Theater Basel

Kommissar Matthäi in der Spielgruppe

Die Kinder der Mädchen- und Knabenkantorei Basel mit Michael Wächter in «Das Versprechen». Sandra Then

Die Kinder der Mädchen- und Knabenkantorei Basel mit Michael Wächter in «Das Versprechen». Sandra Then

In Dürrenmatts «Das Versprechen» am Theater Basel stehen die Kinder im Mittelpunkt.

«Das Versprechen» von Friedrich Dürrenmatt ist ein Stoff, der von starken Bildern überlagert ist. Aus dem Jahr 2000 ist der Film «The Pledge». Darin spielt Jack Nicholson den Kommissar, der anstatt in Pension zu gehen, sich an der Aufklärung eines abscheulichen Kindsmords festbeisst. Der einst von allen Kollegen geschätzte Polizist driftet langsam in den Wahnsinn ab und endet als irrer Trinker vor seiner heruntergewirtschafteten Tankstelle. Dort wartet er immer noch auf den Mörder, wartet und trinkt und wartet. Er weiss nicht, dass dieser am Tag, als die Falle zuschnappen sollte, auf dem Weg zu seinem Opfer tödlich verunfallt ist.

Älteren Datums ist «Es geschah am helllichten Tag». Der Film von 1958 hat Dürrenmatt einem breiten Publikum bekannt gemacht. Heinz Rühmann als gewissenhafter Kommissar und Gerd Fröbe als Inbegriff des, zum Monster gewordenen, Muttersöhnchens haben sich ins Gedächtnis des Schweizer Fernsehpublikums eingebrannt.

Requiem auf den Krimi

Dürrenmatt selbst nahm den Film und sein eigenes Drehbuch zum Anlass, die Geschichte nochmals umzuschreiben. Sein Roman «Das Versprechen» ist eine böse Farce auf das Happy End. Der Berner Schriftsteller macht aus dem lösbaren Kriminalfall den unlösbaren Fall eines Kommissars, der wider alle Vernunft beinah selbst zum Verbrecher wird. Ein «Requiem auf den Kriminalroman» hat der Schriftsteller seinen Abgesang auf den klassischen Plot mit Opfer, Täter und Ermittler genannt.

Friedrich Dürrenmatt erweist sich damit als hell- und weitsichtiger Autor. Seine früh formulierte Kritik an der klassischen Krimidramaturgie hat die Flut solcher Produkte nicht verhindert. Aber Dürrenmatt hat früh durchschaut, dass deren Grunddramaturgie auf der Sehnsucht nach einer überschaubaren Welt fusst. Das Leben ist kein «Tatort», wo am Ende immer die Guten gewinnen. Bei Dürrenmatt wird die Welt selbst zum unlösbaren Fall, in dem das Rationale und das Irrationale im Widerstreit liegen. Der Grat zwischen den beiden Polen ist ein schmaler. Das demonstriert der Autor mit dem «Versprechen» souverän. Obwohl sein Kommissar Matthäi als einziger den Mord logisch analysiert, landet er letztlich im Wahn.

Kommissar im Kinderland

Viel Stoff also für einen Theaterabend. Regisseurin Nora Schlocker bereichert ihn durch eine weitere Dimension. Sie richtet den Fokus auf das Opfer. Die Kinder der Mädchen- und Knabenkantorei Basel tollen schon während des Einlasses auf der Bühne des Schauspielhauses herum. Ihr Chor, eine engelsgleiche Litanei singend, eröffnet den Abend, begleitet durch das Stück und ist Zuschauer des Geschehens. In der Mitte des Abends malen die Kinder auf die den Raum teilende Glaswand diejenige Landschaft, in welcher Matthäi seine Falle auslegt.

Das Unheimliche erscheint ab da vor einer Spielgruppen-Kulisse. Der abgehalfterte Kommissar benutzt die achtjährige Annemarie als Köder, um den Täter anzulocken. Am Ende wird Matthäi von der Kinderbande gepiesackt und zu Fall gebracht. Er, der selbst irre und kindsgleich wird und seinen analytischen Verstand verliert, wird zum Opfer der Kinder. Eine schöne Rahmung, die dem Abend aber auch eine seltsam harmlose Note gibt.

In dieser Einbettung erzählt Schlocker die Geschichte. Michael Wächter spielt einen schlaksigen Eigenbrötler. Sein Matthäi ist mehr trotziger Jüngling als erfahrener Kommissar. Sein Weg folgt der Romanvorlage: Der Fund der Mädchenleiche, das Versprechen an die Mutter, die Befragung der Kinder, die Zeichnung mit dem Zauberer und den Igeln, das Verhör und der Selbstmord des vermeintlichen Täters, das Gespräch Matthäis mit dem Polizeipsychiater, seine zur Tarnung zugelegte Familie, das Warten im Wald auf den Mörder.

Der Abgrund bleibt verschlossen

Die Szenen werden in harten Schnitten aneinandergereiht. Die Inszenierung geht damit das Risiko ein, dass der Zuschauer sie mit dem Filmerlebnis vergleicht. Da kann das Theater eigentlich nur verlieren.

Seine Stärke wäre der gedankliche und emotionale Tiefgang, vielleicht auch ein anderer Zugriff auf den Stoff. Schlockers Fassung hält die dramatische Story auf Distanz, als ob sie nur deren Struktur zeigen möchte. Selbst Carina Braunschmidt darf in ihrer Dreifachrolle als Mutter des Opfers, des Mädchens und des Täters ihre Emotionen nur knapp anspielen. Sie wäre eigentlich das emotionale Zentrum dieser Geschichte. Aber bis dorthin stösst dieser Abend nicht vor, obwohl er gerade das Kind ins Zentrum rückt. Die Fallhöhe von der Spielgruppe zum bösen Spiel der Erwachsenen funktioniert nur bedingt.

«Das Versprechen» – Nächste Vorstellung 22. November, Theater Basel.

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