Musik

Komponist Fritz Hauser: «Mich interessiert der Pizza-Effekt»

Fritz Hauser: Für seine «Chortrommel» stehen in Basel über 80 Leute auf der Bühne.Kenneth Nars

Fritz Hauser: Für seine «Chortrommel» stehen in Basel über 80 Leute auf der Bühne.Kenneth Nars

Fritz Hauser zeigt in der Kaserne Basel seine «Chortrommel». Ein Gespräch über die Kunst der Einfachheit.

Mit Fritz Hauser über Musik zu reden, heisst über die Welt zu reden. Der Basler Komponist und Perkussionist zieht zur Beschreibung seiner Kunst gerne Vergleiche aus anderen Metiers heran. Und so wird das Gespräch mit ihm auch eines über’s Kochen, über Architektur, über Sakrales, die Reduktion auf die Essenz. Ab heute Abend ist Hausers Projekt «Chortrommel» in der Kaserne Basel zu erleben. Uraufgeführt wurde es vergangenen August am Lucerne Festival, wo der 65-Jährige als «composer in residence» geladen war.

Herr Hauser, wovon gingen Sie beim Projekt «Chortrommel» aus?

Fritz Hauser: Die Kombination von Stimme und Schlagzeug inspiriert mich schon lange. Die menschliche Stimme erzeugt im Zusammenspiel mit Schlaginstrumenten fantastische Obertöne. So entsteht ein archaisches Klangbild.

Also ein älteres Herzensprojekt?

Auf jeden Fall. Bei keinem anderen Instrument zeigt sich der Mensch so unverfälscht wie bei der Stimme. Bei Chören potenziert sich das noch. Der mehrstimmige Gesang erzeugt eine Art Heimat. Es entsteht ein Klang, dem man sich nicht entziehen kann.

Warum singen zwei Chöre?

Ich habe sowohl mit den Basler Madrigalisten als auch mit dem Contrapunkt Chor bereits zusammengearbeitet. Mich reizte die Idee, diese beiden so unterschiedlichen Chöre zusammenzubringen: hier das kleine hochvirtuose Profi-Ensemble, da die Amateure mit dem grossen Klangvolumen. Gemeinsam mit dem Schlagzeugtrio stehen jetzt rund 80 Personen auf der Bühne.

Sie arrangieren acht Kompositionen zu einem 90-minütigen Stück. Dabei sehen wir die Chöre und die Schlagzeuger in allen nur erdenklichen Konstellationen. Was für eine Rolle spielt der Raum in ihren Musiktheaterarbeiten?

Der Umgang mit dem Raum ist immer inspirierend. Hier haben wir eine Arena kreiert. Ich vergleiche sie scherzeshalber mit einem Leichtathletik-Meeting. Auch da sehen wir den Hochspringer von nah und die Diskuswerferin weit hinten. Diese Dreidimensionalität involviert das Publikum in ganz anderer Weise als bei einer klassischen Bühnensituation. Mich interessiert dabei der Pizza-Effekt.

Was ist denn das?

Sie sehen, wie die Pizza am Ofen gemacht wird, und sie bekommen Lust eine zu essen. So ist es auch in unserer Arena. Sie sehen, wie die Musik entsteht.

Für mich haben Ihre Arbeiten einen sakralen Charakter. Stimmt das?

Sagen wir es so: Ich bin kein religiöser Mensch. Aber ich hab gerne klar definierte Räume. Ich bin ein Gegner von Mehrzweckhallen. Ich mag Bibliotheken, Kirchen oder auch Veloparkings. Diese Räume haben nur eine Bestimmung. In ihnen bündelt sich eine bestimmte Energie. Das macht ihre Qualität aus.

Sie sind als Musiker gestartet, heute kreieren Sie performative Arbeiten, in welchen Licht, Raum und Klang zusammentreffen. Ist Ihnen das normale Konzert zu wenig?

Nein, gar nicht. Für mich ist es ein Pendeln zwischen den Welten. Aber das Performative fängt ja schon bei der Überlegung an, welches Licht wir setzen, welche Kleidung wir tragen. Ich finde deshalb die Welt des Theaters spannend, weil dort all diese Elemente präzis eingesetzt und durchdacht werden. In ähnlicher Weise inspiriert mich die Zusammenarbeit mit dem Berner Architekten Boa Baumann. Ich bin kein Experte in Sachen Architektur und er nicht in Sachen Musik.

Wie muss man sich das vorstellen?

Ich kann ihm beispielsweise den Vorschlag machen, einen 27 Meter hohen Turm zu bauen, der oben nur ein einziges Zimmer hat. So was überlegt sich ein Architekt oft gar nicht, weil er sofort an Statik und an die Probleme der Ausführung denkt. Dasselbe erlebe ich, wenn er mir rät, ich solle ein Konzert mit 100 Schlagzeugern machen. Ich seh da zuerst nur Schwierigkeiten. Dabei geht es ja darum, dass wir die Ideen erst mal freisetzen und ihnen Raum geben.

Was soll denn bei den Besuchern Ihrer Projekte zurückbleiben?

Es geht vielleicht um eine Schärfung der Sinne. Einige Besucher meiner Konzerte sagen mir, dass danach die Geräusche auf der Strasse plötzlich eine andere Bedeutung erhalten. Das trifft sich mit der Philosophie von John Cage. Bei ihm hatte jedes Geräusch einen musikalischen Wert.

Ist Cage eine wichtige Inspiration?

Cage war sicher wichtig. Ihm ging es nicht darum, eine möglichst komplexe Komposition zu entwickeln. Bei ihm ging die Musik einher mit einer philosophischen und spirituellen Grundhaltung. So gesehen, halte ich ihn für eine sehr wichtige Figur im 20. Jahrhundert. Dass er dann auch ein Stück für mich komponiert hat, hat mich natürlich sehr gefreut.

Wie fand er Ihre Interpretation?

Cages Art, einen an seine Musik heranzuführen war einzigartig. Ich hatte viele Fragen an ihn, wie ich nun das Stück umsetzen soll. Er hat nur gelächelt und gesagt: «Es ist Dein Stück.»

Kommt aus dieser Schule Ihr Hang zu einer beinah asketischen Reduktion?

Ich bin gar nicht so asketisch. Die Reduktion, die Sie meinen, hat mehr mit italienischer Küche zu tun oder mit nordischem Design. Ich mag es eben, wenn etwas so einfach wie möglich gehalten ist. Weil das Einfache am meisten Spielraum lässt für die eigenen Gedanken.

Was heisst das für die Musik?

Ich suche immer den kleinstmöglichen gemeinsamen Nenner, um das Grösstmögliche zu erreichen. Wenn man alles auf eine Geste reduziert, entsteht plötzlich eine ungeheure Vielfalt im Ausdruck.

Geben Sie ein Beispiel?

Meine Studenten denken bei meinen Kompositionen oft, das sei ja einfach, das sind ja nur Achtel, immer dasselbe. Die Schwierigkeit besteht jedoch darin, genau diese Einfachheit dynamisch und rhythmisch so präzis einzuhalten, dass Obertöne und ganz neue Klangwelten entstehen.

Hat Einfachheit einen schweren Stand?

Ja. Obwohl, gestern las ich, dass ein südafrikanisches Restaurant zum besten der Welt gekürt wurde. Der Koch dort belässt die Lebensmittel meist so, wie sie sind. Ein roher Fisch, zwei Gräser, ein Stück Moos, ein Glas Wasser, fertig. Es ist mir klar, dass viele sagen würden: «Das ist doch kein Essen!›» Radikale Formen stossen oft auf Unverständnis. Das hindert uns aber nicht daran, sie in die Welt zu setzen.

Ist der «konzentrierte Moment» das passende Stichwort für Ihre Kunst?

Ja. Es ist einfach toll, wenn wir in eine Situation geraten, zum Beispiel ein Konzert, wo wir den Moment voll wahrnehmen, weil wir konzentriert und fokussiert sind. Plötzlich entsteht Klarheit. Von diesen Momenten haben wir ja alle viel zu wenige. Für einen einzigen solchen Augenblick pro Tag hat es sich schon gelohnt, aufzustehen.

Meistgesehen

Artboard 1