sie erwähnen diese im Vorwort Ihres Buchs. Während des Zweiten Weltkriegs war die Stadt offenbar eine Verkehrsdrehscheibe für die Deportationszüge. Auch 15'000 Juden aus Košice wurden deportiert, die meisten kamen in Auschwitz um.

Die jüdische Gemeinde war im 19. Jahrhundert eine tragende Säule der Kultur und Ökonomie. Im Sommer 1944 ist dieser wichtige Teil der Gemeinschaft Košices einfach verschwunden, das heisst: umgebracht worden. Sehr wenige kamen zurück. Heute ist die jüdische Gemeinde tragischerweise sehr klein, sie besteht aus noch etwa 200 Menschen. Und obschon in der Slowakei kaum noch Juden leben, gibt es hier leider weiterhin Antisemitismus.

Wie geht die Stadt mit dieser Vergangenheit um? Gibt es eine ehrliche Aufarbeitung?

Die Vergangenheitsbewältigung war während des Kommunismus tabuisiert. Danach kam es nicht einmal zu einer tiefer gehenden Bewältigung der Jahre unter der kommunistischen Diktatur. Solange eine Gesellschaft aber keine Vergangenheitsbewältigung betreibt, ist ihre eigene Identität fragwürdig, finde ich. Doch innerhalb des Kulturhauptstadt-Programms bekam die jüdische Gemeinde immerhin einen gebührenden Raum – unter anderem mit Klezmer-Konzerten und einer Ausstellung über wichtige jüdische Familien der Stadt. Das ist etwas Neues, und das finde ich gut. Die Zehntausenden von Zugewanderten aus der Provinz sollen auch wissen, wo sie sind, dass diese Stadt eine Vergangenheit hat, eine gute und eine schlechte.

Ein anderer Tiefpunkt, vor allem für die Slowaken, war, als die Truppen Miklos Hortys einen Teil der Slowakei, auch Košice, zu Ungarn annektierten.

Im November 1938 marschierte Horthy ein. Auf den historischen Fotos sieht man, dass viele Menschen jubelten. Aber der Jubel ist schnell vergangen. Aus ökonomischen Gründen, und auch, weil viele Männer in die ungarische Armee eingezogen wurden, die mit den Deutschen Richtung Ukraine und Russland marschierte. Und die Juden haben diese Zeit natürlich am bittersten erlebt.

Wie ist das Verhältnis zwischen den Slowaken und der ungarischen Minderheit heute?

Das ist eine heikle Geschichte. Aber in der Stadt selber gibt es, glaube ich, keine Probleme. Schon nur deshalb, weil die Slowaken eine absolute Mehrheit bilden. Die Ungarn behaupten sich kulturell relativ gut. Aber was ich sehr bedaure, ist, dass die Stadt keine ungarische Buchhandlung mehr hat.

Wie ist Ihr Košice Reise- und Lesebuch entstanden? Warum haben Sie diese Form gewählt?

Als Schriftsteller hat mich interessiert, was in den letzten 400 bis 500 Jahren über meine Heimatstadt geschrieben wurde. Ich dachte, eine solche fast unbekannte Stadt mit einer derart bewegten Geschichte und Kultur kann man am besten so vorstellen, mit einer literarischen Anthologie. Zahlreiche bekannte Autoren haben sich mit Košice auseinandergesetzt, etwa der rasende Reporter Egon Erwin Kisch, der grosse russische Prosaiker Il’ja Erenburg und Sándor Márai – er wurde in Košice geboren und ist heute plötzliche eine Ikone der Stadt. Das sind grosse Autoren europäischen Formats. Ein besonders interessanter Text ist für mich der frühste in diesem Band: Daniel Speer beschrieb im 17. Jahrhundert die Völker, Sprachen und Sitten blumig, geistreich und vor allem mit viel Humor – etwas, das heutigen Reisebeschreibern oft abgeht.

Wo sehen Sie die Zukunft Košices?

Die jungen Menschen dort haben eine gute Qualifikation, die Universität und die Hochschulen in Košice sind gut, sogar sehr gut. Aber viele gut qualifizierte Junge verlassen die Stadt. Die Slowakei ist momentan ein Montagewerk für die Automobilindustrie, das Land braucht aber weitere Sparten, um überleben zu können. Ungeheuer wichtig für Košice ist das Eisen- und Stahlkombinat US Steel. das hoffentlich nicht verkauft wird.

Könnte Košice wieder einmal so wichtig und bekannt werden wie im 19. Jahrhundert?

Auch nach diesem Kulturjahr fehlt hier eine Autobahn nach Budapest oder Krakau. Die isolierte Lage mag Romantikern gefallen, aber in der Praxis ist das ein grosser Nachteil. Ich wäre natürlich froh, wenn Košice wieder mehr nach aussen kooperieren würde: mit Polen, mit der Ukraine und mit Ungarn. Dafür müsste man gegenseitige Vorurteile überwinden. Und ich hoffe zudem, dass dank diesem Jahr Košice doch wieder zu einem Kulturzentrum wird.