Kunstfilm
Kombination Monet und Film: Doppelbelichtet, gespiegelt, gerafft

In der Monet-Ausstellung der Fondation Beyeler in Riehen erkundet eine Installation des Schweizer Regisseurs Matthias Brunner den Einfluss der impressionistischen Malerei auf das junge französische Kino.

Michael Lang
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Still aus This Brunners Filminstallation, die noch bis 28. Mai im Untergeschoss der Fondation Beyeler in Riehen zu sehen ist. (ZVG)

Still aus This Brunners Filminstallation, die noch bis 28. Mai im Untergeschoss der Fondation Beyeler in Riehen zu sehen ist. (ZVG)

bz Basel

Die Kombination Claude Monet und Film macht Sinn. In den Ausstellungsräumen und im Renzo Piano-Saal der Fondation Beyeler begegnen sich Kultur-Welten, vom selben Zeitgeist umweht: Einmal Gemälde des akkuraten Beobachters Claude Monet (1840-1926), dem Neuerer im Umgang mit Farben und Licht.

Ihm genügte es nicht, Landschaften zu malen. Er strebte nach der Überwindung des Statischen, wollte die Natur in ihrer Veränderung zeigen. Zum anderen die Pioniere des Films, die im anhebenden 20. Jahrhundert eine bewegte, schwarzweisse Bildsprache initiierten.

Dieses Neben- oder besser Miteinander zeigt Matthias Brunners exquisit in der Installation «Sous l’influence de Claude, Vincent, Paul... et les autres – der Einfluss der impressionistischen Malerei auf das junge französische Kino». Seit Jugendtagen Film-Aficionado, machte Brunner in den 1970er-Jahren sein Hobby zum Beruf: Als Direktor der ersten Arthouse-Kinogruppe revolutionierte er in Zürich das Programmangebot. Er gab dem europäischem Autorenfilm, dem US-Independent-Cinema oder dem asiatischen Film mehr Raum, lotste hochkarätige Persönlichkeiten der Filmszene in die Schweiz, förderte den Dialog mit den Zuschauern.

Filmkurator an der Art Basel

Seit 2012 verfolgt Matthias Brunner, der zwei Jahrzehnte die «Film Tributes» der ART Basel kuratierte, eigene künstlerische Projekte. Im Kunsthaus Zürich war etwa «Magnificent Obsession – The Love Affair Between Movies And Literature» zu sehen oder 2013 in Samedan und Gstaad «Die magische Bergwelt in den Filmen von Daniel Schmid», eine Hommage an den 2006 verstorbenen Schweizer Filmkünstler und Freund.

Matthias Brunner – Träger des Ordens «Officier des Arts et des lettres» der französischen Republik – ist ein Kultur-Brückenbauer im besten Sinne des Wortes. Neben seiner stupenden Film-Fachkenntnis werden sein Ideenreichtum, seine Hartnäckigkeit und vor allem sein Enthusiasmus geschätzt, wenn es darum geht, etwas zu realisieren oder zu unterstützen, das ihn selber begeistert.

Als Journalist habe ich das mehrfach erfahren dürfen. 1998 wurde ich eingeladen, für die Ausstellung «Lingerie: Eine Unterwelt» im Museum Bellerive Zürich Exponate zum Thema «Unterwäsche im Film» auszusuchen. Also war Matthias Brunner meine Anlaufstelle. In seinem Sammler-Fundus fanden sich wunderbare Filmplakate, doch es fehlte noch das Exzeptionelle. Beim Brainstorming rief Brunner den extravaganten US-Filmkünstler John Waters («Pink Flamingos», «Hairspray») an, mit dem er freundschaftlich verbunden ist. Bald trafen aus Übersee per Post Originalfotos ein: Sie zeigten die füllige Drag-Queen Divine – den Protagonisten einiger Waters-Werke – in Dessous. Et voilà, das Spezielle war da.

Doppelbelichtet und gespiegelt

Die Installation für die Monet-Ausstellung entstand in nur zwei Monaten. Eine kurze Zeit, um Filme zu sichten, Ausschnitte zu bestimmen, konzeptionell und einzubinden sowie das Ganze technisch optimal zu produzieren. Entstanden ist jedoch ein überzeugendes Opus mit Sequenzen aus rund zwei Dutzend Werken von zwölf international bedeutenden Filmrealisatoren, die in Frankreich arbeiteten. Etwa Abel Gance, Sergej Eisenstein, Jean Vigo, Alberto Cavalcanti. Oder Jean Renoir, der Sohn des Malers Pierre-Auguste Renoir, einem Vertrauten von Claude Monet.

Matthias Brunners schöpferischer Akt belegt den Einfluss der impressionistischen Malerei auf das erblühende Massenmedium Kino und verweist darüber hinaus auch auf Monets Faszination für den technischen Fortschritt, für Autos, die Eisenbahn, das Phänomen der Geschwindigkeit zurück. Und Brunner kämpft dabei – das war ihm wichtig – auch gegen das nicht gänzlich ausgeräumte Klischee vom gefälligen «Sonntagsmaler» Monet an.

Sein Film-Poem nutzt die ganze Breite des Raumes, mehr als 20 Meter, als Projektionsfläche bildfüllend aus, zerlegt sie aber auch in Sektoren oder choreografiert sie mit kaleidoskopischen Mustern. Weil Brunner raffiniert mit filmstilistischen Elementen wie Montage, Zeitraffer, Unschärfe, Doppelbelichtung, Spiegelungen und Schatten jongliert, fordert die Installation dem Betrachter einiges an konzentrierter Aufmerksamkeit ab.

Doch bald spürt man, wie vom Kompositionsfluss eine erstaunliche Sogwirkung ausgeht. Zusammen mit den sphärischen Klangbildern aus Arvo Pärts Symphonie Nr. 4 wird sie zum meditativ-emotionalen Erlebnis.
Matthias Brunner verzichtet auf akademisch-belehrende Erklärungen, Experten-Kommentare und Zwischentitel.

Er verführt das Publikum zu einem sinnlichen Seherlebnis, sensibilisiert es für die Magie des Impressionismus, der sich – in der Kunst wie im Film - in Richtung Abstraktion, Surrealismus, den poetischen Realismus entwickelt hat.

Die 30-minütige Film-Collage läuft kontinuierlich. Wir raten aber, zur halben oder vollen Stunde einzusteigen, weil sich dann der volle Reiz entfaltet. Die Schau mündet in Jean Vigos Meisterwerk «Zéro de conduite» (1933), wo die Zöglinge eines französischen Knabeninternats den Aufstand gegen die Autoritäten wagen und eine Kissenschlacht anzetteln. Die sanftmütig-anarchistische Szene deutet symbolhaft an, dass auch Claude Monets Sein und Tun einen rebellischen Urgrund hat.

Matthias Brunner hat bereits neue Pläne. Im Herbst präsentiert er in der Zürcher Galerie Bernhard eine Film-Collage zur Lyrik des deutschen Kultschriftsellers Wolf Wondratschek über Star-Ikonen wie Muhammad Ali, John Huston, Jean-Luc Godard oder Anna Magnani. 2018 will er dann eine Auftragsarbeit der Stadt Palermo fertigstellen, welche das provokante Schaffen von Pier Paolo Pasolini mit der brasilianischen Cinema-Nuovo-Bewegung zusammenführt. Ein besondere Herausforderung, fast schon «Risky Business», wie Brunner sagt, «aber das ist das, was mich interessiert, was ich mag.»

Claude Monets Kunst braucht den Film als Support nicht zwingend. Aber so wie das Kino in seinen Anfängen von Monet und anderen Meistern seines Fachs zehrte, kommt das Publikum von heute über die Installation «Sous l’influence de Claude, Vincent, Paul ... et les autres» der verwandtschaftlichen Beziehung zwischen Malerei und Film näher. Dank Matthias Brunner, der mit spielerischer Intellektualität das Verständnis für den Impressionismus lustvoll befeuert.

Monets Gemälde und die Filminstallation sind noch bis zum 28. Mai zu sehen.