Musik

Komponist Michael Wertmüller über Musik, Intensität und seine Oper «Diodati. Unendlich»

Michael Wertmüller

Michael Wertmüller

Michael Wertmüller sieht sich in der romantischen Künstlertradition, wo Leben und Werk eine Einheit bilden. In seiner neuen Oper am Theater Basel «Diodati. Unendlich» geht es um die Suche nach Identität.

Er wirkt ein wenig wie ein scheues Tier, ein Wesen, das aus der Zeit gefallen ist. Mit seinem zerzausten Haar, seinen glasigen, dunklen Augen, dem weichen Berner Dialekt. Während im grossen Saal des Theater Basel die Orchesterprobe läuft, Assistenten und Techniker per Funk dirigieren und organisieren, huscht der Mann von Reihe zu Reihe, sitzt mal ganz oben, mal in der Mitte, mal ganz vorne.

Michael Wertmüller hört genau hin. Hier wird seine neuste Oper «Diodati. Unendlich» einstudiert. Kommenden Donnerstag ist Premiere. Die Musiker im Orchestergraben sind hoch konzentriert. Wertmüllers Kompositionen gelten als schwer spielbar.

Titus Engel, der Dirigent, sagt: «Es ist eine Musik, die auch Leute begeistern kann, die nicht auf neue Musik abfahren. Wegen ihrer rhythmischen Energie, ihrem Groove. Dazu kommen grosse, weite, emotionale Momente, diese Musik ist durchaus romantisch.» Engel interpretiert nicht zum ersten Mal ein Wertmüller-Werk und weiss: «Es ist wie eine Erstbesteigung, bei der man hofft, wirklich oben anzukommen; ein Abenteuer für alle Beteiligten.»

Spieltechnisch fordere der Komponist extrem viel, sagt Engel. «Es dauert eine Weile, bis man den Level erreicht, den er sich vorstellt.» Der Sound sei vor allem rhythmisch sehr komplex. «Es gibt unglaublich viele überraschende Schnitte, wie in einem David-Lynch-Film.»

Auf die Feststellung, seine Musik habe den Ruf, sie sei sauschwer zu spielen, antwortet Wertmüller: «Ja, schon. Unbedingt.» «Ist die Schwierigkeit Konzept?» «Nein. Es passiert mir einfach. Das hat wohl damit zu tun, wie ich aufgewachsen bin. Mit den Kompositionen von Boulez, Lachenmann, Stockhausen, Xenakis und Ligeti oder mit dem Sound des Mahavishnu Orchestra», sagt Wertmüller.

Michael Wertmüller - 22.10.2016 - Batterie - Haus der Kunst, München

Vom Orchestergraben in den Club

Wertmüller ist 1966 in Thun geboren. Nach der Swiss Jazz School studierte er Komposition am Konservatorium Bern und am Sweelinck-Konservatorium Amsterdam. Mitte Neunzigerjahre zog es ihn nach Berlin, wo er heute noch mit seiner Familie lebt. An der Universität der Künste war er bei Dieter Schnebel eingeschrieben. Als Perkussionist verdiente er sich seine Sporen in diversen Orchestern ab, unter anderem beim Berner Sinfonieorchester und dem Concertgebouw Orkest Amsterdam.

Bald tauschte er den Orchestergraben aber gegen die Bühnen in Jazz-Clubs. Das Schweizer Free-Jazz-Urgestein Werner Lüdi hat ihn in diese Welt eingeführt. «Lüdi war eine wichtige Person für mich», sagt Wertmüller. Die beiden vereint eine Grundhaltung: die Suche nach grösstmöglicher Intensität in der Kunst. Mit seiner Jazzcore-Band Alboth! tourte Wertmüller in den Neunzigerjahren weltweit. Mit Peter Brötzmann, dem deutschen Pendant zum im Jahr 2000 verstorbenen Lüdi, spielt er seit Jahren in unterschiedlichen Konstellationen.

Eine tiefe künstlerische Freundschaft verbindet Wertmüller mit den Musikern von Steamboat Switzerland. «Hammond Avantcore Trio» nennt sich die Band, die in ungewöhnlicher Besetzung spielt: Lukas Niggli am Schlagzeug, Marino Pliakas am Bass und Dominik Blum an der Hammondorgel. Das Trio sitzt für «Diodati. Unendlich» mit dem Sinfonieorchester Basel im Orchestergraben.

Wieso immer wieder diese Band?

«Weil jeder einzelne ein Virtuose ist. Sie sind exzessive Musiker, genau wie ich. Sie sind besessen von verrückter, toller Musik. Sie haben wie ich das Bedürfnis, auch mal länger zu proben, in die Nacht hinein, bis zum Morgen früh, bis es klappt. Diese Leidenschaft verbindet uns», erklärt Wertmüller, während das Orchester in die vertraglich vorgeschriebene Probepause geht.

Anders als die Free-Jazzer spielt das Trio seine Programme ab Noten. Ein hoch energetischer Sound, der völlig befreit daherkommt, laut, schnell, kompromisslos an die Schmerzgrenze des Hörbaren gehend. «Es geht immer um Intensität, im Leisen wie im Lauten», so Wertmüller. «Es geht darum, in der Kontrolle möglichst intensiv und frei zu werden. Und es geht um Virtuosität. Kunst kommt ja von Können.»

34. Jazztage - Brötzmann/Pliakas/Wertmüller «Full Blast»

 

Und plötzlich ist sie da

Mit den Jahren hat sich Wertmüllers Schaffen immer mehr zur Komposition hin verlagert. Die Live-Auftritte sind weniger geworden. Das sei auch gut so, meint er. Weil es eben ein organischer Weg sei. «Ich hab mir nicht irgendwann gesagt: ‹Jetzt bin ich Komponist›. Es ist letztendlich aus mir herausgewachsen und nicht ein intellektuelles oder kommerzielles Konstrukt.»

Der 52-Jährige sieht sich eher in der romantischen Künstlertradition, wo Leben und Werk eine Einheit bilden. «Du kannst dich nicht einfach hinsetzen und meinen, du hättest jetzt etwas zu sagen. Im Gegenteil. Man arbeitet viel, und plötzlich ist sie hoffentlich da: die eigene Stimme und Sprache.»

Frankenstein und das CERN

Neben seinen Werken für Orchester, die weltweit aufgeführt werden, komponiert Wertmüller mittlerweile auch für Oper und Theater. 2009 schrieb er in Berlin die Musik für Christoph Schlingensiefs «Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir». Die Oper «Anschlag» nach dem Libretto von Lukas Bärfuss wurde am Lucerne Festival gespielt. Bärfuss und Wertmüller werden 2020 dem Einsiedler Welttheater ihren Stempel aufdrücken.

Mit der Deutschen Dramatikerin Dea Loher verbindet Wertmüller ebenfalls Freundschaft und Arbeit. Ihre Oper «Weine nicht, singe» wurde an der Hamburgischen Staatsoper uraufgeführt. Nun haben die beiden im Auftrag des Theater Basel «Diodati: Unendlich» entworfen.

Ausgangspunkt ist die Entstehung von «Frankenstein». 1816 begaben sich der Autor Percy Shelley, seine spätere Frau Mary, Lord Byron und sein Leibarzt am Genfersee auf die Suche nach der erhabenen Natur. Das Resultat des Aufenthalts in der Villa Diodati war jedoch die Erfindung einer künstlichen Kreatur.

Wertmüller und Loher verbinden diese Geschehnisse mit dem Genfer Zentrum für Kernforschung, CERN, wo nach dem Gottesteilchen geforscht wird. «Ich hab einen Weg gesucht, wie diese beiden Ebenen, das frühe 19. Jahrhundert und die Gegenwart zusammenkommen. Letztendlich ist eine Art Goldener Schnitt aus diesen Elementen entstanden», erklärt Wertmüller.

Das tönt abstrakt. Was aber ist das konkrete Thema? Wertmüller meint: «Letztendlich geht es in dieser Oper um die Suche nach Identität.» Er blickt dabei etwas verloren zur Bühne und wendet sich an den Dirigenten: «Die Streicher. Die Streicher sind zu leise.» Und wieder zum Reporter gewandt. «Es geht natürlich auch hier um Virtuosität und Intensität. Das sagt ja auch unsere Oper: Lebt! Lebt dieses einzige Leben!»


  

«Diodati. Unendlich» Öffentliche Probe: Samstag, 16.02., 11 Uhr. Premiere: Donnerstag, 21.02. Steamboat Switzerland und Michael Wertmüller geben am Sonntag, 17.01., um 11 Uhr ein Konzert im Theater: www.theaterbasel.ch

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