Für den in Deutschland lebenden Syrer, der als Passagier mit dem Car in die Schweiz reisen will, ist am Autobahngrenzübergang Basel-Weil Endstation. Grenzkontrolleure entdecken bei dem zur Verhaftung ausgeschriebenen 28-Jährigen rund 40 Gramm Kokain in einer «Milchschnitte»-Verpackung, die sich im Ablagenetz seines Sitzes befindet. Messungen an Händen und Hosentaschen des Syrers bestätigen, dass er zuvor mit Kokain in Kontakt war.

Nach über 300 Tagen in Untersuchungshaft muss er sich vor dem Bezirksgericht Rheinfelden wegen mehrerer Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz verantworten. Die Staatsanwaltschaft fordert für den bereits in Deutschland mehrfach vorbestraften Angeklagten eine Haftstrafe von vier sowie einen Landesverweis von zehn Jahren.

Der Angeklagte schildert, dass er keine Ahnung habe, wie das Kokain in seine «Milchschnitte»-Verpackung gekommen sei: «Ich war während der Fahrt betrunken, habe den Sitz gewechselt und geschlafen.» Die Kokain-Spuren an den Händen erklärt er damit, dass er kurz vor der Abfahrt in Den Haag feiern war: «Kann sein, dass ich dort Kokain genommen habe.»

Es war nicht das erste Mal, dass der Angeklagte mit Drogen in der Schweiz in Erscheinung getreten ist: Rund zwei Jahre vor seiner Festnahme war er mit seinem Cousin auf der Autobahn in Richtung Zürich unterwegs. Als sein Auto aufgrund einer Reifenpanne auf der Höhe von Möhlin liegen blieb, nahte eine Polizeipatrouille heran. Als dies der Cousin bemerkte, liess er einen Beutel mit 44 Gramm Kokain, einige Meter vom Auto entfernt, fallen. Der Cousin belastete in mehreren Einvernahmen den Angeklagten schwer: «Er hat mir den Beutel gegeben und gesagt, dass es sich um Sporttabletten handeln würde.»

Ecstasy-Depot bei seinem Cousin

Der Angeklagte bestreitet dies und gibt an, dass ihn sein Cousin aus Rache belasten würde. Dies deshalb, weil der Cousin in die Schwester des Angeklagten verliebt war und diese heiraten wollte. «In unserer Kultur ist es Brauch, dass der Bruder die Schwester zur Heirat freigibt. Sie wollte jedoch meinen Cousin nicht heiraten. Er war der Ansicht, dass ich meine Schwester dazu hätte zwingen müssen», erklärt der Angeklagte. Auch, dass er das Zimmer seines Cousins im Kanton Luzern als Depot für Ecstasy-Pillen genutzt und dort in der Region gedealt hat, dementiert er.

Für die Staatsanwältin ist klar, dass der Angeklagte zum zweiten Mal aus finanziellen Gründen Kokain in die Schweiz einführen wollte und damit in Kauf genommen hat, die Gesundheit vieler Menschen zu gefährden. Zudem habe er seinen Cousin gezielt dazu benutzt, das Rauschgift über die Grenze zu schmuggeln. «Dies lässt auf eine hohe kriminelle Energie und Skrupellosigkeit schliessen», so die Staatsanwältin.

Der Verteidiger des Angeklagten sieht dies anders: «Die Aussagen des Cousins meines Mandanten sind unglaubwürdig. Er hat den Beutel fallen lassen und bei ihm im Zimmer wurden Drogen gefunden.» Zudem wäre es möglich, dass im Reisecar jemand anderes das Kokain bei seinem Mandanten deponiert haben könnte. Aufgrund dieser Zweifel fordert er einen Freispruch.

Das Gericht unter Vorsitz von Präsidentin Regula Lützelschwab glaubt nicht an einen Zufall, dass der Angeklagte gleich zweimal mit Drogen in Erscheinung getreten ist. Es räumt den Aussagen des Cousins und eines zweiten Zeugen eine höhere Glaubwürdigkeit ein als den Aussagen des Angeklagten. Auch aufgrund der ungünstigen Prognose wird der Angeklagte zu zwei Jahren Haft – abzüglich der ausgestandenen Untersuchungshaft – sowie zu zehn Jahren Landesverweis verurteilt.